Neuer Rekord: Grauwal vollbringt eine halbe Erdumrundung

Ein zwölf Meter langer Walbulle ist aus dem Nordpazifik nach Namibia geschwommen – und sorgte so für die erste Sichtung dieser Art in der südlichen Hemisphäre.

Von Heather Richardson
Veröffentlicht am 11. Juni 2021, 11:56 MESZ
Grauwal

Ein Grauwal im Prinz-William-Sund in Alaska. Die Art ist eigentlich im Pazifik heimisch, es gab in letzter Zeit aber auch Sichtungen im Atlantik.

Bild Nature Picture Library, Alamy

27.000 Kilometer – fast eine halbe Erdumrundung: Die Strecke, die der Grauwal zurückgelegt hat, ist die längste, die ein marines Wirbeltier laut Aufzeichnungen je geschwommen ist. 

Das Männchen wurde 2013 vor der Küste Namibias gesichtet und war damit der erste seiner Art, der je in der südlichen Hemisphäre gesehen wurde.

Laut einer Studie, die im Sommer 2021 in der Zeitschrift „Biology Letters“ veröffentlicht wurde, waren jedoch mehrere Jahre genetischer Forschung nötig, bis bestätigt werden konnte, dass der Wal ursprünglich aus dem Nordpazifik stammte.

Es existieren zwei bekannte Grauwal-Populationen: die ostpazifische, deren Zahl stabil bei 20.500 Exemplaren liegt, und die bedrohte westpazifische, von der schätzungsweise nur noch etwa 200 Tiere in freier Wildbahn leben. Grund dafür ist hauptsächlich der über Jahrzehnte anhaltende, kommerzielle Walfang. Ostpazifische Grauwale wandern aus den Meeren Alaskas und Russlands zur Paarungszeit in ihre Brutgebiete in Baja California, Mexiko. Über die Brutgebiete des westpazifischen Grauwals weiß man nicht viel, vermutet sie aber in der Gegend um Ost-Russland.

Drohnenaufnahme: Junger Grauwal schwimmt mit Badegästen

„Ich stand der Sache ablehnend gegenüber“, sagt Simon Elwen über die Zeit, als er von der Walsichtung im Jahr 2013 hörte. Er ist Zoologe an der Universität von Stellenbosch in Südafrika und Co-Autor der Studie. „Es ist so, als würde Ihnen jemand erzählen, er hätte einen Eisbären in Paris gesehen“, sagt er. „Technisch gesehen könnte das durchaus sein, aber es ist nicht wirklich realistisch.“

Doch Fotos bestätigten, dass es sich in der Tat um einen etwa zwölf Meter langen Grauwal handelte. Das Tier blieb zwei Monate in der Walfischbucht (Walvis Bay), vermutlich weil es unterernährt war. Dadurch hatten Elwen und seine Kollegin Tess Gridley Gelegenheit, mit einem minimal invasiven Eingriff DNA-Proben des Wals zu nehmen.

Mit seiner unglaublichen Leistung brach der Grauwal nicht nur den Streckenrekord einer Lederschildkröte, die knapp 20.500 Kilometer durch den Pazifik geschwommen war. Er warf für die Wissenschaftler außerdem eine große Frage auf: Warum entfernt sich ein Grauwal so weit von seinem Zuhause?

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Die Autoren der Studie vermuten, dass das rapide Abschmelzen des Meereises in der Arktis den Grauwal dazu verleitet, neue Lebensräume zu erkunden – oder sich dorthin zu verirren. Doch die Datenlage reicht noch nicht für eine sichere Antwort.

Für Wale, deren Wandergebiet normalerweise in einem Radius von knapp 8.000 Kilometern liegt, „ist es extrem aufwändig, [so] weit zu reisen“, sagt National Geographic Explorer Rus Hoelzel, Co-Autor der Studie und Evolutionsbiologe an der Durham University, England. „Man fragt sich, aus welchem Grund sie das tun, unter welchen Umständen. Darum ist die Sache von wissenschaftlichem Interesse.“

In den Genen liegt die Antwort

Für ihre Forschung arbeiteten Gridley und Elwen mit Hoelzel und dessen Kollegin Faith Sarigol zusammen. Sie verglichen das Genom des Namibia-Wals mit dem anderer Grauwale aus dem Archiv des U.S. National Center for Biotechnology Information, einem Speicherort für Genome tausender Organismen.

Dadurch wollten sie die Möglichkeit ausschließen, dass der Wal aus einer bisher unbekannten Population im Atlantik stammte: Es gibt fossile Beweise für Grauwale im Atlantik, darüber hinaus kam es in vergangenen Jahren zu zwei Grauwalsichtungen im Nordatlantik und dem Mittelmeer.

„Es gibt Arten von Walen, über die wir nur sehr wenig wissen, weil es so schwer ist, sie zu finden“, sagt Hoelzel. „Doch der Grauwal neigt dazu, sich in Küstennähe aufzuhalten. Außerdem ist er sehr leicht zu erkennen. Dass eine bisher verborgene Population im Atlantik existiert, ist also äußerst unwahrscheinlich.“

Schließlich stellte sich heraus, dass das Genom des Wals in Namibia zu denen der nordpazifischen Grauwale passte, die in der biotechnologischen Datenbank gespeichert waren. Überraschenderweise, so die Forscher, glich es am meisten dem der bedrohten westpazifischen Population.

Ein Grauwal auf Abwegen

Als nächsten analysierte das Team die möglichen Routen, die das Meeressäugetier gewählt haben könnte: Der Weg um Kanada herum durch die Nordwestpassage ist dabei am wahrscheinlichsten. Andere Optionen, die ihn durch den Indischen Ozean oder um Südamerika herumgeführt hätten, kommen weniger in Frage. Nicht nur, weil es aus diesen Gegenden keine Berichte über Sichtungen gibt, sondern auch, weil Grauwale ihre Nahrung in seichteren Gewässern finden, was eine lange Reise durch den offenen Ozean für sie äußerst schwierig machen würde.

Trotzdem hält die Forscherin Sue Moore von der University of Washington in Seattle, die sich auf marine Säugetiere im Pazifik spezialisiert hat, eine Durchquerung des Indischen Ozeans für die wahrscheinlichste Route, weil sie die kürzeste und am wenigsten komplizierte ist.

„Davon abgesehen handelt es sich bei dem Wal wohl um eine Art Landstreicher“, fügt Moore hinzu, die an der Studie nicht beteiligt war. Für sie deutet die Sichtung darauf hin, dass der Wal auf seiner Wanderung kein bestimmtes Ziel hatte.

„Aber“, sagt sie, „wir haben hier einen interessanten Fall, der uns einen Denkanstoß zu dem Durchhaltevermögen dieser Art gibt.“

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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