Umwelt

Wildschweinhorden lassen Palmöl noch schädlicher werden

Eine neue Studie zeigt, dass Palmölplantagen den Regenwald sogar noch mehr schädigen als durch die Rodung allein – durch sie steigt die Zahl der Wildschweine sprunghaft an.Wednesday, December 27, 2017

Von Hillary Rosner
Große Teile des Regenwalds in Indonesien und Malaysia wurden gerodet, um Platz für Palmölplantagen zu machen. Diese Plantage befindet sich im Bundesstaat Sabah in Malaysia.

Tief im Regenwald des Festlands von Malaysia gab es seit Langem ein Rätsel zu lösen. Seit den späten 1980er-Jahren verzeichneten Wissenschaftler im Pasoh Research Forest, einem gut 600 Hektar großen Urwaldgebiet, das an ein großes Schutzgebiet grenzt, dass die Unterschicht des Waldes verschwindet. Mit der Zeit bemerkten die Forscher, dass sie immer leichter durch den Dschungel vorankamen, ohne sich durch Buschwerk aus Sprösslingen und Bäumchen hacken zu müssen. Die Veränderung gab Anlass zur Sorge, denn die jungen Bäume stellten das zukünftige Baumkronendach dar.

Der Schuldige war schnell gefunden: Wildschweine. Sie reißen Schösslinge ab, um sich daraus ein Nest zu bauen, sie zertrampeln Sprösslinge und sie wühlen den Boden auf. Aber warum wimmelte es im Wald nur so vor Schweinen? Konnte der Rückgang der Bestände großer Raubtiere wie Tiger dafür verantwortlich sein?

Matthew Luskin war skeptisch. Er hatte Monate damit verbracht, durch die Wälder des nahegelegenen Sumatra zu streifen und für seine Doktorarbeit Tiger zu studieren. Er wusste: Wenn der Mangel an Raubtieren das Problem wäre, sollten auch Überpopulationen anderer Beutetiere wie Hirsche und Tapire vorhanden sein. Die gab es nicht.

In einer Studie, die diese Woche bei Nature Communication veröffentlicht wurde, lieferten Luskin und seine Kollegen eine andere Erklärung: Palmöl.

Palmöl ist ein unverzichtbarer Bestandteil in zahlreichen Supermarktprodukten, von Keksen bis Kosmetik und damit ein boomendes Geschäft – und eine Katastrophe für die Umwelt. Rodung um Platz für die Palmölplantagen zu schaffen, ist ein direkter Grund für den massiven Verlust von Regenwald in ganz Indonesien und Malaysia.

Luskins Team hat herausgefunden, dass diese Plantagen außerdem den scheinbar gesunden Wald um sie herum schädigen können. Der Grund für die unkontrollierte Vermehrung der Wildschweine, die die Unterschicht im Pasoh Forest zerstören, ist nicht der Mangel an Tigern. Es ist der Überfluss an Palmen direkt vor ihrer Haustür.

Ein natürliches Experiment

Normalerweise tragen Bäume in den Wäldern von Südostasien nur alle paar Jahre Früchte und Tierpopulationen steigen und sinken mit diesem Nahrungsangebot. In den meisten Jahren gibt es sehr wenig Früchte zu fressen, was die Populationsdichten der Tiere gering hält.

Der Pasoh Forest ist allerdings an drei Seiten von Palmölplantagen umgeben. Ölpalmen sind die ertragreichsten Bäume der Welt – deswegen sind sie wirtschaftlich so wichtig – und sie tragen über ca. 25 Jahre lang durchgehend Früchte. Luskin vermutete, dass die Wildschweine von Pasoh in die Plantagen ziehen, um die heruntergefallenen Früchte zu fressen und dann in den Wald zurückkehren, um dort verheerende Schaden anzurichten.

Die Vegetationsperiode der Ölpalmen – in Verbindung mit reichlich Daten über Baumwachstum, Wildschweinnester und Ölpalmenproduktion der Wissenschaftler in Pasoh – stellte die perfekte Grundlage für ein natürliches Experiment dar, um die Hypothese zu überprüfen. Nach 25 Jahren werden die Ölpalmen unproduktiv, also müssen die Erzeuger die Plantagen abreißen und neu anlegen. In den frühen 2000er-Jahren rodeten die Erzeuger um Pasoh ihre Bäume komplett und ersetzten sie.

