Gefiederte Fremdgänger: Dating bei Blaumeisen

Eine neue Studie untersucht die sozialen Netzwerke der Vögel. Wer sich für eine ernste Beziehung oder zum Seitensprung eignet, entscheiden Blaumeisen bereits beim Kennenlernen.

Friday, March 13, 2020,
Von Anna-Kathrin Hentsch
Drei Blaumeisen im Winter
Drei sind keiner zuviel: Blaumeisen leben zwar sozial monogam, gehen aber mit bekannten Dritten regelmäßig fremd.
Bild Maren Winter - stock.adobe.com

Wie die meisten Vogelarten leben Blaumeisen in festen Partnerschaften. Sie sind sozial monogam, denn für die Aufzucht der Jungen werden beide Partner gebraucht. Doch wie bei vielen Vögeln folgt auch bei den Blaumeisen aus der sozialen Monogamie keine sexuelle Treue. Daten einer neuen Studie des Max-Planck-Instituts für Ornithologie und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie zeigen, dass der Seitensprung bei Blaumeisen keineswegs aus einer zufälligen Begegnung resultiert, sondern sich die Fremdgänger schon länger kennen. Die Wissenschaftler*innen konnten beweisen, dass soziale Verbindungen, die beim Dating vor der Brutzeit geknüpft wurden, die Wahl der sozialen Brut- und Fremdgeh-Partnerschaften beeinflussen.

Mit wem die Blaumeisen im Frühling ein Brutpaar bilden wollen, entscheidet sich am Anfang des Winters.
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Großer Schwarm

Im Winter bilden Blaumeisen, sowie andere kleine Singvögel, Schwärme, in denen sich bereits künftige Paarungspartner finden und kennenlernen. „In Gruppen bewegen sie sich gemeinsam durch den Lebensraum und suchen Futter. Diese Schwärme können entweder bereits zukünftige Brutpaare enthalten, oder die Mitglieder können im Laufe des Winters zu einem Paar werden“, erklärt der Leiter der Studie, Prof. Dr. Bart Kempenaers. „Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass Individuen, die mehr Zeit miteinander verbringen und neben der gemeinsamen Nahrungssuche zum Beispiel auch Nistplätze inspizieren, mit größerer Wahrscheinlichkeit im Frühjahr ein soziales Paar werden und zusammen brüten.“ Im nächsten Frühjahr brüteten 39 Prozent der Wintervögel des Studiengebiets. Dabei bestanden fast alle Brutpaare aus Individuen, die sich schon aus der Winter-Clique kannten. Blaumeisen lernen sich also besser kennen bevor sie in eine Beziehung treten? „Das Wort „Dating“ darf man natürlich nicht zu wörtlich nehmen“, meint Prof. Dr. Bart Kempenaers. „Doch die Weibchen finden dabei heraus, welches Männchen im Konflikten um Nahrung, ein Gebiet oder einen Nistplatz dominant ist. Drei Schlüsselqualifikationen die für die Aufzucht von Jungen relevant sind“.

In festen Partnerschaften ziehen Blaumeisen ihre Jungen groß. Durch Promiskuität wird jedoch die Überlebenschance der Nachkommen gesteigert.
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Soziale Netzwerke

Haben sich die Brutpaare gefunden, geht es ans Nestbauen. Die Studie zeigt, dass Blaumeisen eines Schwarms, die während des Winters viel Zeit miteinander verbringen, ihre Nester in unmittelbarer Nähe zueinander bauen. Doch anstatt mit dem ausgewählten Partner monogam zu leben, gehen Blaumeisen ständig mit ihren Nachbarn fremd und zeugen Kuckuckskinder. Denn auch wenn der soziale Vater aufgrund seiner treusorgenden Eigenschaften ausgesucht wurde, ist er deswegen noch lange nicht die Idealbesetzung aus der Genlotterie. „Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass Seitensprünge nicht mit Unbekannten gemacht werden: Es sind entweder brütende Nachbarn oder Individuen, die bereits miteinander vertraut sind, weil sie im Winter zusammen gefressen hatten. Eine dritte Möglichkeit zum Fremdgehen bieten ehemalige Brutpartner: Wir haben Beweise dafür, dass der ehemalige Partner nach der Trennung manchmal zusätzliche Nachkommen zeugt“, so Prof. Dr. Bart Kempenaers. Auch die zeitliche Komponente des Kennenlernens spielt laut der Studie eine Rolle. Die sozialen Bindungen zwischen Brutpaaren scheinen früher im Winter zu entstehen, als jene zum Fremdgehen.

Aktive Fremdgänger

Der Ehebruch findet unbemerkt und im Morgengrauen statt. Das Weibchen schleicht sich aus dem Nistkasten und ist aktiv am Seitensprung beteiligt. Die Beobachtungen und Daten der Wissenschaftler ergaben, dass „beide Geschlechter hier Initiativen ergreifen. Frauen verlassen am frühen Morgen ihr Territorium und fliegen zu einem Nachbarn. Männchen besuchen tagsüber benachbarte Nester, was darauf hindeutet, dass sie nach Möglichkeiten für zusätzliche Paarungen suchen“. Man kennt sich also, bevor man fremdgeht. Mittels Hightech und Genanalyse wiesen die Forscher die Bekanntschaften und Seitensprünge nach. Mit dem Ergebnis, dass sich in über der Hälfte der Nester mindestens ein Kuckuckskind befindet und über 15 Prozent aller Nachkommen bei einem Seitensprung gezeugt werden.

Schau mir in die Augen: Weibchen wie Männchen sind aktiv auf der Suche nach einer Gelegenheit zum Seitensprung.
Bild Viggo Danielsen on unsplash.com

Evolutionärer Nutzen

Der Vorteil der Promiskuität liegt für die Männchen in einer erhöhten Anzahl an Nachkommen ohne zusätzlichen Brutpflegeaufwand. Für die Weibchen ist sie die einzige Möglichkeit Inzucht zu vermeiden, sowie die genetische Diversität und damit die Überlebenschancen des eigenen Nachwuchses  zu steigern. Denn von zehn Blaumeisenjungen erleben nur ein bis zwei den Frühling. Damit spielen solche Verhaltensstrategien eine große Rolle.

 

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