Auf den Spuren der letzten Pandas in Europa

Forschende haben die wohl letzte Pandaart, die je in Europa lebte, identifiziert – und damit eine bisher unbekannte Unterart entdeckt. Die Tiere lebten bis vor etwa 5,3 Millionen Jahren und waren nahe Verwandte des heute noch lebenden Riesenpandas.

Rekonstruktion von A. nikolovi: Der Panda erinnert an den heute noch lebenden, nur in Asien vorkommenden Riesenpanda – doch A. nikolovi durchstreifte vor 5,3 Millionen Jahren die feuchten Wälder Europas.

Foto von Velizar Simeonovski
Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 5. Aug. 2022, 15:25 MESZ

Die einzige heute noch vorkommende Pandaart ist der in Asien lebende Riesenpanda oder Große Panda. Und auch dieser wird – trotz jüngster Erfolge beim Artenschutz – aktuell von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als bedroht (VU) gelistet. Das liegt wohl auch an dem sehr limitierten Ausbreitungsgebiet des Riesenpandas: Er lebt nur in den hohen Bambuswäldern der abgelegenen, bergigen Regionen Zentralchinas. 

Doch vor Tausenden von Jahren waren Pandas auch über die Grenzen Chinas hinaus verbreitet – und kamen wild sogar in Europa vor. So auch die nun durch Qigao Jiangzuo Nikolai Spassov neu entdeckte Art Agriarctos nikolovi. „A. nikolovi ist zwar kein direkter Vorfahre der modernen Gattung des Großen Pandas, aber er ist doch eng mit ihm verwandt“, so Spassov. Und nicht nur das: Die Art ist die wohl letzte, die in Europa lebte, bevor sich der Lebensraum der Pandas nach und nach verkleinerte. Ihre Entdeckung veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachmagazin Journal of Vertebrate Paleontology.

Die Aufzucht niedlicher Pandas: Ganz schön kompliziert

Historische Entdeckung mit neuen Erkenntnissen 

Die Entdeckung der beiden Forscher basiert auf zwei Zähnen, die bereits in den späten 1970er Jahren im Nordwesten Bulgariens entdeckt und seither im bulgarischen Nationalmuseum aufbewahrt wurden: ein oberer Reiß- und ein oberer Eckzahn. Die Zähne wurden damals vom Paläontologen Ivan Nikolov katalogisiert. Die erneute Untersuchung durch Jiangzuo und Spassov zeigte dann: Die Zähne gehörten einem bisher unbekannten fossilen europäischen Panda. 

„Diese Entdeckung zeigt, wie wenig wir noch über die antike Natur wissen, und demonstriert auch, dass historische Entdeckungen in der Paläontologie auch heute noch zu unerwarteten Ergebnissen führen können“, so Spassov. Denn durch die etwas ungenaue Beschriftung, die Nikolov dem Fund vor Jahrzehnten hinzufügte, dauerte sowohl die Bestimmung des Alters der Knochen als auch die des Fundortes verhältnismäßig lange. „Es gab nur dieses eine Etikett, das vage mit der Hand geschrieben war“, sagt Spassov. Die neue Pandaart wurde dennoch zu Ehren von Nikolov benannt, der den Fund damals an das Museum weitergab.

Leben und Sterben des Europäischen Pandas

Zusätzlich du den Zähnen konnten die Forschenden Kohlerückstände an den Zähnen ausmachen, die Aussagen über den Lebensraum von A. nikolovi zulassen. „Angesichts der Tatsache, dass die Fossilien in kohlehaltigen Ablagerungen gefunden wurden, können wir davon ausgehen, dass der Panda feuchte Wälder mit Flussüberschwemmungen und sumpfigen Gebieten bewohnte“, sagen die Forscher.

Damit war der europäische Panda zwar weniger spezialisiert in seinem Lebensraum als der heute noch lebende Riesenpanda, seine Vorliebe für die sumpfigen Wälder wurde ihm aber unter Umständen dennoch zum Verhängnis. „Es ist wahrscheinlich, dass sich Veränderungen des Klimas am Ende des Miozäns in Südeuropa negativ auf die Existenz des letzten europäischen Pandas ausgewirkt haben“, sagt Spassov. Damals sorgte die Messinische Salinitätskrise dafür, dass das Mittelmeer fast vollständig austrocknete. Sie ist nach der letzten Stufe des Miozäns benannt und fand vor etwa fünf bis sechs Millionen Jahren statt. Diese Krise zog massive Klimaveränderungen in den Gebieten rund um das Mittelmeer nach sich – denen vermutlich auch die europäischen Pandas zum Opfer fielen.

Unklar ist bislang, ob Pandas zuerst in Europa oder Asien vorkamen – und wie sie sich auf den Kontinenten verbreiteten. Auch die Autoren der Studie haben bisher nicht genug Hinweise gefunden, um einen der beiden Standorte klar zu bestätigen. „Bisher gibt es paläontologische Daten, die zeigen, dass die ältesten Mitglieder dieser Gruppe von Bären in Europa gefunden wurden“, sagt Spassov. Allerdings reiche das allein nicht, um die Evolutionsgeschichte der Bären nachzuvollziehen. Nur eines ist wohl klar: Egal, wie die Bären nach Europa kamen – der letzte von ihnen war wohl A. nikolovi.

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