Orcas machen Jagd auf Blauwale – erstmals Angriffe erfasst

Das sprichwörtlich große Fressen vor der australischen Küste: Wissenschaftler haben Schwertwale dabei beobachtet, wie sie Blauwale jagen. Bislang ging man davon aus, dass sie eher kleinere Tiere fressen.

Veröffentlicht am 7. Feb. 2022, 14:36 MEZ
Ein Orca beißt in die Zunge eines Blauwal-Kälbchens. Dieser Orca, wahrscheinlich ein erwachsenes Weibchen, war an ...

Ein Orca beißt in die Zunge eines Blauwal-Kälbchens. Dieser Orca, wahrscheinlich ein erwachsenes Weibchen, war an allen drei in der Forschungsarbeit beschriebenen Angriffen beteiligt.

Foto von John Daw, Australian Wildlife Journeys

Dass Orcas keine zimperlichen Jäger sind, ist bekannt – das hat ihnen auch den eher unschönen Namen Killerwale eingebracht. Dass sie jedoch so große Beute machen, ist neu: Erstmals seit Beginn der Erforschung der Tiere wurde erfasst, wie Orcas vor der Südwestküste Australiens Blauwale jagen. In einer Studie, die kürzlich im Marine Mammal Science Journal veröffentlicht wurde, beschreiben die Forscher diese drei Vorfälle zwischen 2019 und 2021. An der Jagd waren jeweils Gruppen von 50 bis zu 75 Schwertwalen (Orcinus orca) beteiligt.

Orcas sind bislang eher als Jäger von Robben, kleinen Fischen, Schildkröten, Haien oder kleineren Walen bekannt. Die Forscher überraschte das aggressive Verhalten der Tiere gegenüber den blauen Riesen also.

Jagdverhalten? Orcas „spielen“ mit Schildkröten
Dieser Orca könnte mit seinem Essen spielen, was die Schwertwale oft tun, oder das ältere Männchen könnte den jüngeren Orcas zeigen, wie man jagt.

Orcas und ihr verändertes Jagdverhalten

Die Tiere gingen bei ihren Angriffen auf ihre überdimensional große Beute jeweils äußerst brutal vor. Der erste beobachtete Angriff war nach Angaben des Forscherteams rund um Robert Pitman, Meeresökologe des Marine Mammal Institute der Oregon State University, bereits in vollem Gange, als sich das Forschungsschiff am 21. März 2019 den Tieren näherte. Dutzende Schwertwale wurden dabei beobachtet, wie sie einen 22 Meter langen Blauwal (Balaenoptera musculus) töteten.

Der Angriff legte einen Knochen am Kopf des Wals frei, tiefe Bisswunden waren an den Flossen zu sehen. Die Orcas rammten den Blauwal mehrmals. Unterdessen begann ein Orca-Weibchen sogar die Zunge der lebenden Beute zu fressen – der Blauwal starb kurz darauf. Danach kamen etwa 50 Schwertwale zusammen, um sich mit Seevögeln an den Überresten des Wals zu laben. Die Zungen der Meeresriesen sind besonders protein- und nährstoffreich  – und deshalb bei Orcas begehrt.

„Alle drei Angriffe waren sehr ähnlich”, schreiben die Forscher in ihrer Studie. “Die Schwertwale schwammen an der Seite und griffen nach der Rückenflosse, den Flossen und dem Schwanz des Blauwals, um ihn zu verlangsamen.” Dann rutschten die Orcas auf das Blasloch des Wals, um ihn am Atmen zu hindern und ihn zu ermüden.

Orcas erlegen Grönlandwal mit koordinierter Jagdstrategie

Das Jagdverhalten der Orcas als Zeitfenster in die Vergangenheit

Warum beobachten Forscher dieses Verhalten erst jetzt? Das könnte an dem geringen Bestand von Blauwalen liegen. Denn Blauwale erholen sich immer noch von ihrer Beinahe-Ausrottung durch Walfänger im 19. und 20. Jahrhundert und befinden sich heute noch auf der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN. Das könnte erklären, warum Orcas bisher als Jäger von kleinerer Beute bekannt waren. Pitman vermutet in dem neu beobachteten Jagdverhalten einen Beweis dafür, dass Schwertwale zu einer alten Gewohnheit zurückkehren, sobald eine alte Nahrungsquelle wieder auftaucht.

Ebenfalls spannend bleibt für die Forscher auch die Frage nach der Dynamik des marinen Ökosystems in Westaustralien. Durch das veränderte Jagdverhalten der Orcas könnten einige Wale, wie Buckel- und Grönlandwale, ihre gesamte Wanderroute so planen, dass sie den Orcas ausweichen. Für unwahrscheinlich halten die Forscher unterdessen, dass Angriffe von Schwertwalen eine existenzielle Bedrohung für die Erholung der Blauwalpopulationen darstellt – obwohl davon auszugehen ist, dass sich solche Vorfälle mehren werden, wenn sich beide Populationen in ihrer Anzahl erhöhen sollten.

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