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Afrikanische Schweinepest: „Das Risiko ist deutlich gestiegen“

Wütet das tödliche Virus bald auch in Deutschland? Im Gespräch: Prof. Franz J. Conraths, Leiter des Instituts für Epidemiologie am Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Freitag, 31 Mai

Von Jens Voss

Die Afrikanische Schweinepest breitet sich rasant aus. Seit Sommer 2018 bedroht das Virus auch China – den weltgrößten Schweinefleischproduzenten. Bis zu 200 Millionen Mastschweine könnten dieses Jahr dort der Seuche zum Opfer fallen, befürchtet die niederländische Rabobank, Finanzdienstleister für den Nahrungsmittelsektor. Aber auch in europäischen Ländern findet das Virus neue Opfer. Was sind die Ursachen für die dramatische Ausbreitung? Wie ist die Lage in Deutschland? Besteht die Gefahr, dass der Erreger mutiert und anderen Tieren oder dem Menschen gefährlich wird?

Herr Professor Conraths, die Afrikanische Schweinepest ist vor allem in Asien und Osteuropa auf dem Vormarsch. Warum ist Deutschland bislang verschont geblieben?

Einerseits könnte man sagen, dass wir einfach Glück gehabt haben. Im letzten Sommer hat das Virus Belgien erreicht. Wir vermuten, dass der Erreger in diesem Fall per Lebensmitteltransport von Osteuropa nach Belgien gesprungen ist und dabei Deutschland verschont hat. Andererseits wird in Deutschland auch eine Menge für die Prävention getan, etwa durch umfangreiche Aufklärungsarbeit.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs hierzulande?

Durch das Auftreten in Belgien ist das Risiko, dass die Afrikanische Schweinepest durch wandernde infizierte Wildschweine auf angrenzendes deutsches Gebiet übergreift, deutlich gestiegen. Unabhängig davon schätzen wir die Gefahr einer Einschleppung durch fahrlässiges menschliches Handeln grundsätzlich als hoch ein.

Es heißt, es könnte schon ein weggeworfenes Wurstbrötchen reichen, das mit dem Virus kontaminiert ist, um die Seuche einzuschleppen …

Ja, so ist die Situation. In den afrikanischen Ursprungsländern nehmen Lederzecken das Virus beim Blutsaugen an Warzenschweinen auf und übertragen es auf andere Warzenschweine. Die Warzenschweine erkranken nicht, wenn sie sich infizieren. Gelegentlich wird das Virus auch auf Hausschweine übertragen, die schwer erkranken und in aller Regel an der Tierseuche sterben. In Asien und Europa wird es in erster Linie indirekt über den Menschen verbreitet – zum Beispiel über unachtsam entsorgte Speiseabfälle aus Schweinefleischerzeugnissen, die aus infizierten Tieren gewonnen wurden, oder eventuell aus Futter, das den Erreger enthält. Als wichtige Ausbreitungsursache in China gilt dabei die dort inzwischen verbotene Praxis, Schweineblut an Mastschweine zu verfüttern.

Gerade jetzt im Frühjahr strömen die Menschen wieder in Massen in die Wälder. Gleichzeitig kommt der Wildschweinnachwuchs zur Welt. Rechnen Sie aktuell mit einem erhöhtem Ausbruchsrisiko?

Tatsächlich haben wir im Baltikum gestiegene Infektionszahlen in der warmen Jahreszeit registriert. Ob das mit einem erhöhten Risiko bei uns gleichzusetzen ist, lässt sich schwer sagen. Dafür spricht, dass die ersten Fälle in Tschechien und in Belgien auch im Sommer aufgetreten sind. Grundsätzlich gilt, dass wir das ganze Jahr über wachsam sein müssen.

Dänemark versucht sich mit einem Wildschweinzaun an der Grenze zu Deutschland abzuschotten. Was halten Sie von solchen Maßnahmen?

Aus meiner Sicht ist das fachlich nicht sonderlich fundiert. Erstens sind solche Zäune kaum dicht zu bekommen. Wildschweine sind findige Tiere. Sie werden wahrscheinlich Schwachstellen aufspüren. Außerdem kann und will man nicht den Verkehr zwischen Deutschland und Dänemark einschränken. Zweitens leben in dem Gebiet für deutsche Verhältnisse eher wenige Wildschweine. Drittens und was noch wichtiger ist: Wir haben in Deutschland noch keinen einzigen Fall von Afrikanischer Schweinepest. Deshalb ergibt es aus meiner Sicht keinen Sinn, einen Grenzzaun zu bauen.

Und falls es doch zu einem Ausbruch der Seuche in Deutschland kommt: Welche Szenarien drohen im schlimmsten Fall?

