USA hebeln Naturschutzgesetze für den Bau der Grenzmauer aus

Die neu geplanten Mauerabschnitte verlaufen mitten durch Naturgebiete – und schneiden wichtige Wanderrouten von Jaguaren und anderen Tieren ab.

Thursday, April 2, 2020,
Von Douglas Main
Bilder Von Alejandro Prieto
Hase

In der Nähe des San Pedro River in Mexiko ist ein Hase südlich der Grenzmauer unterwegs. Die kleinen Säuger sind wichtige Beutetiere für größere Jäger wie Pumas und Jaguare. Die Bestände der Katzen würden durch die neuen geplanten Mauerabschnitte gefährdet.

Bild Alejandro Prieto

Die Region Sky Island im Süden von Arizona und New Mexico ist ein wahres Wunderland der Natur. Es ist eines der biologisch vielfältigsten Gebiete Nordamerikas, in dem Tausende Tierarten entlang der US-mexikanischen Grenze leben und umherziehen.

Der Flickenteppich aus Tälern, Hügeln und Bergketten fungiert als Korridor, der es Tieren wie Jaguaren, Ozelots, Schwarzbären und Nasenbären ermöglicht, die Region zu durchqueren. Hunderte von Tierarten leben nur dort und nirgendwo sonst in den USA, darunter der Jaguar, der Kupfertrogon, der Laubfrosch Smilisca fodiens und die Erzspitznatter.

Während das Land sich auf das Coronavirus konzentriert, arbeitet die Trump-Regierung weiter am Ausbau der Grenzmauer, die direkt durch diese Region verläuft und kritische Wanderrouten der Tiere abschneidet. Das US-Ministerium für Innere Sicherheit hat im März den bürokratischen Grundstein für mehr als 280 Kilometer an neuen Mauerabschnitten gelegt. Ein Großteil davon wird durch abgelegene Bergregionen verlaufen.

Eine Luftaufnahme des San Bernardino Wildlife Refuge im Jahr 2019. Die Fahrzeugsperre links im Bild wurde größtenteils bereits durch eine neun Meter hoher Pollerwand ersetzt, die verhindert, dass wilde Tiere die Grenze überqueren. Die Baufirmen haben zudem große Mengen Wasser aus dem örtlichen Grundwasserleiter abgepumpt, wodurch diverse gefährdete Fischarten nun akut bedroht sind.

Bild Alejandro Prieto

„Wenn die Mauer durch das Herz von Sky Island gebaut wird, dann werden die Wege durchtrennt, auf denen sich die wilden Tiere bewegen“, sagt Louise Misztal, die Direktorin der Sky Island Alliance, einer Umweltschutzgruppe mit Sitz in Arizona.

Um mit dem Bau der neuen Abschnitte beginnen zu können, hat das Ministerium den Baufirmen gestattet, 37 verschiedene Gesetze zu ignorieren – darunter auch den Endangered Species Act, das wichtigste Gesetz des Landes zum Schutz gefährdeter Arten.

Ein junger Berglöwe zwängt sich durch eine Fahrzeugsperre in der Nähe des San Bernardino Wildlife Refuge. Die Zäune stellen für Pumas kein Hindernis dar – die neuen, deutlich höheren Pollerwände jedoch schon.

Bild Alejandro Prieto

Der Sprecher der Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP), Matthew Dyman, betonte jedoch, dass „die CBP den Schutz der wichtigen kulturellen und natürlichen Ressourcen des Landes weiterhin ernst nimmt“. Außerdem würde die Behörde „Umweltgutachten für jedes Projektgebiet erstellen, um alle gefährdeten und bedrohten Arten und andere kritische Pflanzen und Tiere zu identifizieren, die dort leben könnten.“

Umweltschützer äußerten sich derweil besorgt über die Fortsetzung der Baumaßnahmen an der Grenze und auf anderen öffentlichen Ländereien, während Überwachungsgruppen, Bürger und Journalisten durch die Pandemie eingeschränkt und abgelenkt sind. Obwohl Geschäfte geschlossen bleiben müssen und Arbeitnehmer zu Hause bleiben sollen, geht der Mauerbau weiter. Die Prüfzeiträume für umweltkritische Projekte wurden hingegen nicht verlängert.

