Tiere

Walbestände boomen im New Yorker Hafen

2011 tummelten sich nur eine Handvoll Wale im Hafen von New York City. Mittlerweile sind es Hunderte. Ihre Zahl verblüfft Touristen und Forscher gleichermaßen.Mittwoch, 18. September 2019

Von Simon Worrall
Im Hafen von New York City durchbricht ein Buckelwal die Wasseroberfläche. Im Hintergrund ragt die Skyline der Stadt in den Himmel.

„Da drüben ist eine Fontäne!“, ruft die Naturforscherin Celia Ackermann dem Kapitän aufgeregt zu. „Hinter der grünen Boje!“

Die Walbeobachtungstour auf der knapp 30 Meter langen American Princess hat erst vor 30 Minuten begonnen und wir befinden uns nicht etwa in Hawaii oder Alaska. Wir fahren im Hafen von New York umher, in Sichtweite von Coney Island und Brooklyns Küstenstreifen.

Etwa 30 Touristen eilen an die Reling und nur wenige Momente später schält sich der charakteristische Umriss eines Buckelwals aus der Wasseroberfläche. Laute des Entzückens breiten sich über dem Boot aus. „Ich habe noch nie einen Wal gesehen“, sagt der 15-jährige Milo Bartolotta aus Florenz, der hier mit seiner Familie Urlaub macht. „Deshalb bin ich wirklich aufgeregt.“

Noch vor 20 Jahren wäre ein solcher Anblick undenkbar gewesen. Damals zählten die Gewässer rund um New York City zu den dreckigsten der Welt. Die Metropole war von einer giftigen Suppe aus Chemikalien und Müll umgeben. Dank erfolgreicher Umweltschutzmaßnahmen und neuer Gesetze sind die Wale nun zum Big Apple zurückgekehrt.

Diese drei Wale vollführen ein komplexes Paarungsritual
Diese drei Wale vollführen ein komplexes Paarungsritual

Noch 2011 zählte die gemeinnützige Organisation Gotham Whale dort gerade mal fünf Buckelwale. Seither ist die Zahl der Tiere rund um New York City dramatisch gestiegen. 2018 wurden 272 Sichtungen verzeichnet. Dieses Jahr könnte ein Rekordjahr werden: Bisher wurden bereits 377 Wale verschiedener Arten in den Gewässern rund um New York beobachtet, die meisten davon sind Buckelwale.

Warum so ein plötzliches Comeback? „Ich schätze, sie sind hier, um mich zu sehen“, scherzt Paul Sieswerda, der Gründer von Gotham Whale. Seine Organisation arbeitet mit American Princess Cruises zusammen, einem kommerziellen Unternehmen, welches Touristen die Möglichkeit gibt, die Meeresgiganten aus sicherer Entfernung auf einer Bootstour zu beobachten.

Der eigentliche Grund dafür ist natürlich ein anderer. Als die Verschmutzung zurückging und die Wasserqualität zunahm, kehrten auch winzige Meereslebewesen wie Algen und Zooplankton zurück. Sie boten eine lebenswichtige Nahrungsgrundlage für kleine Heringsfische wie den Atlantischen Menhaden, der wiederum bei Walen äußerst beliebt ist.

Für gewöhnlich findet man diese Heringsart, die auch Bunker genannt wird, nicht auf der Speisekarte – ihr Fleisch ist ölig und sie riechen nicht besonders gut. Für Wale sind die kleinen Fische jedoch eine Delikatesse. Sie verbringen den Sommer damit, so viele Menhaden wie möglich zu fressen, um ihre Fettreserven aufzubauen, ehe sie im Winter in die Tropen zurückkehren, wo sie sich paaren.

Als wir über die Reling blicken, können wir riesige Menhadenschwärme sehen, die sich zum Schutz vor Fressfeinden zusammenballen.

Ein weiterer Grund für die Rückkehr der Wale sind die Gesetze, welche die Meeressäuger vor der Jagd und anderer menschlicher Einflussnahme schützen. Jahrhunderte des Walfangs hatten den Buckelwal an den Rand der Ausrottung getrieben.

Wie viele und welche Arten von Walen in den Gewässern rund um das heutige New York City einst heimisch waren, ist unbekannt. Wissenschaftler glauben aber, dass sie zu den wichtigsten Raubtieren an der Spitze der Nahrungskette gehörten und dass ihre Rückkehr in die größte Stadt an der Atlantikküste ein gutes Zeichen für die Gesundheit des Meeres ist.

Das „Stadtleben“ der Wale

Natürlich hat das Leben bei New York City für die Tiere auch seine Tücken.

