Überraschung im Himalaya: Zwei neue Gleithörnchen-Arten entdeckt

Felsgleithörnchen leben in Höhen von 4.500 Metern und halten bei ihrem Flug von Felsen zu Felsen mit ihrem flauschigen Schwanz Kurs.

Veröffentlicht am 11. Juni 2021, 12:46 MESZ, Aktualisiert am 11. Juni 2021, 13:48 MESZ
Yunnan-Felsgleithörnchen

Das Yunnan-Felsgleithörnchen lebt in den Bergen des südwestlichen Chinas, einem Hotspot der Artenvielfalt.

Bild Quan Li

Das Leben im Himalaya ist nicht leicht. Ein heulender Wind peitscht über die steinernen Wände der höchsten Berge der Welt, und oberhalb der Felsen und Höhlen gibt es nur einige wenige dürre Bäume, die Schutz vor Angreifern und den starken Böen bieten.

Zu den robusten Bewohnern dieses Orts zählt das Felsgleithörnchen (Eupetaurus cinereus), das, mit seinen guten zwei Kilogramm Gewicht und einem knappen Meter Körperlänge, eines der größten Hörnchen dieser Welt ist. Es ist außerdem eines der am wenigsten bekannten Säugetiere auf diesem Planeten: Nach seiner ersten Erwähnung vor 130 Jahren, hielt man das Hauskatzengroße Nagetier lange Zeit für ausgestorben, bis es in den 1990er Jahren „wiederentdeckt“ wurde.

Gleithörnchen: Des Nachts von Baum zu Baum
Fliegen ist nicht nur etwas für Vögel. Eine dehnbare Membran und ein ruderähnlicher Schwanz helfen diesem kleinen Säugetier, durch die Baumkronen zu segeln und einigen seiner zahlreichen Fressfeinde mit Leichtigkeit auszuweichen.

Kristofer Helgen, leitender Wissenschaftler und Direktor des Forschungsinstituts des Australian Museum, interessiert sich besonders für Tiere, die in erster Linie ein wissenschaftliches Fragezeichen sind.

Aufmerksam wurde er auf das Hörnchen durch einige aktuelle Sichtungen im Himalaya. Daraufhin beschlossen National Geographic Explorer Helgen und seine Kollegen, die mysteriösen Spezies genauer zu erforschen, indem sie Museumsexponate und Sichtungsdaten untersuchten, die, zum Beispiel, aus Fotofallen stammten.

Ihre Ergebnisse brachten eine unerwartete Wendung. Bei dem Felsgleithörnchen handelte es sich nicht, wie angenommen, um eine, sondern tatsächlich um zwei verschiedene Arten, die tausende Kilometer voneinander entfernt das Dach der Welt bewohnen: das Tibetanische Felsgleithörnchen (Eupetaurus tibetensis) und das Yunnan-Felsgleithörnchen (Eupetaurus nivamons).

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Ersteres lebt im Grenzgebiet zwischen Indien, Bhutan und Tibet, das Zweite tausende Kilometer weiter östlich, in der chinesischen Provinz Yunnan. Dies wurde im Rahmen einer Studie herausgefunden, die vor Kurzem im “Zoological Journal of the Linnean Society” veröffentlicht wurde.

„Die Entdeckung ist sehr aufregend”, sagt John Koprowski, Hörnchen-Experte an der University of Wyoming, der nicht Teil des Forscherteams war. „Dass zwei relative große Tierarten uns so lange verborgen geblieben sind, zeigt, wie wenig wir über die Natur wissen.“

Das unbekannte Hörnchen

Das Habitat des Felsgleithörnchen liegt abgelegen und ansonsten unbewohnt in fast 5.000 Metern Höhe – einer der Gründe, weshalb nur wenige westliche Wissenschaftler es bisher in der freien Wildbahn beobachten konnten. Dass das Tier nachtaktiv ist, und sein grau-braunes Fell es vor der felsigen Kulisse perfekt tarnt, erschwert Sichtungen zusätzlich.

“Wiederentdeckt” wurde das Felsgleithörnchen 1994 von dem Zoologen Peter Zahler in Pakistan. In den darauffolgenden Jahren konnten Wissenschaftler mehr über das geheimnisvolle Tier herausfinden: Es ernährt sich ausschließlich von Kiefernadeln und Wachholderblättern, und seine großen Zähne sind geriffelt, damit es die wachsartigen Blätter zermahlen und ihnen ein paar der kargen Nährstoffe abgewinnen kann.

Vorder- und Hinterbeinen der Felsgleithörnchen sind mit einer Flughaut verbunden, die sie aufspannen, um zwischen den Felsen durch die Luft zu gleiten. Ihren flauschigen Schwanz, der oft länger als der Rest ihres Körpers ist, benutzen sie dabei als Steuer. Er fungiert aber auch als Regenschirm bei plötzlichen Schauern. Dank ihrer Körpergröße und dem dichten, weichen Fell, können die Nagetiere Wärme gut speichern – ein Vorteil in den frostigen Bergen.

Aus einer Art werden zwei

Je mehr Helgen und sein Kollege Stephen Jackson erfuhren, desto sicherer waren sie sich, dass im Himalaya mehr große Felsgleithörnchen leben mussten, als bisher gedacht.

Die beiden besuchten acht Museen auf der ganzen Welt und untersuchten 24 Exponate des Felsgleithörnchens – das neueste war 50 Jahre alt. Sie stellten beim Vergleich der Hörnchenschädel große Unterschiede fest, und auch dass ein Exemplar, jetzt benannt als E. tibetensis, eine schwarze Schwanzspitze aufwies, die bei anderen Fellen fehlte. Die DNA-Analyse brachte schließlich den Beweis, dass es sich nicht um eine, sondern zwei verschiedene Arten handelte.

“Hundert Jahre lang haben diese Arten in einem Museumsarchiv darauf gewartet, dass ihr Geheimnis gelüftet wird“, sagt Melissa Roberts Hawkins, Kuratorin des Bereichs Säugetiere und Hörnchen-Expertin am Smithsonian Institut.

Laut Hawkins ist es essenziell, den Körperbau und die Genetik genau zu betrachten, wenn man Gleithörnchen erforscht, denn „zwei Hörnchen können komplett verschieden aussehen, und trotzdem einer Art angehören. Und manche sehen sich zum Verwechseln ähnlich, sind aber durch viele Millionen Jahre Evolution voneinander getrennt.”

Da das gesammelte Wissen bisher nur auf der Untersuchung weniger Museumsstücke beruht, ist, so Helgen, der tatsächliche Artbestand und dessen Bedrohungsgrad noch unbekannt.

„Noch stehen wir am Anfang”, sagt er. “Aber wir haben nun einen Namen und Wissenschaftler können damit beginnen, mehr über die Felsgleithörnchen in Erfahrung zu bringen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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