Am seidenen Faden: Dramatische Faultiergeburt

Hoch in den Bäumen ist ein neugeborenes Faultier vor Räubern sicher – aber wenn es runterfällt, muss ein anderer Schutzmechanismus greifen. Donnerstag, 5. März 2020

In Costa Rica konnten Touristen im Februar 2020 ganz unverhofft Zeugen eines außergewöhnlichen Moments werden: Sie erlebten die Geburt eines Dreifinger-Faultiers.

Steven Vela, ein Naturführer des Unternehmens Canoa Aventura, entdeckte ein Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus) aus dem Fenster seines Autos heraus. Die Touristengruppe befand sich gerade in der Nähe von La Fortuna, nicht weit vom Vulkan-Arenal-Nationalpark entfernt. Als Vela anhielt, hatte er noch keine Ahnung, dass sich das Tier in den Wehen befand – und dass er gleich ein Drama sondergleichen erleben würde.

Nur Sekunden, nachdem das Faultierbaby das Licht der Welt erblickt hatte, entglitt es dem Griff einer Mutter. Statt mehrere Meter tief auf den Waldboden zu fallen, baumelte es aber nur kurz an seiner Nabelschnur – zum Schock der Zuschauer. Die Mutter langte sofort nach unten, ergriff ihr Baby und drückte es an ihren Körper. Dann fuhrt sie damit fort, ihr Neugeborenes sauberzulecken.

„Das war unglaublich“, schrieb Vela, der den Vorgang gefilmt hat, in einem Facebook-Post. „Ich glaube, dass ich so was nie wieder sehen werde, bis ich sterbe.“

Damit hat er wahrscheinlich recht. Es kommt extrem selten vor, dass solche Geburten beobachtet werden, sagt Rebecca Cliffe, die Direktorin der Sloth Conservation Foundation in Costa Rica. „Es gibt nicht viele Menschen, die so etwas gesehen haben, besonders bei einem Dreifinger-Faultier.“

Die gemächlichen Tiere fallen nur selten auf, weil sie den Großteil ihrer Zeit versteckt in Baumwipfeln verbringen. Die vier Arten der Dreifinger-Faultiere sind zudem deutlich schwieriger zu finden als ihre Cousins, die Zweifinger-Faultiere.

Galerie: Träge Tiere im Porträt

Unklar ist, ob die Nabelschnur für die Baumbewohner standardmäßig als Rettungsanker fungiert. Es wurden einfach noch nicht genügend Faultiergeburten beobachtet, um das mit Sicherheit sagen zu können.

Das Video verdeutlicht aber, wie wichtig Laienbeobachtungen sein können – insbesondere in Form von Videos. Sie geben Wissenschaftlern die Möglichkeit, seltene Verhaltensweisen von Tieren zu beobachten und so Wissenslücken zu schließen. Außerdem helfen solche Daten nicht selten dabei, Pläne für den Schutz bestimmter Arten zu erstellen.

Diebisches Faultier begeht langsamsten Überfall der Geschichte

Das Braunkehl-Faultier, das in mittel- und südamerikanischen Schutzgebieten weit verbreitet ist, ist zum Glück nicht vom Aussterben bedroht. Bei anderen Arten ist die Lage da kritischer – beispielsweise beim Zwergfaultier, das nur auf einer kleinen Insel vor Panama vorkommt und vom Aussterben bedroht ist.

Rettungsanker Nabelschnur?

Zufällig hatte auch Cliffe das Glück, 2013 die Geburt eines Baunkehl-Faultiers in Costa Rica mitzuerleben.

Damals fiel das Faultierbaby ebenfalls herunter und seine Nabelschnur wickelte sich um einen Ast. „Das war alles sehr dramatisch“, sagt sie. Die Faultiermutter griff aber einfach nach unten und hob ihr Baby wieder zu sich hoch. „Dann fraß sie die Fruchtblase, die Nabelschnur und die Plazenta“, sagt Cliffe.

„Ich glaube nicht, dass es immer vorkommt, dass die Neugeborenen an der Nabelschnur baumeln“, fügt sie hinzu. „Aber ich vermute, dass es häufig passiert und nicht wirklich ein Problem darstellt. Nur die Zuschauer werden ein bisschen nervös.“

Sam Trull, die Direktorin und Mitbegründerin des Sloth Institut in Costa Rica, sieht das etwas anders.

Faultierbaby gerettet
Ein Faultierbaby steckte nach einer Flut zwischen zwei Felsen fest und rief um Hilfe.

„Ich denke, dass die Neugeborenen wie in dem Video an der Nabelschnur hängen, ist nicht die Norm“, schrieb sie in einer E-Mail.

Die Plazenta, an der die Nabelschnur befestigt ist, wird für gewöhnlich recht zügig nach dem Neugeborenen ausgeschieden. Das bedeutet, dass nur ein kurzer Zeitraum bleibt, in dem das Neugeborene an der Nabelschnur tatsächlich Halt finden würde. Trull verweist außerdem darauf, dass Faultiermütter ihre Pfoten unter ihren Körper halten, wenn sie ihren Nachwuchs gebären. Daher sei davon auszugehen, dass sie ihn im Normalfall auffangen.

„Trotzdem ist es eine super Funktion, dass sie das Baby an der Mutter verankert! Daher wäre ich auch nicht überrascht, wenn die Nabelschnüre von Faultieren besonders stark sind.“

„Ich bin ziemlich neidisch, dass ich das nicht mit eigenen Augen sehen konnte“, sagt sie. „Faultiere müssen so viele Fähigkeiten haben – und jetzt wissen wir, dass das Auffangen eines glitschigen Babys dazugehört.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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