Das Rätsel des europäischen „Pandas“
Ein alter Verwandter des Großen Pandas könnte ein Beleg für den europäischen Ursprung der asiatischen Bären sein.
Vor elf Millionen Jahre lebte ein kleiner Bär namens Kretzoiarctos beatrix in den Feuchtwäldern des heutigen Spaniens. Dort hatten Wissenschaftler 2012 Zähne des Tieres nahe der Stadt Saragossa gefunden und ihren Fund im Fachmagazin „Estudios Geológicos“ dokumentiert.
Paläontologen können aus Zähnen zahlreiche Informationen über die zugehörige Tierart gewinnen, wie der Studienleiter Juan Abella erklärte, der als Paläontologe für das Museo Nacional de Ciencias Naturales im spanischen Madrid tätig ist.
„Alle Bärenzähne haben beispielsweise eine Reihe an Merkmalen, die uns verraten, dass es sich um Bärenzähne handelt. Das Gleiche gilt für Hunde, Katzen, Hirsche und andere Wirbeltiergruppen“, schrieb Abella 2012 in einer E-Mail an National Geographic.
Nach der Analyse der Zahnfossilien kamen die Forscher zu dem Schluss, „dass sie zur Bärenfamilie gehören, genauer gesagt zur Unterfamilie des Großen Pandas“.
Die Familienähnlichkeit war vermutlich auffällig: Abella und seine Kollegen spekulierten, dass der Bär eine pandaartige Fellzeichnung hatte, da die meisten heute noch lebenden Arten dieser Familie die charakteristischen schwarzen und weißen Flecken aufweisen.
Stammt der Panda aus Europa?
K. beatrix war definitiv kein Bär, wie wir ihn kennen.
Das sechzig Kilogramm schwere Tier war kleiner als der kleinste heute lebende Bär – der Malaien- oder Sonnenbär – und stand damit wohl nicht an der Spitze der Nahrungskette in Europa.
Genau wie heutige Pandas und kleine Bären kletterte er vermutlich auf Bäume, um den großen Raubtieren seiner Zeit zu entgehen, beispielsweise ausgestorbenen Bärenhunden (Amphicyonidae) und Säbelzahnkatzen (Barbourofelidae).
Außerdem ist K. beatrix der bislang älteste bekannte Vertreter der Unterfamilie Ailuropodinae, zu der auch der Große Panda gehört.
„Daher stammt diese Gruppe nicht aus China, wo [der Große Panda] lebt, sondern aus den feuchtwarmen Regionen Südwesteuropas“, sagte Abella 2012.
Der Paläontologe Blaine Schubert der East Tennessee State University hat sich mit prähistorischen Bären befasst und findet diese Behauptung „ziemlich spekulativ“.
Abellas Studie „besagt nicht, dass das ein Beleg für einen möglichen europäischen Ursprung des Großen Pandas ist“, erklärte Schubert, der an der Studie nicht beteiligt war.
„Selbst, wenn das neue Fossil ein Verwandter der heutigen Pandas ist, bedeutet das nicht, dass die Pandas von dort stammen.“
Der lange Weg nach China
Falls die Vorfahren des Großen Pandas aber tatsächlich aus Europa stammten, wie kamen sie dann nach China?
Galerie: Bärenbrüder
Frühere Studien hatten bereits darauf hingedeutet, dass Bären allgemein „recht gut in der Lage sind, sich auszubreiten, wenn die Umweltbedingungen für sie günstig sind“, sagte Abella. Zu jener Zeit war der Südwesten Europas feucht und warm – gute Startbedingungen für die Tiere.
Zudem wanderten die Bären wahrscheinlich hauptsächlich über Land. Ein potenzielles Hindernis – ein altes eurasisches Randmeer namens Paratethys –, schrumpfte zu Lebzeiten von K. beatrix bereits.
Ob die Art aber wirklich je bis nach China gewandert ist, ist unbekannt. Bisher hat man keine Fossilien außerhalb Spaniens finden können.
Abella hofft, dass in Zukunft auch Skelettfunde auftauchen, die offenbaren könnten, wie das Tier lebte und sich fortbewegte. „Bis wir weitere Überreste der Art finden, können wir nicht viel mehr Informationen liefern“, sagte der Forscher.
Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.
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