Cat Tracking: GPS-Daten zeigen, wo Katzen sich rumtreiben

Auf den Spuren von 900 Katzen: Um Haus- und Wildtiere besser zu schützen, haben Forscher den Bewegungsradius der Stubentiger analysiert.Donnerstag, 12. März 2020

Das Ziel des umfangreichen, internationalen Projekts Cat Tracker war recht einfach: Wissenschaftler wollten herausfinden, wohin Katzen gehen, wenn sie das Haus verlassen. Schon früher hatten Forscher versucht, diese Frage zu beantworten, indem sie Katzen zu Fuß folgten oder ihre Halsbänder mit Funksendern ausstatteten. Keine der bisherigen Studien hatte jedoch das Ausmaß von Cat Tracker: Je eine Woche lang trugen fast 1000 Katzen aus vier Ländern GPS-Tracker, die aufzeichneten, wie weit sie sich von ihrem Zuhause entfernten und wohin sie gingen.

Nach sechs Jahren gibt es nun Ergebnisse. Ein neuer Bericht des Cat Tracker-Teams, der im Fachmagazin „Animal Conservation“ erschien, kam nach der Datenanalyse zu dem Schluss, dass für die meisten Katzen wohl das Motto „Home Sweet Home“ gilt.

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„Mich hat es überrascht, wie wenig sich all diese Katzen bewegt haben“, sagt der Studienautor Roland Kays vom North Carolina Museum of Natural Sciences. „Die meisten von ihnen verbrachten ihre gesamte Zeit im Freien in einem Umkreis von 100 Metern um ihr Zuhause.“ Das sind gute Nachrichten für alle, die befürchten, ihre Katzen würden in Parks, Naturschutzgebieten oder sonstigen naturnahen Bereichen herumstromern. Trotzdem offenbart die Studie, dass Hauskatzen auch in ihrem kleinen Aktionsradius ökologischen Schaden anrichten und sich selbst in Gefahr bringen können.

Michael Cove ist ein Katzenexperte des Smithsonian Conservation Biology Institute, der untersucht hat, welchen Einfluss wilde und streunende Katzen auf den Florida Keys auf kleine, gefährdete Säugetiere haben. Er lobte die Studie als „eine beeindruckende Leistung“.

„Ich weiß von keinen anderen Studien, die die räumliche Ökologie so vieler einzelner Hauskatzen untersucht haben – oder überhaupt irgendeiner domestizierten Tierart“, sagt er.

Wie weit laufen Freigänger?

Katniss Everdeen – eine langhaarige, einjährige Katze mit blauen Augen aus Durham in North Carolina – war im Rahmen der Studienergebnisse eine sehr typische Teilnehmerin. Wie die meisten untersuchten Katzen blieb sie größtenteils im Umkreis ihres Hauses und auf der bewaldeten Fläche dahinter. Allerdings besuchte sie die Wohnblöcke zu beiden Seiten ihres Hauses mehrmals und überquerte dreimal die zweispurige Straße vor ihrem Haus. Einmal lief sie zu einem mehr als 300 Meter entfernten Parkplatz. Der GPS-Tracker an ihrem Geschirr zeichnete ihren Standort alle drei Minuten auf und offenbarte einen Aktionsradius von ungefähr anderthalb Hektar.

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Damit war sie sogar etwas umtriebiger als die meisten Katzen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer blieb in einem Bereich von etwa einem Hektar, was ungefähr der Fläche von zwei amerikanischen Footballfeldern entspricht.

Allerdings gab es auch ein paar Ausreißer. Etwa 7 Prozent der Katzen deckten mehr als zehn Hektar ab, und ein paar Individuen hatten noch deutlich größere Streifgebiete. Der Rekordhalter war Penny, ein junges Weibchen aus einem Vorort von Wellington in Neuseeland. Sie streute über die Hügel hinter ihrem Haus und deckte eine Fläche von mehr als 7,5 Quadratkilometern ab.

Ein anderer Langstreckenläufer war ein kastrierter Kater aus dem Südwesten Englands, der sich völlig anders verhielt als die anderen Tiere der Studie. Max folgte der Straße von dem Dorf St. Newlyn East aus bis nach Trevilson – mehr als anderthalb Kilometer –, kehrte dann um und lief zurück. Warum er diese Strecke zweimal während der sechs Tage lief, in denen er den GPS-Tracker trug, ist nicht bekannt.

Abgesehen von diesen unerschrockenen Entdeckern hatten die meisten Hauskatzen deutlich kleinere Streifgebiete als ihre herrenlosen Verwandten oder Arten wie Ozelots, resümiert die Studie. Der Grund dafür scheint offensichtlich: Haustiere werden zu Hause gefüttert und müssen keine großen Gebiete durchstreifen, um ihre nächste Mahlzeit zu finden. Außerdem sind die meisten Hauskatzen kastriert oder sterilisiert, weshalb sie nicht auf die Suche nach Partnern gehen.