Die Folgen für den Handel wären katastrophal. Selbst wenn bei uns nur ein einziges Wildschwein mit Afrikanischer Schweinepest diagnostiziert würde, müssten wir mit Handelssperren für Hausschweineprodukte in vielen Ländern rechnen. Der Bauernverband spricht von Milliardenschäden.

Wie lässt sich die Seuche nach einem möglichen Ausbruch bekämpfen?

Würde die Afrikanische Schweinepest in Schweinemastbetrieben ausbrechen, könnte man das höchstwahrscheinlich schnell über Isolationsmaßnahmen in den Griff bekommen. Bei Wildschweinen sieht die Sache ganz anders aus. Tierseuchenbekämpfung in der freien Natur ist eine immense Herausforderung. Wir wissen ja in der Regel nicht genau, wie viele Wildschweine tatsächlich in einem Gebiet leben und wo sie sich wann aufhalten.

Für den Fall eines Ausbruchs der Seuche unter Wildschweinen in Deutschland hat Ihr Institut ein Maßnahmenpaket geschnürt. Was verspricht den meisten Erfolg?

Es müsste ein vielfältiges Maßnahmenbündel zum Einsatz kommen. Die Instrumente reichen von vorrübergehenden Jagdstopps und Schutzzonen, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern, über Drohneneinsätze zum Aufspüren von Kadavern bis hin zu Betretungsverboten gefährdeter Gebiete. All das und zusätzlich viele weitere Optionen müsste man unter genauer Abwägung direkt vor Ort ableiten. Wenn Wildschweine sich zum Beispiel in einem sumpfigen Schilfgürtel verstecken, nutzt es wenig, Betretungsverbote zu verhängen, weil sich Menschen dort nun mal nicht aufhalten.

Lässt sich die Afrikanische Schweinepest irgendwann mit Impfstoffen besiegen?

Es gibt seit vielen Jahren intensive Forschungen. Leider sind sie bislang noch nicht von Erfolg gekrönt. Aber als Epidemiologe kann ich nur sagen, dass Tierseuchen schon sehr lange sehr erfolgreich auch ohne Impfstoffe bekämpft werden. Die Rinderpest zum Beispiel wurde einst bei uns mit traditionellen Maßnahmen der Tierseuchenbekämpfung besiegt: Isolation der betroffenen Bestände und als letztes Mittel das Töten der Tiere in den betroffenen Beständen. Entscheidend ist: Wir müssen die bereits angesprochenen menschengemachten Infektionswege unterbrechen. Wenn etwa Schweineblut an Mastschweine verfüttert wird, bietet das den Viren paradiesische Zustände – wie uns der Ausbruch der Seuche in China gezeigt hat.

Besteht die Gefahr, dass das Virus mutiert und damit dem Menschen oder anderen Tieren gefährlich wird?

Ich will nicht sagen, dass das völlig unmöglich ist. Aber es ist extrem unwahrscheinlich. Dieses Virus hat sich im Laufe der Evolution als Wirt auf Warzenschweine und Lederzecken in Afrika spezialisiert. Dass der Erreger einen vollständigen Wirtswechsel durchführt und dann auch noch ausgerechnet den Menschen wählt, ist so gut wie undenkbar.

Müssen wir im Zuge der Globalisierung künftig häufiger mit vergleichbaren Seuchen und Epidemien rechnen?

Ja, das müssen wir. Wir sollten uns weniger auf Hightech-Impfstoffe verlassen. Stattdessen müssen wir uns darauf besinnen, dass der Mensch die weltweite Ausbreitung solcher Tierseuchen durch sein eigenes Handeln in einem großen Maße selbst verantwortet. Wir haben es also selbst in der Hand.

 

Fakten zur Afrikanischen Schweinepest (ASP)

Die Afrikanische Schweinepest ist eine Viruserkrankung. Nach Angaben des Friedrich Loeffler-Instituts (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, befällt sie ausschließlich Haus- und Wildschweine und führt in den meisten Fällen zum Tod des Tieres innerhalb einer Woche.

In den afrikanischen Ursprungsländern übertragen Lederzecken das Virus. Diese spielen in anderen Regionen keine Rolle. Hier kann die Seuche direkt von Schwein zu Schwein oder indirekt über kontaminierte Gegenstände, Nahrungsmittel und Futter übertragen werden.

Menschen und andere Tierarten können sich nicht anstecken. Deshalb ist die Afrikanische Schweinepest für Menschen ungefährlich. Da aktuell weder Impfstoffe noch Therapiemöglichkeiten existieren, können ausschließlich Biosicherheit (insbesondere Einhaltung hygienischer Maßnahmen in Schweinebetrieben) sowie Populationsregulation bei Wildschweinen zur Bekämpfung eingesetzt werden.

Jens Voss

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