Halten Krähen Trauerfeiern für ihre Toten ab?

Die hochintelligenten Corviden versammeln sich um tote Artgenossen – hinter dem Verhalten steckt allerdings etwas anderes.Freitag, 28. Juni 2019

Wer schon einmal den klagenden Ruf der Trauertaube (Zenaida macroura) vernommen hat, fragt sich vielleicht, ob Vögel um ihre Toten trauern. Insbesondere die Berichte darüber, dass Krähen sich nach dem Tod eines Artgenossen wie zu einer Trauerfeier um dessen Leichnam versammeln, werfen die Frage auf, was genau die Tiere da eigentlich tun.

Laut Kaeli Swift, einer Forscherin für Umweltwissenschaften an der University of Washington, sei es bei den hochintelligenten Corviden, zu denen neben Krähen auch Raben, Häher und Elstern gehören, durchaus üblich, sich um gefallene Kameraden zu versammeln.

Krähen sogar noch schlauer als gedacht
Es ist weithin bekannt, dass Geradschnabelkrähen Zweige benutzen, um Insekten aus ihren Verstecken zu holen. Eine neue Studie lässt aber vermuten, dass die Krähen ihre Zweige zu noch besseren Werkzeugen machen.

Das bedeute allerdings nicht zwingend, dass die Vögel um ihren Artgenossen trauern. Stattdessen versuchen sie wahrscheinlich herauszufinden, ob es in der Umgebung des Toten eine Gefahrenquelle gibt, damit sie diese in Zukunft meiden können.

Im Rahmen einer Studie, die Swift 2015 in „Animal Behaviour“ veröffentlichte, fand sie heraus, dass Amerikanerkrähen Menschen, die tote Krähen in der Hand halten, als Gefahr einstufen und in ihrer Nähe nur noch unter größter Wachsamkeit fressen.

Der Mann hinter der Maske

Zu Beginn ihres zweijährigen Experiments legte Swift an mehr als 100 Stellen im US-Bundesstaat Washington Futter aus, um Krähen anzulocken, die dort nisteten.

Dann stattete Swift 25 Freiwillige mit Masken aus und bat sie darum, 30 Minuten lang gut sichtbar in der Nähe des Futters zu stehen. Die Masken verdeckten die Gesichtsausdrücke der Freiwilligen und ermöglichten es außerdem, die Teilnehmer im Laufe des Experiments auszuwechseln.

Jeder Freiwillige hielt entweder eine tote Krähe in der Hand, stand neben einem toten Rotschwanzbussard – ein Fressfeind der Krähen – oder beides. (Bei den toten Vögeln, die für das Experiment benutzt wurden, handelte es sich ausschließlich um ausgestopfte Exemplare.) In einer Kontrollgruppe war entweder kein Freiwilliger anwesend oder aber einer, der nichts in den Händen hielt.

Fast ohne Ausnahme reagierten die Krähen auf die Menschen mit den toten Vögeln, indem sie Warnrufe für die anderen Krähen ausstießen. Die Menschen, die neben dem Bussard standen und eine tote Krähe hielten, lösten dabei die stärksten Reaktionen aus. In der Kontrollgruppe ohne tote Vögel reagierten die Krähen nicht auf die Freiwilligen.

Die Freiwilligen, die zuvor mit den toten Vögeln assoziiert worden waren, kehrten sechs Wochen lang regelmäßig zu den Futterstellen zurück, jedoch ohne die ausgestopften Vogelattrappen. Trotzdem stießen die Krähen das gesamte Experiment über weiterhin Warnrufe aus, wenn sie die Person sahen, und blieben noch Tage nach dem Erscheinen der Person besonders wachsam in diesem Bereich. Das lässt vermuten, dass die Tiere Menschen, die tote Krähen halten, als Bedrohung einstufen.

Im zweiten Experiment fand Swift heraus, dass die Krähen deutlich weniger stark auf maskierte Menschen reagierten, die eine tote, ausgestopfte Taube in der Hand hielten. Daher vermutet Swift, „dass Krähen empfindlicher auf tote Krähen als auf andere Vögel reagieren“.

Insgesamt demonstrierte sie mit ihrem Experiment, dass Krähen Menschen gegenüber selbst dann misstrauisch sind, wenn sie nur indirekt darauf schließen können, dass sie eine mögliche Gefahr darstellen.

Unvergesslich

Andere Experimente belegten, dass Amerikanerkrähen niemals ein Gesicht vergessen, sagt John Marzluff, ein Biologe der University of Washington und Co-Autor von Swifts Studie.

Diese Fähigkeit ist für die langlebigen, sozialen Vögel auch deshalb wichtig, weil sie viel mit Menschen zu tun haben, die unvorhersehbar reagieren können.

Als Krähe „wollen einen manche Menschen töten, während man von anderen Menschen gefüttert wird“, und dieser Umstand kann sich schlagartig ändern, wenn ein Vogelfreund aus einem Haus auszieht und ein weniger tierlieber Mensch einzieht, erklärt Marzluff.

Daher müssen Krähen in ihrer Interaktion mit uns flexibel sein – und die Studien legen nahe, dass diese Krähen tatsächlich darauf achten, wie sich einzelne Menschen verhalten.

Bei früheren Forschungen haben Marzluff und sein Team das Gehirn von Amerikanerkrähen gescannt und gezeigt, dass der Hippocampus – jene Region, die mit Lern- und Erinnerungsprozessen assoziiert wird – durch den Anblick einer Person aktiviert wird, die eine tote Krähe hält.

„Diese Assoziationen könnten erneuert werden“, wenn die Bedrohung erneut gesichtet wird, erklärt er.

Für ein Experiment stattete Marzluff 2008 beispielsweise Forscher mit Höhlenmenschenmasken aus, die dann loszogen, um Krähen einzufangen. Eine Kontrollgruppe mit anderen Masken, die den US-Politiker Dick Cheney darstellten, ließ die Vögel in Ruhe. Noch Jahre später ignorierten die Krähen die harmlosen Cheneys und stießen beim Anblick der Höhlenmenschenmasken energische Warnrufe aus.

Eine Krähe vergisst also nie ...

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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