Auch Schweine benutzen Werkzeug

Diese Beobachtung könnte Hinweise auf neue kognitive Fähigkeiten bei Schweinen liefern, die der Wissenschaft bislang unbekannt waren.Dienstag, 8. Oktober 2019

Von Christine Dell'Amore

Im Oktober 2015 beobachtete die Ökologin Meredith Root-Bernstein eine Familie seltener Schweine in einem Pariser Zoo, als ihr etwas auffiel.

Eines der Visayas-Pustelschweine – eine vom Aussterben bedrohte Art, die auf den Philippinen beheimatet ist – nahm ein Stück Rinde mit der Schnauze auf und begann, damit zu graben und Erde aufzuwühlen. „Ich sagte: Hoppla, das ist ja cool“, berichtet Root-Bernstein, eine Gastwissenschaftlerin am Musée de l’Homme in Paris und ein National Geographic Explorer. „Als ich in der Fachliteratur nach Werkzeuggebrauch bei Schweinen suchte, fand ich nichts.“

Neugierig geworden besuchte die Forscherin während der folgenden Monate die kleine Schweinegruppe im Jardin des Plantes etliche Male, um das Verhalten noch einmal zu beobachten, jedoch ohne Erfolg. Sie stellte die Theorie auf, dass das, was sie gesehen hatte, in Verbindung mit dem Nestbau stand, dem sich die Visayas alle sechs Monate in Vorbereitung auf die nächsten Frischlinge widmen. Und siehe da, ein Kollege kehrte im folgenden Frühjahr zu den Pustelschweinen zurück und filmte drei der vier Tiere dabei, wie sie Werkzeuge benutzten, um ihr Nest zu vervollständigen, das aus einer Erdkuhle besteht, die sie mit Blättern füllen.

Viele Wildtiere, darunter auch Schimpansen und Delfine, benutzen Werkzeuge, doch noch nie wurde dieses Verhalten bei einem Schwein dokumentiert – weder bei den 17 wild lebenden Arten noch bei Hausschweinen. Das überraschte Root-Bernstein, insbesondere, da die Familie der Suiae (dt.: Echte Schweine) weithin für ihre Intelligenz bekannt ist.

Doch wahrscheinlich ist das gar nicht so unlogisch angesichts der Tatsache, dass wilde Schweinearten – von denen die meisten entweder stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind – so wenig erforscht sind. Leicht könnte der Wissenschaft dieses neu beobachtete Verhalten bislang entgangen sein, sagt Root-Bernstein, deren Studie im September 2019 im Fachmagazin "Mammalian Biology" veröffentlicht wurde.

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Für sie ist das Benutzen von Werkzeugen besonders faszinierend, weil das eine Eigenschaft ist, die die Tiere mit dem Menschen teilen. Außerdem gibt es vielleicht Hinweise auf eine gemeinsame Evolutionsgeschichte. „Es bringt uns den Tieren näher“, sagt sie. „Und es verhilft uns zu der Erkenntnis, das alles miteinander in Verbindung steht.“

Reihenfolge spielt eine Rolle

Für die Studie filmten Root-Berstein und ihre Kollegen die Schweineeltern und ihre beiden Nachkommen viermal bei der Benutzung von Werkzeug im Jahr 2016 und noch weitere siebenmal 2017. Die Wissenschaftler kamen auf die Idee, dass die Tiere vielleicht einfacher zu handhabende Werkzeuge bevorzugen könnten, und legten ihnen zur Überprüfung der Theorie vier Pfannenwender ins Gehege. Allerdings wurde nur einer von ihnen zweimal genutzt.

