Hunde – die vergessenen Opfer der Opioidkrise

Zum ersten Mal haben Forscher untersucht, welche Folgen der Opioidkonsum in den USA auf Hunde hat.

Thursday, February 6, 2020,
Von Douglas Main
Hund im Schnee
Kleine und junge Hunde haben eine größere Chance, sich an Opioiden zu vergiften – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Anrufe bei einer Giftnotrufzentrale in den USA auswertete.
Bild Joel Sartore, Nat Geo Image Collection

Hunde sind von Natur aus neugierig – und die meisten von ihnen fressen alles, was ihnen vor die Nase kommt. Nicht selten bringen sie sich damit in Schwierigkeiten. Tierärzte wie Amelia Nuwer können davon ein Lied singen.

In der Notaufnahme der Kleintierklinik der University of Florida werden Hunde behandelt, die durch alle möglichen legalen und illegalen Drogen vergiftet wurden. Zu diesen toxischen Substanzen gehören auch Opioide: rezeptpflichtige Schmerzmittel, Heroin und synthetische Opioide wie Fentanyl.

Im Jahr 2017 sind in den USA mehr als 47.000 Menschen durch eine Überdosis an solchen Mitteln gestorben. Die Opioidkrise des Landes ist ein heiß diskutiertes Thema. Weniger Beachtung finden dabei Haustiere, die ebenfalls gefährdet sind, wenn ihre Halter die Mittel nicht sicher aufbewahren.

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Wenn Hunde Opioide zu sich genommen haben, wirken sie oft betäubt, im schlimmsten Fall sogar komatös. Mit solchen Fällen hat Nuwer alle paar Monate zu tun.

„Sie sind mental abgestumpft und haben oft einen langsamen Herzschlag und einen niedrigen Blutdruck“, erzählt sie. Die Hunde leiden also an ähnlichen Symptomen wie Menschen, die eine Überdosis konsumiert haben. Die Drogen „schwächen die Herzfunktion […] und die Atmung – und daran können sie letztlich auch sterben.“

Zum ersten Mal haben Forscher nun das Ausmaß der Opioidvergiftungen bei Hunden untersucht. Für ihre Studie, die in „PLOS ONE“ erschien, analysierten sie Anrufe bei einer Giftnotrufzentrale für Haustiere. Pro Jahr gingen im Schnitt fast 600 Anrufe von Tierhaltern ein, deren Haustiere versehentlich Opioide gefressen hatten.

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Zwischen 2006 und 2014 wurden der US-Zentrale, dem Animal Poison Control Center, 5.162 solcher Fälle gemeldet. Das sind fast drei Prozent der 190.000 Anrufe, die Hunde betrafen. Das Center speicherte zudem Daten zu Rasse, Alter und Gewicht der Hunde. So fanden die Forscher heraus, dass kleine, junge Hunde mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Opioidvergiftung erleiden, erzählt Mohammas Howard-Azzeh. Der Hauptautor der Studie ist ein Doktorand für Veterinär-Epidemiologie an der University of Guelph.

Dieser Umstand ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass jüngere Hunde neugieriger sind. Außerdem können sich kleinere Tiere aufgrund ihres geringen Körpergewichts schneller vergiften.

„Welpen sind ziemlich aktiv, und viele Leute sichern ihr Zuhause nicht angemessen ab“, sagt Tina Wismer, die Direktorin der Giftnotrufzentrale, die von der American Society for the Prevention of Cruelty to Animals betrieben wird.

Der Studie zufolge deuten die Anrufaufzeichnungen darauf hin, dass Toy-Rassen und Jagdhunde am ehesten Vergiftungen erleiden. Außerdem bezogen sich die Anrufe häufiger auf intakte, also nicht kastrierte und nicht sterilisierte Hunde – ein Umstand, den die Forscher nicht mit Sicherheit erklären können, wie Howard-Azzeh sagt. Abgesehen davon hatten das Geschlecht und der Fortpflanzungsstatus keinerlei messbaren Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Vergiftung.

Glücklicherweise können Hunde ebenso wie Menschen im Falle einer Opioidvergiftung mit Naloxon behandelt werden. Der Opioid-Antagonist bekämpft die Vergiftungserscheinungen, indem er sich an dieselben Rezeptoren bindet wie die Opioide. „Wir können ihnen einfach Naloxon geben, bis sich ihr Zustand wieder normalisiert hat“, sagt Nuwer.

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Die richtige Behandlung für einen vierbeinigen Patienten ist allerdings immer eine Einzelfallentscheidung. Wenn die Halter nicht wissen – oder nicht sagen wollen –, welches Mittel ihr Hund geschluckt hat, kann das die Ärzte vor Probleme stellen. Nuwer zufolge passiert das sogar recht häufig, insbesondere, wenn illegale Substanzen im Spiel sind.

„Wenn ihre Hunde irgendwas [Illegales] gefressen haben, haben die Leute Angst, dass wir die Polizei rufen“, sagt sie. Die Tierärzte sind in den USA aber nicht dazu verpflichtet, illegalen Drogenkonsum zu melden, und tun das für gewöhnlich auch nicht, solange die Menschen keine Gefahr für sich oder andere darstellen, so Nuwer. „Unser Ziel ist es, den Tieren zu helfen, und nicht, den Drogenkonsum der Halter zu melden.“

Neben Opioiden können auch frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol für Hunde gefährlich werden und zu Nieren- bzw. Leberschäden führen. Auch Herzmedikamente, Antidepressiva und ADHS-Medikamente landen oft im falschen Rachen.

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Im Bereich der Lebensmittel war Schokolade die häufigste Ursache für Vergiftungen, da das enthaltene Theobromin für Hunde giftig ist. Eine solche Vergiftung behandeln Tierärzte zumeist, indem sie ein Erbrechen herbeiführen.

Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass die Anzahl der Anrufe die Anzahl der Medikamentenverschreibungen auf nationaler und lokaler Ebene widerspiegelte: In Bezirken, in denen mehr Rezepte ausgestellt wurden, verzeichneten die Studienautoren auch mehr Anrufe bei der Giftnotrufzentrale.

In den letzten vier Jahren fiel die durchschnittliche Zahl der Anrufe laut Wismers Daten auf unter 500 – trotz der Opioidkrise, die in den USA zahlreiche Menschenleben fordert. Womöglich bleibt die Zahl vergifteter Hunde derzeit dennoch relativ niedrig, weil die Opioide bereits kurz nach dem Kauf eingenommen werden und für Hunde daher keine so große Wahrscheinlichkeit besteht, an herumliegende Packungen zu gelangen.

Die meisten Vergiftungsfälle könnten leicht vermieden werden, erklärt Carolyn Martinko, eine Doktorandin der Veterinärmedizin an der University of Guelph. Sie hat an der aktuellen Studie nicht mitgewirkt. „Man muss mehr Aufmerksamkeit für das Thema schaffen, indem man die Hundehalter daran erinnert, Opioide außer Reichweite von Tieren und Kindern aufzubewahren. Und man muss sie darüber informieren, einen Tierarzt zu konsultieren, bevor sie ihrem Haustier Medikamente verabreichen, die ihm nicht verschrieben wurden.“

Falls es doch zum Schlimmsten kommt und der eigene Hund etwas frisst, das für ihn gefährlich sein könnte, „dann scheuen Sie sich nicht, es dem Tierarzt zu sagen“, mahnt Nuwer.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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