Plötzlich gab es keine Palmfrüchte mehr – und obwohl die Umweltbedingungen in Pasoh sich nicht veränderten, brach die Wildschweinpopulation zusammen. In einem gut 50 Hektar großen Gebiet des Waldes sank die Zahl von Wildschweinnestern rapide von mehr als 300 vor der Rodung der Palmen auf nur ein einziges Nest nur ein paar Jahre später. Als die neuen Ölpalmen schließlich wieder Früchte trugen, kamen die Wildschweine mit der gleichen Geschwindigkeit zurück: Innerhalb weniger Jahre gab es wieder hunderte von Nestern.

Ein Wildschwein auf Borneo frisst eine Banane. Ihnen schmecken auch Palmfrüchte.

Wildschweine richten enorm viel Zerstörung an, wenn sie in großer Zahl auftreten. Sie reißen nicht nur tausende von Bäumen aus und wühlen den Boden auf, sie fressen auch alles, was sich auf dem Waldboden befindet: Samen, Eier, Eidechsen. Außerdem vermehren sie sich schneller als jedes andere große Tier auf der Welt. Die Weibchen können bis zu zwei Würfe mit jeweils 9 bis 12 Jungtieren pro Jahr bekommen. Frühere Forschung zeigte, dass Wildschweine in Jahren großer Populationsdichte mehr als die Hälfte der Baumschösslinge in einem Gebiet zerstören können.

Doch Luskin, ein Forscherkollege der Nanyang Technological University in Singapur und das Smithsonian Tropical Research Institute (und auch ein Zuwendungsempfänger der National Geographic Society) glauben, dass Makaken sich irgendwann als genauso problematisch erweisen werden. Die Anzahl der Affen steigt in der Nähe von Palmölplantagen ebenso sprunghaft an und wie die Schweine fressen sie alles, was verfügbar ist, von Früchten über Küken bis hin zu Fröschen. „Niemand hat sich bislang mit diesen Auswirkungen beschäftigt“, sagt Luskin.

Grössere Flächen sind besser

Ökologen haben einen Namen für dieses Phänomen, schreiben er und seine Kollegen: Wenn Tiere, die von Landwirtschaft profitieren, „die ökologischen Auswirkungen von Kultivierung in weit entfernte Nahrungsketten in scheinbar unberührten Gebieten einschleppen“, spricht man von einer „Subventionskaskade“.

Die Wissenschaftler waren jedoch überrascht, wie weit dieses Phänomen hier ging. Alle Forschungsorte waren tief im Wald gelegen, immer über einen Kilometer von der Waldgrenze und den Ölpalmen entfernt.

Palmölplantagen belassen manchmal Waldstücke im Urzustand, um vom Roundtable on Sustainable Palm Oil als „nachhaltig“ zertifiziert zu werden. Diese „extrem schützenswerten“ Gebiete sind oft kleine Flecken in einem Meer aus Palmen. Luskin, der Dutzende solcher Regenwaldflecken in Sumatra besucht hat, bezeichnet sie als „Schweine- und Makaken-Zoos“. Er denkt, dass sie nicht ausreichen könnten.

„Eine Lösung war bislang, diese Regenwaldflecken als Oasen für die Natur zu behalten“, sagt er. „Aber diese Strategie wird langfristig vielleicht durch diese unsichtbaren Vorgänge nicht funktionieren. Die gibt es aber und sie höhlen den Wald langsam aus.“

Um die Ökosysteme des Regenwalds vor den Plagen der palmfrucht-gefütterten Schweine und Affen zu schützen, fährt er fort, müsste man vielleicht Gebiete schaffen, die „viel größer sind, als wir bisher angenommen haben. Dieser Artikel weist darauf hin, dass wir unsere Naturschutzgebiete dringend vergrößern müssen, wenn wir sie langfristig behalten wollen.“

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