Fortpflanzung geht vor Freundschaft: Paviane vernachlässigen ihre Kumpel

Guineapaviane pflegen besonders enge Männerfreundschaften. Forschende wollten wissen, ob diese Beziehungen zu mehr Erfolg bei der Fortpflanzung verhelfen – und stießen auf ein Phänomen, das auch viele Menschen aus ihrem Freundeskreis kennen.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 31. Mai 2022, 09:46 MESZ
Unzertrennlich bis zur Geschlechtsreife: Zwei befreundete männliche Guineapaviane bei der Fellpflege im Niokolo-Koba Nationalpark im Senegal.

Unzertrennlich bis zur Geschlechtsreife: Zwei befreundete männliche Guineapaviane bei der Fellpflege im Niokolo-Koba Nationalpark im Senegal.

Foto von Federica Dal Pesco

Blut ist dicker als Wasser – eine Einstellung, die auch im Tierreich vorherrscht. Freundschaften, also enge Bindungen zu nicht-verwandten Tieren, sind hier äußerst selten. Vor allem bei männlichen Individuen überwiegt meistens die Konkurrenz um Rang und Fortpflanzungsgelegenheiten. Es ist ein häufig auftauchendes Motiv, das man aus Büchern, Filmen, Liedern und vielleicht sogar aus dem eigenen Leben kennt: Kommt eine Frau ins Spiel, stellt das manchmal selbst die stärkste Männerfreundschaft auf eine harte Probe.

Dabei bringt diese auch im Tierreich manche Vorteile mit sich: Freunde bieten emotionale Unterstützung und helfen beim Aufstieg in der Ranghierarchie oder der Verteidigung der Weibchen gegen Rivalen. Guineapaviane (Papio papio) scheinen das verstanden zu haben: Sie sind dafür bekannt, dass zwischen den Männchen besonders starke Bindungen bestehen. Infolgedessen ist bei dieser Spezies auch keine klare männliche Ranghierarchie zu beobachten.

Vorteil Popularität: Machen Freunde attraktiv?

Forschende des Deutschen Primatenzentrums (DPZ), dem Leibniz-Institut für Primatenforschung, wollten nun herausfinden, ob dieser Umstand männlichen Guineapavianen, die besonders viele Freunde haben, bei der Partnersuche einen Vorteil verschafft. Ihre Theorie: Männchen mit vielen Freunden können mehr Weibchen anlocken, weil sie in der Lage sind, „männliche Dienstleistungen“ wie zum Beispiel eine bessere Verteidigung gegen Raubtiere zu erbringen.

Kampf der Geschlechter
Eine Gruppe Indischer Languren-Weibchen schlägt männliche Eindringlinge zurück, die ihren Nachwuchs töten wollen. Szenen aus „Tierische Instinkte“.

Um den Zusammenhang zwischen männlichen Freundschaften, gegenseitiger Unterstützung und Fortpflanzungserfolg zu untersuchen, beobachtete das wissenschaftliche Team unter der Leitung von Federica Dal Pesco, Verhaltensbiologin und Primatologin in der Abteilung für Kognitive Ethologie am DPZ, über vier Jahre freilebende Guineapaviane im Senegal. Die Ergebnisse ihrer Forschung wurden nun in einer Studie in der Zeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht.

Die untersuchten Tiere gehören zu einer Studienpopulation von über 400 Individuen, die frei in der Nähe der DPZ-Feldstation Simenti im Niokolo-Koba-Nationalpark im Senegal lebt und seit dem Jahr 2010 untersucht wird.

Die Sozialstruktur der Guineapaviane besteht aus mehreren Ebenen: Die Kerneinheiten setzen sich aus einem Männchen mit einem bis sechs Weibchen zusammen. Mehrere dieser Kerneinheiten bilden gemeinsam mit einzelnen Junggesellen-Männchen „Cliquen“. Zwei bis drei Cliquen verbinden sich wiederum zu „Gangs“. Weibchen wählen ihre Sexualpartner frei und bleiben mehrere Wochen bis zu mehrere Jahre mit demselben Männchen zusammen. Die Wissenschaftler analysierten das Sozialverhalten von 30 Männchen und ermittelten die Vaterschaft von 50 Jungtieren, die – wie sich zeigte – in der Regel alle von dem Männchen der jeweiligen Kerngruppe gezeugt worden waren.

Keine Zeit mehr für die Gang

Entgegen ihrer ursprünglichen Annahme konnten die Forschenden keine Hinweise darauf finden, dass Männchen mit vielen Freunden für weibliche Tiere attraktiver sind: Ob Männchen viel oder wenig Unterstützung von Freunden bekamen, stand in keinem Zusammenhang mit dem Fortpflanzungserfolg.

Vielmehr schien das Gegenteil der Fall zu sein, denn mit dem Eintreten der Geschlechtsreife änderten sich die Prioritäten der männlichen Guineapaviane deutlich. „Sobald die Männchen für die Weibchen attraktiv werden, verlagern sie ihre Aufmerksamkeit auf diese, um so ihren Fortpflanzungserfolg zu steigern“, erklärt Federica Dal Pesco. Zwar hielten Männchen in dieser Lebensphase weiterhin in moderatem Umfang Kontakt zu anderen Männchen, doch sie investierten merklich weniger in diese Beziehungen.

Eine Beobachtung der Forschenden, die vielen auch aus menschlichen Freundeskreisen bekannt vorkommen dürfte: Je mehr Weibchen eine Kerngruppe umfasste – je größer also die familiären Verpflichtungen der Männchen waren –, desto weniger Zeit verbrachten sie mit ihren Freunden. „Es sind vor allem die jungen und alten Junggesellen, die genügend Zeit haben, um mit anderen Männchen zusammen zu sein“, sagte Federica Dal Pesco. Ihr zufolge könnte das Schließen und die Pflege von Freundschaften dieser Individuen eine Strategie sein, mit der sie Teil des sozialen Gefüges werden oder bleiben, obwohl sie keiner Kerngruppe angeschlossen sind.

„Was wir noch nicht wissen, ist, ob männliche Freundschaften dazu beitragen, die ersten Weibchen früher anzuziehen oder den Status als fortpflanzungsaktives Männchen länger aufrechtzuerhalten“, sagt Julia Fischer, Leiterin des Cognitive Ethology Laboratory des DPZ und Co-Autorin der Studie. „Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir viele weitere Jahre der Beobachtung.“

Geduld ist also gefragt und zahlt sich am Ende hoffentlich aus: Für die Wissenschaftler des DPZ und all diejenigen, die sich danach sehnen, wieder mehr Zeit für ihre Freunde zu finden.

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