Giftköder im urbanen Raum: Gefahr für Haus- und Wildtiere

Regelmäßig legen Menschen vergiftete Köder aus, um Hunden und der heimischen Fauna zu schaden. Wie man im Ernstfall richtig reagiert und was es bei einem Köderfund zu beachten gilt, erklären zwei Experten.Donnerstag, 31. Oktober 2019

Fast zehn Millionen Hunde leben derzeit in deutschen Haushalten – einzig Katzen übertreffen die Caniden dabei als beliebtestes Haustier der Nation. Gerade in den immer dichter besiedelten Stadtgebieten, in denen Freiräume zusehends knapper werden, sind die vielen Tiere aber nicht bei allen Menschen beliebt. Ein Thema, das in diesem Kontext immer wieder auftaucht und bei Tierhaltern gefürchtet ist, sind Giftköder.

Welche Arten von Giftködern gibt es?

Besonders Rodentizide, die zur Bekämpfung von Nagetieren wie Ratten und Mäusen zum Einsatz kommen, und Molluskizide wie Schneckenkorn werden häufig zur Präparierung von Giftködern genutzt. Daneben können sich Hundehalter auch mit einer Vielzahl an anderen Pestiziden, Insektiziden, Herbiziden und Frostschutzmitteln konfrontiert sehen. Für Nathalie Navarrete gehören solche Notfälle zum Berufsalltag. Die Tierärztin arbeitet im Hamburger Kleintierzentrum Merkurpark. „Im Falle unseres Notdienstes [abends und am Wochenende] sind etwa 10 bis 20 Prozent der Fälle Vergiftungen. In der normalen Sprechstunde sind es vielleicht 5 Prozent oder weniger“, sagt die Veterinärin.

Neben Ködern, die mit toxischen Substanzen gespickt wurden, fallen auch Leckerbissen mit scharfen Gegenständen wie Glasscherben oder Eisenwaren unter den Begriff Giftköder.

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Tiere sind aber nicht nur durch Futter gefährdet, das tatsächlich mit der Absicht einer Tötung ausgelegt wurde. Auch im Haushalt finden sich genügend vermeintlich harmlose Lebensmittel, die für Vierbeiner schnell gefährlich werden können. Navarrete zählt neben Alkohol, Koffein, Knoblauch und Zwiebeln auch Trauben in jeglicher Form auf. „Die enthaltenen Sulfide, die für Hunde giftig sind und sogar zum Tod führen können.“ Auch Schokolade sei für Hunde und Katzen aufgrund des darin enthaltenen Theobromins gefährlich. Die schwach psychotrope Substanz wird von Tieren ähnlich wie Koffein nur langsam verstoffwechselt und kann deshalb schnell zu Vergiftungen führen. Besonders tückisch seien auch Süßigkeiten, die viel Glukose und den Süßstoff Xylit enthalten. „Das führt zu einer starken Ausschüttung von Insulin, was einen lebensbedrohlichen Abfall des Blutzuckerspiegels nach sich ziehen kann. Auch Magen-und Leberschäden bis hin zu einem tödlichen Leberversagen sind möglich.“

Durch Gift verendete Nagetiere sind ebenfalls ein Risiko, da sie für Greifvögel, Füchse oder Freigängerkatzen eine potenzielle Futterquelle darstellen. Im Kadaver ist aber oft noch eine ausreichende Menge Gift vorhanden, um andere Tiere zu schädigen, die davon fressen.

Was geschieht, wenn ein Hund einen Giftköder frisst?

Aufgrund der Vielfalt an potenziellen Wirkstoffen weisen die Symptomkomplexe bei Vergiftungen sowohl Unterschiede als auch Überschneidungen auf, was eine korrekte Diagnose selbst für Tierärzte erschweren kann.

