Mindestalter 272 Jahre: Kein Wirbeltier wird älter als diese Haie

Grönlandhaie wachsen und schwimmen langsam, und auch mit dem Kinderkriegen lassen sie sich Zeit: Laut einer Studie werden sie erst mit etwa 150 Jahren geschlechtsreif.

Veröffentlicht am 20. Nov. 2020, 13:23 MEZ, Aktualisiert am 27. Nov. 2020, 14:51 MEZ
Grönlandhai

Ein Grönlandhai schwimmt unter dem Eis in der Meeresenge Lancastersund in Nunavut, Kanada.

Bild Franco Banfi, Nature Picture Library/Alamy

Es ist kein Seemannsgarn: Einige lebende Grönlandhaie, die heute durch unsere Meere schwimmen, kamen wohl schon vor Napoleon auf die Welt. Die Tiere – auch Eishaie genannt, weil sie in den eisigen Tiefen des Nordatlantiks leben – werden mindestens 272, vielleicht sogar bis zu 500 Jahre alt. Damit sind sie die am längsten lebenden Wirbeltiere der Welt.

Aufgrund ihres weitläufigen und abgelegenen Lebensraums sind Grönlandhaie kaum erforscht. Das galt lange auch für ihre Lebenserwartung. Dann jedoch entdeckten Forscher, dass der Riesenhai bis zu einem halben Jahrtausend alt werden könnte: „Dass Grönlandhaie sehr lange leben, hatten wir erwartet, doch dass sie so alt werden, hat uns sehr überrascht”, sagt Julius Nielsen, Biologe an der Universität Kopenhagen und Leiter der Studie, die 2016 erstmals publiziert wurde.

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Die Forscher um Nielsen untersuchten im Rahmen eines Programmes des Greenland Institute for Natural Resources 28 weibliche Grönlandhaie, die in den Netzen von Fischern als Beifang gestorben waren. „Das Geheimnis hinter dem Erfolg der Studie war, dass wir junge und alte Tiere hatten, mittelgroße und große Tiere, und wir konnten sie alle vergleichen", so Nielsen.

Eine genaue Analyse war jedoch kompliziert: Die Bestimmung des Alters eines Knochenfisches kann leicht durch die Untersuchung seiner Otolithen (Ohrsteine) erfolgen. Haie sind jedoch Knorpelfische: Ihrem Skelett fehlt diese Art von hartem, verkalktem Gewebe, aus dem man Informationen hätte ziehen können.

Die Forscher fanden jedoch einen Weg: Sie schauten den Tieren sprichwörtlich tief in die Augen.

Vielsagende Augen

Grönlandhaie haben eine einzigartige Augenstruktur, da die Linse während des gesamten Lebens der Tiere wächst. Je älter ein Hai wird, desto mehr Schichten bekommt die Linse. Das funktioniert zwar nicht ganz wie bei Baumringen, doch die Forscher konnten Schicht für Schicht entfernen, bis sie den embryonalen Kern der Linse erreichten und so Rückschlüsse auf das Alter der Tiere ziehen konnten: Das Gewebe des Linsenkerns besteht aus Proteinen, die gebildet wurden, als der Hai ein Embryo war. Also untersuchten die Wissenschaftler die chemische Zusammensetzung der Proteine. Die Radiokarbondatierung der Linsenkerne der 28 untersuchten Grönlandhaie ergab, dass der älteste von ihnen 272 Jahre alt geworden sein musste. Mindestens.

Dieser Grönlandhai landete als Beifang im Netz eines Kutters im Südwesten von Grönland.

Bild Julius Nielsen

Der größte Hai in der Studie wurde mit einer Länge von fünf Metern auf ungefähr 392 Jahre geschätzt. Doch laut Nielsen ist diese Zahl mit Vorsicht zu betrachten: Er und seine Kollegen könnten nur mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass der Hai zwischen 272 und 512 Jahre alt war.

Da weibliche Grönlandhaie Forschungen zufolge erst ab einer Größe von vier Metern geschlechtsreif werden, hieße das: Kinder bekommen diese Haie frühestens mit 156 Jahren. Die Tiere wachsen extrem langsam, nämlich nur rund einen Zentimeter pro Jahr, und werden bis zu acht Metern lang.

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Warum die Haie so alt werden, ist nach wie vor unbekannt. Förderlich für die lange Lebenserwartung ist auf jeden Fall die Kälte, in der sie leben: Kälte verursacht niedrigere Körpertemperaturen, die wiederum für einen langsamen Stoffwechsel sorgen. Dadurch wird das Gewebe der Tiere weniger belastet und kann länger funktionieren als bei anderen Lebewesen.

Hohes Alter, hohes Risiko

Da unbekannt ist, wie viele Grönlandhaie es überhaupt auf unserem Planeten gibt, waren die Ergebnisse der Studie extrem wichtig, sagt Nielsen. Sollte die Art selten sein, könnte der Tod eines einzigen Tieres einen großen Verlust bedeuten.

Woher kommt unsere Angst vor Haien?
Einen Hai zu sehen, kann ziemlich beängstigend sein. Nicht ohne Grund: Haie gehören zu den mächtigsten Raubtieren des Ozeans. Und ja – sie greifen gelegentlich Menschen an, die in ihren Lebensraum eindringen. Rachsüchtige Menschenfresser sind sie jedoch nicht, auch wenn sie in Medien oft so dargestellt werden. Im Gegenteil: Schätzungsweise 100 Millionen Haie werden jedes Jahr von Menschen getötet, was eine Reihe von Arten an den Rand der Ausrottung brachte.

Sicher sind die Grönlandhaie aber ohnehin nicht mehr: Sie werden nicht nur versehentlich während des Fischfangs getötet – ein Phänomen, das als Beifang bezeichnet wird –, ihr Lebensraum ist durch den Klimawandel und den verstärkten Fokus vieler Länder auf die Arktis als Ölquelle gefährdet.

„Ich hoffe, die Öffentlichkeit erkennt, wie wichtig die Erhaltung der Ökosysteme der Arktis und der Tiefsee ist, gerade weil die Tiere so alt werden“, sagt Aaron Fisk, ein Ökologe an der University of Windsor, der nicht an dieser Studie beteiligt war. „Wenn Grönlandhaie so lange leben und sich erst im Alter von 150 Jahren vermehren, ist ihr Bestand schnell ausgelöscht". Nielsen stimmt zu: „Politische Entscheidungsträger müssen wissen und beachten, dass dieser Riese ein extrem lang lebendes und vor allem langsam reifendes Tier ist. Die Fischerei sollte alles tun, um den Beifang zu minimieren. Wir müssen den Tieren Respekt entgegenbringen."

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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