Einzigartig: Dieses Beuteltier ist ununterbrochen trächtig

Sumpfwallabys sind die einzigen Säugetiere, die schon wieder trächtig werden, bevor sie ihren aktuellen Fötus geboren haben. Donnerstag, 5. März 2020

Die meisten Säugetiere können mehrmals in ihrem Leben trächtig werden und legen direkt nach der Geburt auch erst einmal eine Fortpflanzungspause ein, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Für manche Arten ist es auch normal, während ihrer Lebzeit nur einen einzigen Nachkommen oder ein paar wenige zu gebären.

Eine besondere Ausnahme stellen Sumpfwallabys dar: Die hüpfenden Vertreter aus der Familie der Kängurus sind im Osten Australiens zu finden. Forschungen zeigten, dass die meisten ausgewachsenen Weibchen dieser Art fortwährend trächtig sind. Für gewöhnlich kommt es bereits ein bis zwei Tage vor der Geburt ihres Nachwuchses zur nächsten Empfängnis, wie in einer Studie beschrieben wurde, die im März 2020 in „Proceedings of the National Academy of Science“ erschien.

Galerie: Das springende Problem

Wie alle Beuteltiere gebären Sumpfwallabys (Wallabia bicolor) winzige Jungtiere, die im Anschluss direkt in den Beutel der Mutter kriechen und sich an einer Zitze festsaugen. Einige Beuteltiere wie beispielsweise Riesenkängurus können sich schon kurz nach der Geburt erneut paaren – nicht aber vorher, erklärt Brandon Menzies, der Co-Autor der Studie und ein Forscher an der University of Melbourne.

Diese Wallabys sind – mit Ausnahme des Feldhasen – die einzigen Tiere, die schon wieder trächtig werden können, während sie noch trächtig sind. Die Hasen haben allerdings feste Paarungszeiten und sind nicht ihr ganzes erwachsenes Leben über dauerhaft trächtig – weibliche Sumpfwallabys hingegen schon.

Die Studie ist wichtig, denn „ein Verständnis für die Biologie und Endokrinologie der Fortpflanzung bei anderen Arten könnte uns auch wertvolle Lektionen für die menschliche Fortpflanzung vermitteln“, sagt David Gardner von derselben Universität, der an der Studie aber nicht beteiligt war.

Simultane Trächtigkeit: Wie funktioniert das?

Im Normalfall ist es für ein weibliches Säugetier unmöglich, zu empfangen, während es bereits trächtig ist. „Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum man lieber nicht während einer aktiven Schwangerschaft empfangen sollte“, sagt Menzies. Einer dieser Gründe ist anatomischer Natur: Die meisten Tiere haben nur einen Uterus. Wenn sich darin bereits ein Embryo entwickelt, gibt es keinen Platz für einen zweiten. Beuteltiere haben allerdings zwei Uteri – jeder davon mit einem eigenen Eierstock und Gebärmutterhals.

Der zweite Grund hat mit dem endokrinen System zu tun. Hormone, die die Entwicklung eines Fötus unterstützen, unterscheiden sich von denen, die ein Einnisten der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter begünstigen. (Darum enthalten Notfallverhütungsmittel oft Progesteron. Das Hormon unterstützt eine aktive Schwangerschaft, verhindert aber auch den Eisprung.) Menzies zufolge ist bisher nicht ganz klar, wie genau die Empfängnis bei Sumpfwallabys passiert.

Zeitraffer zeigt Baby-Wallaby beim Wachsen im Beutel seiner Mutter

Der Zyklus beginnt, wenn sich ein weibliches Wallaby paart, für gewöhnlich im Januar oder Februar. Da es noch vom Vorjahr trächtig ist, bringt es ein bis zwei Tage später ihr Junges zur Welt, das in den Beutel klettert und dort zu säugen beginnt. Die neu befruchtete Blastozyste, die aus 80 bis 100 Zellen besteht, verfällt in eine Art Ruhezustand, den man als „Embryonaldiapause“ bezeichnet.

Derweil säugt das erste Jungtier weiter und wächst beständig. Ungefähr im September ist dieses Joey bereit, den Beutel der Mutter zu verlassen, sagt Menzies. Zu dieser Zeit sprießt frisches Gras aus dem Boden, da auf der südlichen Hemisphäre dann der Frühling beginnt und genügend Nahrung für den Nachwuchs bietet.

Das Joey braucht nun immer weniger Muttermilch und ungefähr im Dezember ist es dann vollständig entwöhnt. Dadurch wird das Wachstum des inaktiven Embryos wieder ausgelöst. Einen Monat später wird dann das nächste Jungtier geboren – zu diesem Zeitpunkt hat sich das Weibchen aber bereits wieder gepaart.

Lektion für die In-vitro-Fertilisation?

Ihre Schlussfolgerungen konnten Forscher durch Ultraschallscans von zehn Sumpfwallabys ziehen, die in menschlicher Obhut leben. Sie untersuchten die Weibchen mehrmals im Jahr und verzeichneten auch, wann sie sich paarten. Außerdem konnten sie bei neun der zehn Tiere nach der Paarung inaktive Blastozysten entdecken, während der ältere Nachwuchs bereits im Beutel der Mutter säugte.

Laut Gardner, der die In-vitro-Fertilisation erforscht, könnte ein genaueres Verständnis der Embryonaldiapause von unschätzbarem Wert sein.

„Wenn wir diesen komplexen Prozess entschlüsseln könnten, müssten wir Embryonen vielleicht nicht mehr kryokonservieren, sondern könnten sie im Labor in Stasis halten“, sagt er. „Wir können noch so viel von Beuteltieren lernen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

Geburt

Am seidenen Faden: Dramatische Faultiergeburt

Hoch in den Bäumen ist ein neugeborenes Faultier vor Räubern sicher – aber wenn es runterfällt, muss ein anderer Schutzmechanismus greifen.
Wei­ter­le­sen