Unberechenbar: In China ist eine Herde Asiatischer Elefanten seit einem Jahr auf Wanderschaft

Experten versuchen mit vereinten Kräften eine 15-köpfige Elefantenherde zu schützen und sie davon abzuhalten, in die chinesische Millionenstadt Kunming vorzudringen.

Auf dieser Luftaufnahme vom 13. Juni 2021 sieht man, wie die Elefantenherde am Stadtrand von Yuxi im Südwesten Chinas ein Nickerchen macht. Die 15 Tieren haben innerhalb eines Jahres fast 500 Kilometer zurückgelegt.

Bild Xinhua Xinhua, Redux
Von Shawn Yuan
Veröffentlicht am 1. Juli 2021, 11:36 MESZ

In China hat sich eine Herde Asiatischer Elefanten auf eine Reise begeben, die so einmalig wie rätselhaft ist. Startpunkt war ihr Zuhause in einem Naturreservat bei Xishuangbanna in der südwestlichen chinesischen Provinz Yunnan. Von dort legten die Dickhäuter innerhalb eines Jahres eine Strecke von fast 500 Kilometern zurück, immer Richtung Norden. Doch welches Ziel sie haben, weiß niemand. Ebenso unklar ist, aus welchem Grund die Elefanten ihre Heimat verlassen haben. Sicher ist nur, dass es eine solch lange Elefantenwanderung in der chinesischen Geschichte bisher noch nicht gegeben hat.

Die Elefantenfamilie besteht aus sechs ausgewachsenen Weibchen, drei ausgewachsenen Männchen und sechs Jungtieren. Ende Juni 2021 erreichen sie die Außenbezirke Kunmings, eine Stadt mit mehr als 8 Millionen Einwohnern. Auf ihrem Weg hinterließen die Tiere ihre Spuren. Sie plünderten Felder und liefen auf der Suche nach Futter durch die Straßen kleiner Ortschaften, brachen in mehrere Küchen und sogar ein Pflegeheim ein. Berichten zufolge waren einzelne Elefanten zwischenzeitlich sogar betrunken, nachdem sie fermentiertes Getreide gefressen hatten. Ein Männchen verließ unterwegs die Herde und war, als seine Familie bei Kunming ankam, etwa 24 Kilometer von ihr entfernt allein unterwegs.

Die Eskapaden der Elefanten erregten bei der Bevölkerung des gesamten Landes große Aufmerksamkeit. Experten suchen unterdessen eine Antwort auf die Frage, wie die Begegnungen der Tiere mit Menschen auf ein Mindestmaß reduziert werden können. Becky Shu Chen, Expertin für Asiatische Elefanten bei der Zoological Society in London, arbeitet eng mit dem Team vor Ort zusammen. „Das Ziel ist klar”, sagt sie. „Wir müssen Konfliktsituationen zwischen Menschen und Elefanten verhindern.“

Die Elefantenherde, hier zu sehen in der Nähe von Yuxi im Juni 2021, hat durch die Zerstörung von Feldern und ihre Spaziergänge durch Ortschaften viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Bild Hu Chao Xinhua, Redux

„Die Menschen in Yunnan haben so etwas noch nie erlebt“, erklärt Shu Chen. Weil Erfahrungswerte fehlen, muss das Team vor Ort immer wieder spontan reagieren und seine Strategien ändern. Die Behörden setzen Drohnen ein, um die Elefanten aus der Luft zu verfolgen. Ihre Hoffnungen ruhen vor allem auf dem Plan, die Herde mit Ködern und Barrieren zum Umkehren zu bewegen.

Chen Mingyong, Professor an der School of Ecology and Environment an der Universität von Yunnan, ist Mitglied des Teams von Experten, das die Herde begleitet. In einem Gespräch mit dem Staatssender CCTV sagte er, die aktuelle Strategie sei „eine Route für die Herde festzulegen, und diese dann mit aromatischen Ködern zu bestücken; Mais, Ananas und Bananen.“ Außerdem seien die Straßen gesperrt worden, die in Ortschaften und Städte führen, so dass die Elefanten gar keine andere Wahl hätten, als dem vorgegebenen Weg zu folgen.

Im Mai war das Team mit der Köder-Taktik erfolgreich. Nachdem sie festgelegte Straßen mit vier Tonnen Futter ausgestattet hatten, folgten die Elefanten kurzzeitig der Route der Experten und machten einen kleinen Bogen in Richtung Süden. Weit gingen sie jedoch nicht: ihr Rückweg endete schon bald in der Nähe der Stadt Yuxi, die südlich an Kunming angrenzt.

Viele Ideen – viele Gefahren

Pan Wenjing hält das Ködern mit Futter ohnehin für eine unsichere Methode. Die Forscherin aus Peking arbeitet für Greenpeace und hat weitreichende Erfahrung mit dem Schutz Asiatischer Elefanten. „Die Tiere müssen sich auch sicher fühlen. Futter allein wird nicht reichen, um sie von ihrer Wanderroute abzubringen“, sagt sie.

Außerdem bringe das Ködern auch Risiken mit sich, so Zhou Jinfeng, Generalsekretär der China Biodiversity Conservation and Green Development Foundation, einer Nichtregierungsorganisation in Peking. Man dürfe diese Methode nur in Maßen anwenden. Er sagt: „Wir müssen aufpassen, dass die Elefanten sich nicht an die Fütterung durch Menschen gewöhnen und davon abhängig werden.“

Laut Chen Mingyong sei außerdem angedacht worden, die Herde mithilfe von elektrischen Zäunen auf den richtigen Weg zu leiten.