Nagergifte aus der Schädlingsbekämpfung enthalten zumeist gerinnungshemmende Derivate des Pflanzenstoffs Cumarin, die zu inneren Blutungen führen. „Cumarin wirkt sich auf die Blutgerinnung aus. Das heißt, die Tiere würden verbluten, wenn man sie nicht behandelt“, erklärt Navarrete.

Schneckenkorn ist speziell dann gefährlich für Säugetiere, wenn es den Wirkstoff Metaldehyd enthält, der die Schleimhäute des Magen-Darm-Traktes angreift. Krämpfe und ein Anstieg der Körpertemperatur sind charakteristische Symptome einer Schneckenkorn-Vergiftung.

Je nach Wirkstoff können die Vergiftungssymptome sofort oder erst einige Tage nach dem Verzehr der Giftköder auftreten, weshalb Navarrete und ihre Kollegen im Kleintierzentrum lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn ein Hund, der Giftköder gefressen hat, sich vor seinem Eintreffen beim Tierarzt beispielsweise schon erbrochen hat, kann es sein, dass erste Tests negativ ausfallen. „Reste des Wirkstoffs können aber bis zu sechs Wochen im Körper verbleiben. Deswegen kontrollieren wir das Tier nach drei Tagen erneut und messen auch die Gerinnungswerte noch mal.“

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Häufig deuten Erbrechen, Durchfall, blutiger Urin und Stuhl sowie starkes Zittern und Koordinationsstörungen auf eine akute Vergiftung hin. Im Einzelfall können sich Zunge, Schleimhäute oder Haut blau verfärben – ein Hinweis auf den Wirkstoff Zinkphosphid oder Cumarin-Derivate.

Köder, die mit scharfen Gegenständen versehen wurden, hinterlassen im Maul- und Rachenraum oft schon direkt beim Verzehr ihre blutigen Spuren. Auch in Speiseröhre und Magen verletzten sie das Gewebe und sorgen so für innere Blutungen.

Einen Überblick über diverse Wirkstoffe und Wirkungen bietet ein kostenloses E-Book, das der Futtermittelhersteller Josera unterstützt von PETA, einem Tierarzt und einem Hundetrainer erstellt hat.

Sofortmaßnahmen bei Vergiftungen

Das große Problem bei der Aufnahme von Giftködern ist, dass der Besitzer den Vorgang oft erst bemerkt, wenn der Vierbeiner den vermeintlichen Leckerbissen schon verschlungen hat. Die größte Herausforderung besteht für viele Tierhalter dann darin, einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Wenn Sie sicher sind, dass Ihr Hund einen Giftköder gefressen hat, müssen Sie sofort in einer Tierklinik anrufen, um den Notfall anzukündigen“, sagt Navarrete. Sollte man dort niemanden erreichen, gibt es in jedem Bundesland eine Giftnotrufzentrale. Danach gilt: schnell in die Klinik. Damit das Tier nicht unnötig Stress bekommt, sollte man sich so ruhig wie möglich verhalten, rät Navarrete.

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Wer kein Auto hat und sich vielleicht gerade mitten im Park wiederfindet, kann in einem dringenden Notfall auch die Feuerwehr kontaktieren, um den Transport in die Klinik zu organisieren. Die Kosten für den Einsatz muss der Halter selbst tragen, aber die schnelle Ankunft beim Tierarzt kann ausschlaggebend sein: „Das Tier sollte in den ersten zwei Stunden behandelt werden“, so Navarrete.

Vergiftete Wildtiere: „Die Dunkelziffer ist sicher enorm hoch.“

Für wen genau ein Giftköder bestimmt ist, lässt sich meist nicht sagen – aber oft genug zielen sie gar nicht auf Haustiere, sondern auf Wildtiere ab. Am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin ist man mit der Problematik vertraut. Dort landen nicht nur die toten Wölfe aus der ganzen Bundesrepublik auf den Seziertischen, um die Todesursache zu ermitteln. Auch verstorbene Luchse, Füchse und Vögel werden regelmäßig angeliefert.

