Inzuchtfalle gefährdet Rotwild in Hessen

Durch Autobahnen und wachsende Siedlungen steht es schlecht um die hessischen Rothirsche. Nun sind sie durch zunehmende Isolierung auch von schwindender genetischer Diversität und Missbildungen bedroht.

Hessen weist bundesweit die dritthöchste Dichte an Verkehrs- und Siedlungsflächen auf. Doch auch andere Gefahren werden den heimischen Rothirschen immer mehr zum Verhängnis.

Foto von Hans Veth / Unsplash
Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 10. Mai 2022, 14:27 MESZ

Die größte hierzulande lebende Säugetierart ist vielen Gefahren ausgesetzt. Neben Wildtierunfällen und Erntemaschinen wird auch die Verkleinerung ihrer Lebensräume ein immer größeres Risiko für Rothirsche. In Hessen schlagen Experten und Expertinnen deshalb nun Alarm: Die genetische Diversität der einzelnen Populationen ist in Gefahr. Durch zunehmende Inzucht kommt es vermehrt zu Gendefekten. Missbildungen sind die Folge.

Speziell in Hessen stellt das wachsende Netz an Autobahnen in Kombination mit der steigenden Zersiedelung der Landschaft die Tiere vor zusätzliche unüberwindbare Barrieren. Die rund 20 Rotwildpopulationen werden derart in ihrem Lebensraum eingeengt, dass ein Austausch mit anderen Beständen nur noch in wenigen hessischen Regionen möglich ist. 

„In einem Drittel der Gebiete im Bundesland müssen wir uns aufgrund mangelnder genetischer Vielfalt ernsthaft um den mittelfristigen Erhalt dieser Art als gesunde Populationen sorgen", sagt Professor Gerald Reiner vom Arbeitskreis Wildbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Deutschlandweit macht sich ein ähnlicher Trend bemerkbar.

Galerie: Wiedergeburt der Ausgestorbenen

Die Sache mit der Biodiversität

Schadhafte Gene, wie wir sie alle in uns tragen, kommen durch Mischerbigkeit meist nicht zum Zuge. Kritisch wird es, wenn spezifische defekte Gene vermehrt reinerbig vorkommen, also wenn das Kalb die gleiche Erbinformation für ein bestimmtes Merkmal von beiden Elternteilen bekommt. Mittlerweile seien laut Gerald Reiner beispielsweise bereits sechs Kälber mit verkürzten Unterkiefern bekannt – nur einer von sich häufenden Fällen offensichtlicher Missbildungen. 

„In gesunden Populationen treten solche Missbildungen normalerweise nicht auf. Bis 2018 waren sie auch in Hessen vollkommen unbekannt”, erklärt er weiter. Eine eingeschränkte Nahrungsaufnahme sei oftmals die Folge. Zu derartigen sichtbaren Symptomen komme es vermehrt, sobald die genetische Vielfalt einer Art nicht mehr ausreichend gegeben ist. Auch das sei im Bezug auf die Biodiversität zu beachten. 

Auswirkungen auf Krankheitsresistenz und Anpassungsvermögen können bei Wildtieren nur schwer beobachtet werden. Es kann jedoch angenommen werden, dass diese durch schwindende Vielfalt im Genpool eines Tierbestandes ebenfalls sinken. Laut Reiner sind auch die Fitness und Fruchtbarkeit dadurch vermehrt beeinflusst. Diese Vorgänge könnten bereits deutlich weiter fortgeschritten sein als bislang angenommen.

Wege aus dem Teufelskreis

Mögliche Lösungsansätze gibt es einige. Zumindest in der Theorie. Denn der Erhalt der Rotwildpopulationen und ihrer Gesundheit und Biodiversität ist auf lange Sicht in allen hessischen Gebieten kaum noch kompensierbar. Die Tiere weniger als Schädlinge anzusehen, sondern als Eckpfeiler unserer Biodiversität – das wäre laut Gerald Reiner bereits eine große Hilfe. 

In einer Vortragsreihe des Deutschen Jagdverbands stellte er deshalb dringliche Maßnahmen vor. Für den aktiven Schutz der Tierart wäre eine deutliche Reduzierung der Jagdzeiten erstrebenswert. Gezielteres Jagen, verteilt auf weniger Monate des Jahres würde das Jagen als Inzuchtfalle vermindern. Und auch Waldbesucher müssten sich wohl etwas einschränken. Vermehrte Ruhezeiten und -zonen würden die Tiere weniger dazu zwingen, sich von Baumrinden zu ernähren und die sogenannten Schälschäden an Bäumen verringern. Denn diese führen wiederum zu vermehrten Abschüssen, die das Wild weiter in den Wald treiben – ein Teufelskreis.

Zudem könnte die aktive Verbesserung der Lebensräume massiv zu einer positiven Entwicklung beitragen. Beispielsweise sorgt das Sinken der Lebensraumqualität bei den Tieren für zunehmenden Stress. Verbleiben die Tiere in Wäldern, in denen die Verjüngung des Waldes ohne Schutzvorrichtungen stattfindet, steigt wiederum der Jagddruck zugunsten der jungen Bäume – und zum weiteren Nachteil des Rotwildes. 

Wanderkorridore und Wildbrücken

Die Wiedervernetzung einzelner, mittlerweile isolierter Bestände soll zukünftig vermehrt durch definierte Wanderkorridore und Wildtierbrücken bewerkstelligt werden. Dabei spielt vor allem eine Vernetzung von Biotopen eine große Rolle. Denn ein solcher Korridor sei laut Reiner nur hilfreich, solange das Wild – besonders junge männliche Tiere – diese Wanderung auch überlebe. Die Bereitschaft der Jäger, außerhalb der Rotwildgebiete auf einen Abschluss zu verzichten, sei dafür ausschlaggebend. 

Laut den Studien, an denen der Wildbiologe beteiligt ist, würden Wildtierbrücken bereits sichtliche Erfolge erzielen. Sie stellen einen wichtigen Pfeiler der Maßnahmen für den genetischen Austausch der Art dar. Umsiedlungen seien hingegen ein falscher Weg. „Die Populationen sind an ihre Lebensräume angepasst. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass umgesiedelte Tiere nur schwer Fuß fassen können”, so Reiner. Umsiedlungen sieht er daher nur als einen Tropfen auf den heißen Stein. „Wir schaffen damit Wildparkverhältnisse. Wir müssen die Selbstheilungskräfte der Natur unterstützen.“

Ein wertvoller und notwendiger genetischer Austausch zwischen den Populationen wäre also nicht vollends unmöglich – es müsse aber schnellstens gehandelt werden. Glücklicherweise gebe es in gewissen hessischen Gebieten auch noch einige Tiere mit geringen Inzuchtgraden. Diese gelten laut Reiner sozusagen als Hoffnungsträger für das weitere Wildtiermanagement. „Wir müssen die Stressoren abbauen, nicht das Rotwild. Denn wenn das Rotwild abgebaut ist, ist es weg.“

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