Galerie: Die Krieger, die eins Elefanten fürchteten, beschützten diese nun

Elektrozäune werden oft als Mittel zur Vermeidung von Mensch-Tier-Konflikten eingesetzt. Unter anderem werden sie genutzt, um Elefanten von landwirtschaftlichen Flächen fernzuhalten. „In diesem Fall gibt es jedoch einige Aspekte, die gegen den Einsatz von Elektrozäunen sprechen“, sagt Raman Sukumar, Ökologieprofessor am Indian Institute of Science, ein bekannter Experte für die Ökologie und das Verhalten Asiatischer Elefanten.

Er begründet seine Ablehnung damit, dass es nicht praktikabel sei, die Zäune entlang des Rückwegs der Elefanten auf- und wieder abzubauen. Abgesehen davon könne es sich nicht nur als schwierig erweisen, die Elefanten dorthin zurückzuführen, woher sie kommen. Selbst wenn das gelänge, dürfte es ein Problem damit geben, sie zum Bleiben zu bewegen. Schließlich sei nicht geklärt, warum sie ihre Heimat überhaupt verlassen haben.

Becky Shu Chen glaubt, dass die Elefanten sich schlicht übernommen haben – und nun die fast 500 Kilometer Rückweg in ihr Reservat bei Xishuangbanna selbst mit Unterstützung nicht bewältigen können.

Einige Experten, zu denen auch Zhang Jinshou zählt, Spezialist an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, besprachen mit den Staatsmedien die Möglichkeit, die Elefanten zu betäuben und einfach nach Xishuangbanna zurückzubringen.

Ein Umzug mit 500 Elefanten

Es gab einen ähnlichen Fall, bei dem so verfahren wurde. 2019 fingen die Behörden von Yunnan einen Elefantenbullen ein, der bei seinem Gang durch die Dörfer große Schäden angerichtet hatte. Sie betäubten und transportierten ihn zurück in sein Habitat. Dies mit einer 15 Tiere starken Herden zu wiederholen, wäre eine in Asien nie dagewesene Aktion, sagt Raman Sukumar.

Laut ihm hätten Massentransporte zur Umsiedlung von Elefanten in ähnlicher Größenordnung erfolgreich in Südafrika stattgefunden. In China aber fehle es an der nötigen Expertise und Infrastruktur für ein solches Unterfangen. Hinzu käme die landschaftliche Komplexität. Yunnan ist stark bewaldet. Das würde den Betäubungsvorgang „im Vergleich zu der Aktion in Südafrika erheblich erschweren. Dort hielten sich die Elefanten auf freier Fläche auf.“

Pan Wenjing von Greenpeace sagt, dass das Vorhaben insbesondere für die Jungtiere mit hohen Risiken verbunden wäre. „Die Familienbande sind eng, man kann sehen, wie groß die Wachsamkeit gegenüber Gefahren ist“, so die Expertin. „Sobald der erste Elefant betäubt ist, wird das die ganze Herde in Aufruhr bringen – mit unvorstellbaren Konsequenzen.“

Eine langfristige Lösung für die Elefanten

Alle Methoden, die bis zu diesem Punkt zum Einsatz kamen, seien lediglich kurzfristige Lösungen, so Becky Shu Chen. Ihr einziger Zweck sei es gewesen, Konfliktsituationen zwischen Menschen und den Wildtieren zu vermeiden. Die eigentliche Frage sei aber, mit welcher langfristigen Lösung man der Situation begegnen könne.

Zhou Jinfeng hält die Gründung eines neuen nationalen Elefantenparks in der Nähe Kunmings – also dort, wo die Herde sich derzeit aufhält – für die beste Idee. „In Yunnan gibt es viele nationale, provinzielle und kommunale Naturreservate“, sagt er. „Viele von ihnen hätten das Potential, vorübergehend oder irgendwann auch permanent das neue Habitat der Herde zu werden.“

Er betont außerdem die Notwendigkeit von ökologischen Verbindungswegen zwischen den bereits existierenden Elefanten-Naturreservaten in Yunnan, um für die Tiere sichere und einfache Wandermöglichkeiten zu schaffen.

Raman Sukumar stimmt dem zu. Basierend auf seinen Erfahrungen in Indien schlägt er vor, die Elefanten in einen temporären Aufenthaltsbereich zu locken, in dem sie gut versorgt und in Sicherheit darauf warten können, dass die Experten in der Nähe ein geeignetes neues Habitat für sie finden. „Wenn China es mit dem Schutz der wilden Asiatischen Elefanten ernst meint,“ sagt er, „muss [das Land] für diese Herde ein neues Zuhause finden.“

 

Shawn Yuan aus China ist Journalist, Fotograf und National Geographic Explorer. Nachdem er schon aus über 20 Ländern berichtet hat, ist er nun zu gleichen Teilen im Nahen Osten und in China im Einsatz. Sein besonderes Interesse gilt den Menschenrechten und der Umwelt. Er spricht Mandarin, Kantonesisch, Arabisch und Englisch.

Ziel der National Geographic Society ist es, die Wunder der Welt zu erforschen und zu beschützen. Die Gesellschaft fördert die Arbeit von National Geographic Explorer Shawn Yuan. Weitere Informationen über die Gesellschaft und ihre Unterstützung für Explorer, die über gefährdete Arten aufklären und sich für sie einsetzen, sind hier zusammengefasst.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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