Dr. Oliver Krone ist an der Institutsabteilung für Wildtierkrankheiten auf Greifvögel spezialisiert. Mehrmals im Jahr werden dem Institut verstorbene Mäusebussarde, Habichte und andere heimische Arten aus dem Raum Berlin mit Verdacht auf Vergiftung zugeschickt. Nicht immer kann ein Gift nachgewiesen werden. Wenn doch, handelt es sich nicht selten um illegale Substanzen. „Wir wundern uns auch, wo die Leute die noch herbekommen“, sagt Krone.

Laut ihm sind es meist Mitglieder bestimmter Interessengruppen, die es auf die heimische Fauna abgesehen haben. „Das sind in der Regel Menschen, die Tiere halten oder nutzen, die gelegentlich von Greifvögeln oder Füchsen gefressen werden.“ Gerade Greifvögel haben Krone zufolge manchmal einfach Pech, wenn sie vermeintlich auf frischer Tat ertappt werden, aber eigentlich nur an den Resten von Kaninchen oder Geflügel fressen, die in der Nacht zuvor von Füchsen im Gehege erlegt wurden.

Auch Taubenzüchter haben es mitunter auf Greifvögel abgesehen. Wenn sie ihren Taubenschlag täglich zur immer gleichen Uhrzeit öffnen, könnten sie Habichte oder Wanderfalken unbeabsichtigt darauf konditionieren, dort auf „leichte Beute“ zu warten, erklärt Krone.

„Auch in der Jägerschaft gibt es gelegentlich schwarze Schafe, die Niederreviere haben und dort Fasane oder Rebhühner aussetzen. Die wollen dann die Tiere, die sie für die eigene Jagd ausgesetzt haben, davor bewahren, von Habichten oder Mäusebussarden geschlagen zu werden.“

Aufklärung und Prävention

Naturgemäß werden nicht alle vergifteten Wildtiere, die unbemerkt versterben, auch gefunden oder gemeldet. „Die Dunkelziffer ist sicher enorm hoch“, sagt Krone.

Deshalb ist jeder Fund für Forscher wie ihn und seine Kollegen wichtig und muss gut dokumentiert werden – nicht zuletzt, um auch andere Wild- und Haustiere zu schützen. Wer als Passant ein totes Tier findet, das möglicherweise vergiftet wurde, sollte deshalb die Polizei verständigen. Die würden dann die entsprechenden Schritte einleiten, erklärt Krone: „Sie dokumentieren die Situation vor Ort mit Fotos, inklusive Übersichtsaufnahmen, sodass auch das Gelände und der Hintergrund erkannt werden können. Datum und Uhrzeit werden erfasst und eventuell werden weitere mögliche Giftköder in der näheren Umgebung nachgesucht.“

Potenzielle Giftköder müssen sichergestellt werden, um Tiere und spielende Kinder nicht zu gefährden. „Geeignete Labore oder Untersuchungsämter können dann einen entsprechenden Nachweis durchführen“, so Krone.

Raubtiere haben es im dicht besiedelten Deutschland generell nicht leicht. Es gibt nur wenige naturbelassenen Nischen, in denen sich große Beutegreifer wie Wölfe und Luchse mehr oder minder ungestört ausbreiten können. Im überwiegenden Teil des Landes müssen sie sich, genau wie Füchse und Greifvögel, ihren Lebensraum mit dem Menschen teilen, sodass Konflikte vorprogrammiert sind.

Auch deshalb ist es für die Forscher am IZW so wichtig, die Thematik der Giftköder weiterzuverfolgen. Und deshalb wird auch jedes Tier sorgfältig inspiziert, das auf den Untersuchungstischen des Instituts landet. „Für uns ist es wichtig, die Todesursache festzustellen“, erklärt Krone, „da sie in gewissem Maß auch immer reflektiert, wie wir mit den Tieren in der freien Natur umgehen.“

 

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