„Ohne Futter und Sex als Motivatoren scheinen die meisten Hauskatzen sich mit einer Existenz als Stubenhocker zufrieden zu geben“, sagt Kays.

Die Forscher rechneten mit Unterschieden in den Ausflügen der Katzen aus unterschiedlichen Ländern. In den USA sind beispielsweise Kojoten weit verbreitet und könnten für die Katzen einen einschränkenden Faktor darstellen. Tatsächlich blieben sie aber überall recht nah an ihrem Zuhause –nur die australischen Katzen hatten tendenziell noch kleinere Streifgebiete als alle anderen. „Katzen sind überall faul“, schlussfolgert Kays.

Andere Erkenntnisse der Studie zeigen, dass die Männchen größere Strecken zurücklegen als die Weibchen, intakte Katzen mehr laufen als kastrierte oder stilisierte, junge Katzen mehr als alte und Katzen auf dem Land mehr als Stadtkatzen.

Jäger auf der Pirsch

In den letzten Jahren gab es zunehmend Bedenken darüber, welchen Schaden Katzen den lokalen Wildtierbeständen zufügen, insbesondere Vögeln und Reptilien. Anhand der GPS-Daten lässt sich nicht nur ablesen, wie weit Katzen umherstreifen, sondern auch, welche Orte sie aufsuchen. Drei Viertel der beobachteten Katzen verbrachten fast ihre gesamte Zeit in Gärten, Hinterhöfen und anderen künstlich gestalteten Orten. Auf den ersten Blick scheint das beruhigend. Wie viel Schaden kann Miezi auf Terrassen und zwischen Blumenbeeten schon anrichten? Die Studie zeigt allerdings, dass die Stubentiger einen übermäßig großen Effekt auf Wildtierbestände haben können, wenn sich ihre Jagdbemühungen auf sehr kleine Gebiete beschränken. Bedenkt man die große Zahl der Hauskatzen – 2018 waren es in Deutschland ungefähr 14,8 Millionen –, wird deutlich, dass sie lokal einen enormen Einfluss haben können.

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„In urbanen Gebieten sind die Wildtiere ohnehin schon durch die Fragmentierung der Landschaft und bauliche Erschließung betroffen“, sagt Troi Perkins. Sie ist eine Studentin an der North Carolina State University und eine der Studienautorinnen, die die gesammelten Daten aus den USA verwaltet haben.

„Je mehr Katzen draußen herumstreuen, desto mehr Stress und Todesfälle kann es unter den wildlebenden Arten geben“, sagt sie. „Der ökologische Einfluss der Freigänger kann sogar noch stärker sein, wenn es in der Gegend gefährdete Tierarten gibt.“

Gefahren im Freien

Etwa 10 Prozent der beobachteten Katzen verließ die Gartenbereiche und verbrachten den Großteil der Zeit in Naturgebieten. Sie wanderten durch Wälder und Feuchtgebiete und konnten dort Tierarten jagen, die in von Menschen dominierten Landschaften nicht vorkommen. Allerdings befanden sie sich dort auch selbst in Gefahr – Kojoten und Dingos machen mitunter Jagd auf Katzen.

Die Studienergebnisse bestätigten aber noch eine andere Gefahrenquelle für Katzen: Autos. Die durchschnittliche Katze überquerte während der sechs Tage der Beobachtung viereinhalb Mal gefährliche Straßen. „Als die Besitzer die Daten über ihre Katze erhielten, machten sich viele von ihnen mehr Sorgen darüber, dass ihr Haustier Straßen überquerte – und weniger darüber, dass es Jagd auf Wildtiere macht“, sagt Heidy Kikillus, die das neuseeländische Team leitete. Als sie einige Monate später noch mal Kontakt zu den Besitzern aufnahm, waren ein paar der Katzen tatsächlich schon überfahren worden.

Furchtlose Katzen

Auch wenn die Studie uns neue Einblicke in das Leben unserer Hauskatzen gewährt, gibt es den Forschern zufolge noch so viel mehr zu lernen. Zu wissen, wohin die Katzen gehen, ist ein wichtiger Fortschritt. Um ihren Einfluss auf die Umwelt und ihre eigene Gefährdung aber wirklich zu verstehen, muss man wissen, was genau sie tun.

Kitty Cams, die Videos aus der Katzenperspektive aufnehmen, sind eine Möglichkeit dafür. Ergänzend kann man Technologien verwenden, die entwickelt wurden, um herauszufinden, wie schnell Geparden bei der Jagd laufen. „Wir arbeiten an neuen Technologien, die hochauflösenderes GPS und Beschleunigungsmesser kombinieren. Dadurch kann man das Verhalten von Katzen genauer analysieren – insbesondere, wie oft und wo sie jagen“, sagt Kays.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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