Die Pandemie könnte in den USA noch weitere Folgen für die Umwelt haben. Am 26. März verkündete die Umweltschutzbehörde EPA, dass sie die Umweltgesetzgebung temporär aufweichen würde, um Unternehmen zu helfen. Und trotz der Pandemie haben Regierungsvertreter keine Mühen gescheut, die Treibstoffeffizienzstandards aus der Obama-Ära wieder aufzuheben.

Ein Waschbär treibt sich in der Nähe des San Pedro River herum, einem der größten Flüsse im Südwesten der USA, der noch ungehindert von Staudämmen durch die Landschaft fließt. Die neuen Mauerabschnitte sollen auch durch diesen Fluss führen, was an der wichtigen Auenlandschaft nicht spurlos vorbeigehen würde.

Bild Alejandro Prieto

Randy Serraglio ist ein Umweltschützer und Experte für Wildkatzen des Center for Biological Diversity, einer gemeinnützigen Umweltschutzgruppe. Er findet es „unerhört“, dass der Bau der Mauer weitergeht, da die finanziellen Mittel, die dort hineinfließen, im Kampf gegen das Coronavirus besser aufgehoben wären. Neben den gerade erst genehmigten Abschnitten gehen die Bauarbeiten an mehr als 160 Kilometern Mauer auch anderswo in Arizona der weiter, darunter in Naturgebieten wie dem Organ Pipe Cactus National Monument.

Ein ökologisches Desaster

Für Jaguare und andere Tierarten, die zum Überleben auf die Überquerung der Grenze angewiesen sind, sei das „ein ökologisches Desaster“, sagt Misztal. Von der Grenze aus gesehen befindet sich die nächstgelegene Population, die sich auch vermehrt, im Norden des mexikanischen Bundesstaates Sonora. Aber trotzdem sind die Tiere auch regelmäßig nördlich der Grenze in den USA unterwegs, wo sie einst weit verbreitet waren.

Eine Luftaufnahme des Mauerbaus im Organ Pipe Cactus National Monument, aufgenommen 2019 von der mexikanischen Seite der Grenze. Das Ministerium für Innere Sicherheit hat Dutzende Gesetze außer Kraft gesetzt, um den Bau dieser Mauer zu ermöglichen.

Bild Alejandro Prieto

Befragt man Dyman zu den Auswirkungen der Grenzmauer auf die Umwelt, sagt er, dass die Zoll- und Grenzschutzbehörde sich mit dem Fish and Wildlife Service koordiniert, um „sich spezifisch um die potenziellen Auswirkungen auf den Jaguar zu kümmern“. Die Behörde plant die Integration von Wildbrücken und anderen Passagen. Insgesamt wurden 40 Standorte für kleinere Durchgänge „entlang der Grenze im Organ Pipe Cactus National Monument und […] entlang der Grenze östlich von Douglas, Arizona“ identifiziert. Allerdings wird die Mauer in manchen Gebieten von Straßen und heller Beleuchtung flankiert sein, was einige Tiere abschrecken könnte.

Schwere Zeiten für Jaguare

Die neuen Mauerabschnitte bestehen aus etwa neun Meter hohen Stahlpollern, zwischen denen zehn Zentimeter breite Lücken bestehen – für die meisten Tiere zu wenig, um hindurchzuschlüpfen. Die Konstruktion behindert auch niedrigfliegende Vögel wie den Brasilzwergkauz. Der Sinn des ganzen Bauvorhabens ist ebenfalls umstritten: Aufgrund des uneben mäßigen Geländes ist der Bau schwierig und teuer; die Zahl der illegalen Grenzüberquerungen ist vergleichsweise gering; und andere Technologien wie Bewegungssensoren und Kameras werden bereits zur Überwachung genutzt.

Dieses Foto aus dem Jahr 2013 zeigt einen männlichen Jaguar, der als El Jefe bekannt war. Er lebte mehrere Jahre lang in den Santa Rita Mountains in Arizona, nicht weit entfernt von Tucson.