Mittlerweile haben die Wale Konkurrenz bei der Jagd auf die Menhaden erhalten: Kommerzielle Fischereiunternehmen machen nun Jagd auf die Heringe, aus denen Tierfutter und Nahrungsergänzungsmittel hergestellt werden.

Galerie: 9 faszinierende Aufnahmen von Walen

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Sieswerde befürchtet, dass das Unternehmen Omega Protein Menhaden gerade außerhalb der fünf Kilometer großen Verbotszone von NYC fängt, wo sich die Wale oft versammeln, um Jagd auf die Schwärme zu machen. Sieswerde hat deshalb eine Petition ins Leben gerufen, um die Verbotszone auf 320 Kilometer auszuweiten. Omega Protein hat auf eine Anfrage von National Geographic bezüglich dieser Petition nicht reagiert.

Darüber hinaus ist der Hafen von New York der betriebsamste an der ganzen Ostküste. Zu jeder Zeit warten dort bis zu 20 oder noch mehr Schiffe darauf, zu ankern und ihre Fracht zu entladen. Zusammenstöße mit Walen, die manchmal tödlich enden, kommen immer wieder vor.

„Laut der [National Oceanic and Atmospheric Administration] kam es seit 2016 zu 103 bekannten Todesfällen von Buckelwalen”, sagt Howard Rosenbaum, ein Chefwissenschaftler am New York Aquarium der Wildlife Conservation Society.

„Etwa die Hälfte wiesen Spuren von Traumata durch menschliche Einflüsse wie Schiffszusammenstöße oder Fischereiequipment auf. Davon ereigneten sich 28 Fälle in New York und New Jersey.“

Walgesänge als Warnung

Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, tat sich die Woods Hole Oceanographic Institution mit dem New York Aquarium zusammen. Etwa 35 Kilometer südlich von Fire Island platzierten sie eine akustische Boje namens Melville im Wasser. Wale kommunizieren größtenteils über ihre Rufe, die sich je nach Art voneinander unterscheiden (und selbst innerartlich gibt es verschiedene Dialekte).

Als Melville 2016 in Betrieb genommen wurde, begann die Boje sofort damit, die Rufe der Wale aufzuzeichnen. Die Daten werden analysiert und online zur Verfügung gestellt. Man hofft, dass die Schiffskapitäne anhand der Daten sehen, wo sich die Wale aufhalten, und in diesen Bereichen entsprechen langsamer fahren.

„Die Boje zeichnet Spektrogramme der Walgesänge auf“, erklärt Mark Baumgartner von der Woods Hole Institution. Er analysiert die Daten in seinem Labor in Massachusetts. „Das ist ein bisschen so, als hätte man ein magisches Gerät an seinem Klavier, das einem die passenden Notenblätter ausspuckt, während man spielt. Dann kann man die Blätter einem Musiker vorlegen, der einem sagen kann, was man gespielt hat.“

Galerie: Warum diese Wale im Meer „stehen“

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Melville – die nach dem Autor von „Moby Dick“ benannt wurde – hat bereits die Rufe eher scheuer Seiwale eingefangen, ebenso wie die Gesänge eines der am stärksten bedrohten Wale der Welt, einem Atlantischen Nordkaper. Weltweit gibt es nur noch um die 400 Exemplare, weshalb jede Bedrohung, wie beispielsweise ein Zusammenstoß mit einem Schiff, ein besonderes Risiko für die Art darstellt.

Im Dezember werden zwei weitere Bojen hinzukommen, die von dem Energiekonzern Equinor finanziert werden, der in dem Gebiet eine Windfarm bauen will. Baumgartner befürchtet, dass der Bau der Anlage die Kommunikation der Wale durch den Lärm beeinträchtigen könnte.

„Deshalb hoffen wir, dass die Echtzeitbeobachtungen mit all diesen Bojen diese Effekte etwas abschwächen können“, sagt er.

Als das Boot sich auf den Rückweg macht, lassen wir unser Erlebnis noch einmal Revue passieren.

Wir sahen zwei Wale, keiner davon hat die Wasseroberfläche durchbrochen, um Luft zu holen. Und keiner von beiden stieß mit dem geöffneten Maul voran aus dem Wasser, nachdem er sich gerade mit Schwung durch einen Schwarm Menhaden katapultiert hatte, um möglichst viele der Fische mit einem Mal zu verschlingen.

Ich frage Ackermann, die Naturforscherin an Bord der American Princess, ob sie enttäuscht ist. „Nein“, antwortet sie bestimmt. „Jedes Mal, wenn man in diesen Gewässern einen Wal sieht, ist das großartig.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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