Dem Team fiel auf, dass die Tiere – insbesondere die Schweine-Mama Priscilla – die Werkzeuge immer mitten im Nestbauprozess nutzen. Laut Root-Bernstein stellt das eine Beständigkeit in der Ereignisabfolge dar, die zusammen mit der Tatsache, dass die Werkzeuge der Schweine Erde zur Seite räumen können, zur wissenschaftlichen Definition des Werkzeuggebrauchs passt: „Die Anwendung von nicht zum Körper gehörenden Objekten (dem Werkzeug), mit deren Hilfe die Funktionen des eigenen Körpers erweitert und die physikalische Beschaffenheit eines anderen Objekts, eines Stoffes, einer Oberfläche oder eines Mediums verändert werden kann, um auf diese Weise ein unmittelbares Ziel zu erreichen.“

Die Forscher vermuten, dass Priscilla selbst gelernt haben könnte, wie man das Werkzeug benutzt, und dieses Wissen an ihren Partner und die Nachkommen weitergegeben hat.

Root-Bernstein ist sich vollkommen im Klaren darüber, dass die ihr vorliegenden Daten sehr begrenzt sind und dass das Verhalten in Gefangenschaft beobachtet wurde, wo Tiere andere Verhaltensweisen zeigen könne als in freier Wildbahn. Sie ist jedoch auch der Meinung, dass durch Gefangenschaft ausgelöstes Verhalten meist von häufiger Wiederholung gekennzeichnet ist, wie beim Auf- und Ablaufen. Der Werkzeuggebrauch trat hingegen selten und nur im spezifischen Kontext des Nestbaus auf.

Kulturelle Verhaltensweisen?

Es sei gut möglich, dass auch wilde Visayas Werkzeuge benutzen, fügt sie hinzu. Fernando Gutierrez, der Präsident der philippinischen, gemeinnützigen Umweltschutzstiftung Talarak Foundation Inc., die sich für den Schutz der Pustelschweine einsetzt, stimmt ihr zu.

Vor ein paar Jahren hat Gutierrez eine Gruppe wilder Visayas dabei beobachtet, wie sie Steine gegen einen Elektrozaun schubsten, um ihn auf Spannung zu testen. „Sie warteten jedes Mal, wenn die Steine den Zaun berührten, ob es ein Geräusch gab oder nicht“, schrieb er in einer E-Mail. „Wenn es klickte, bedeutete das, dass Strom auf dem Zaun war, und sie zogen sich daraufhin zurück und versuchten nicht, ihn zu überwinden. Gab es kein Geräusch, bedeutete das, dass es sicher war, sich die andere Seite des Zauns genauer anzusehen.“

„Sie sind wirklich kluge Burschen“, meint er.

Seltene Aufnahmen des geheimnisvollen Riesenwaldschweins
Endlich wird das mysteriöse Riesenwaldschwein wieder untersucht. Ironischerweise bekommen Menschen den größten Vertreter der Schweine nur selten zu Gesicht – teils auch, weil die Tiere gejagt werden.

Rafael Reyna-Hurtado, ein National Geographic Explorer und Wildtierökologe, der das afrikanische Riesenwaldschwein erforscht, weist ebenfalls auf den geringen Umfang der Beobachtungsreihe und die Zoo-Umgebung hin. Er ist jedoch auch der Meinung, dass die Erkenntnisse Wildschwein-Forscher anspornen sollten, gezielter nach Werkzeuggebrauch Ausschau zu halten – ihn selbst eingeschlossen.

In Uganda beobachtete Reyna beispielsweise Riesenwaldschweine – die größte Schweineart der Welt – dabei, wie sie den Boden mit ihren Schnauzen freiräumten, bevor sie sich zum Schlafen oder Ausruhen hinlegten. Werkzeuggebrauch ist ihm dabei jedoch noch nicht untergekommen.

Für Root-Bernstein gibt es noch viele offene Fragen: Vor allem, warum die Schweine sich Mühe mit einem Werkzeug machen, wenn ihre Schnauze genauso effizient ist. Die wahrscheinlichste Antwort darauf ist keine klare funktionelle Erklärung, ebenso wie bei Schimpansen, die sich bei der Fellpflege an den Händen halten, sodass der Fellpflegende nur eine Hand frei hat.

„So funktionieren erlernte und kulturell entwickelte Verhaltensweisen“, sagt Root-Bernstein. „Vielleicht“, fügt sie hinzu, „fühlt es sich auch einfach richtig an.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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