Bild of UA/USFWS

Gerade die bergigen Regionen mögen für menschliche Reisen und Transport nicht wichtig sein – für viele Tiere sind sie hingegen essenziell, sagt Myles Traphagen. Der Wissenschaftler und Umweltschützer ist Teil des Wildlands Network, einer Schutzgruppe, die sich dem Erhalt von Wildtierkorridoren widmet.

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Durch die neuen Mauerabschnitte „würde die Bestandserholung des Jaguars in den USA ein jähes Ende finden“, sagt Traphagen.

2014 hatte der Fish and Wildlife Service um die 3.100 Quadratkilometer kritischen Lebensraum für den Jaguar in Arizona und New Mexico ausgewiesen. Das Land gilt als unerlässlich für die Erholung der Art in den USA. Wissenschaftler sind sich allerdings sicher, dass ein Großteil des Hochlandes der Nation sich als Lebensraum für Jaguare eignen würde. Vor der Ankunft der europäischen Siedler waren die Großkatzen in nördlicher Richtung bis zum Grand Canyon verbreitet.

Die acht Jaguare, die seit 1996 in Arizona oder New Mexico gesehen wurden, waren vermutlich allesamt männlich. Die Männchen legen auf ihrer Suche nach Nahrung und einer Partnerin weite Strecken zurück. Das letzte bestätigte Weibchen in Arizona wurde 1963 erschossen. Nun trifft man von den USA aus erst wieder im Norden von Sonora auf weibliche Jaguare. Aber mit entsprechenden Schutzmaßnahmen und offenen Korridoren könnten sie sich nordwärts ausbreiten und ihr altes Territorium zurückerobern.

Eine Luftaufnahme von der mexikanischen Seite der Grenzmauer, aufgenommen östlich von Nogales, gibt den Blick auf die Patagonia Mountains links im Bild frei. Die neu genehmigten Mauerabschnitte würden sich bis in diese Bergkette erstrecken und damit Wanderrouten von Jaguaren und Ozelots abschneiden.

Bild Alejandro Prieto

Der berühmteste Jaguar der USA – El Jefe, spanisch für „der Boss“ – lebte von 2011 bis 2015 in Arizona. Wahrscheinlich überquerte er die Grenze über die Patagonia oder Huachuca Mountains. Durch beide Gebiete sollen nun neue Mauerabschnitte verlaufen.

Trapagen macht sich sogar noch mehr Sorgen darum, wie sich die Mauer auf nicht gefährdete Arten auswirken könnte. Hirsche, Nabelschweine, Truthühner, Luchse, Pumas, Bären und andere Tiere überqueren die Grenze regelmäßig auf der Suche nach Nahrung und Partnern.

„Wenn man deren lokale und regionale Bestände auslöscht, wird das einen Kaskadeneffekt nach sich ziehen“, sagte Traphagen. „Dadurch könnte diese ökologische Gemeinschaft zusammenbrechen.“

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Trotz der beeindruckenden Artenvielfalt werden im Grenzbereich derzeit nur zwei Kamerafallen-Studien durchgeführt, um herauszufinden, welche Tiere dort aktuell leben. Die Sky Island Alliance betreibt eine der beiden Studien in den Patagonia und Huachuca Mountains. Die andere führt Traphagen im San Bernardino National Wildlife Refuge durch, wo diverse gefährdete Fischarten heimisch sind. Durch beide Gebiete soll die Grenzmauer gebaut werden.

Das Center for Biological Diversity und andere Gruppen haben deshalb Klage eingereicht und gehen vor allem gegen die Entscheidung des Innenministeriums vor, gesetzliche Vorschriften einfach auszuhebeln. Bisher hat sich das Bauprojekt als recht immun gegen solche Klagen erwiesen.

Die Erweiterung der Mauer in die besagten Gebiete „kann für die Jaguare nur Schlechtes bedeuten“, sagt Howard Quigley, ein Forscher von Panthera, einer Organisation zum Schutz von Großkatzen. „Das ist für kein Wildtier etwas Gutes. Jedes Mal, wenn man zusammenhängende Populationen fragmentiert, setzt man sie der Gefahr aus, lokal auszusterben […] Das ist wie ein Tod durch tausend Schnitte.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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