Vom Würmchen zum Bären: So verläuft eine Panda-Kindheit

Bei der Geburt haben Pandas fast nichts mit ihren schwarz-weißen Artgenossen gemein. Aber die nackten, blinden Junge bleiben nicht lange so hilflos.

Wednesday, October 7, 2020,
Von Amy McKeever
Panda Jungtier

Pandas werden ohne ihre charakteristischen schwarz-weißen Abzeichen geboren. Aber ihr Fell wächst schnell, wie man an diesem sechs Wochen alten Jungtier sehen kann, das am 21. August 2020 im Smithsonian's National Zoo in Washington, D.C. geboren wurde. Gentests haben ergeben, dass der noch unbenannte Panda ein Männchen ist.

Bild ROSHAN PATEL, SMITHSONIAN’S NATIONAL ZOO

Sechs Wochen, nachdem die Pandadame Mei Xiang in Washington, D.C. Nachwuchs zur Welt gebracht hatte, enthüllte der Smithsonian National Zoo das Geschlecht des neugeborenen Jungtieres – nicht mit einem bunten Kuchen oder Feuerwerk, sondern mit einem bezaubernden Foto und den Ergebnissen eines Gentests: Es ist ein Junge!

Verspielte Pandas toben durch den Schnee

Die genetischen Tests wurden bei der ersten tierärztlichen Untersuchung des noch unbenannten Neugeborenen im September durchgeführt, einen Monat nach seiner Geburt am 21. August. Gentests sind die einzige Möglichkeit, das Geschlecht eines Pandas in den ersten Wochen seines Lebens zu bestimmen. In dieser Phase beschützen die Mütter ihren Nachwuchs nicht nur besonders energisch – Pandas werden auch ohne äußere Genitalien geboren.

Das ist aber nicht alles, was ihnen bei der Geburt fehlt. Neugeborene Große Pandas haben optisch fast nichts mit ihren erwachsenen Artgenossen gemein. Statt ihrer berühmten schwarz-weißen Fellfarbe sind sie nach der Geburt rosafarbene, runzlige, blinde, quiekende kleine Wesen von der Größe eines Butterstücks. Wie wird daraus ein großes, kuscheliges Fellknäuel, das bei Jung und Alt beliebt ist?

Mei Xiang bringt ihr Junges im National Zoo zur Welt. In den ersten Wochen seines Lebens ist das Junge so hilflos, dass seine Mutter es unter keinen Umständen allein lässt – nicht einmal, um sich Futter oder Wasser zu holen.

Bild Smithsonian’s National Zoo

Pandababys: Blind, nackt und hilflos

Pandas sind nach der Geburt enorm verletzlich und unterentwickelt. Mit einem Gewicht zwischen 85 und 140 Gramm haben die kleinen Pandas nur 1/900 des Gewichts ihrer Mutter. Damit gehören sie zu den kleinsten neugeborenen Säugetieren im Verhältnis zu ihren Müttern: Menschliche Mütter sind nur etwa 20 Mal schwerer als ihre Babys, bei Orcas sind es 50 Mal. Nur Beuteltiere sind noch kleiner, was daran liegt, dass die winzigen Neugeborenen ihre Entwicklung erst im Beutel ihrer Mutter beenden. Rote Riesenkängurus zum Beispiel werden mit 1/100.000 des Gewichts ihrer Mütter geboren.

Forscher sind sich nicht sicher, warum Pandas so klein geboren werden. Im Dezember 2019 untersuchte eine im „Journal of Anatomy“ veröffentlichte Studie die Skelettstrukturen von Großen Pandas und anderen großen Bären, die im Vergleich zu ihren Müttern bei der Geburt ebenfalls eher klein sind. Die Studie ergab, dass andere Bärenarten zwei Monate lang trächtig sind und Jungen mit voll entwickeltem Skelett zur Welt bringen. Neugeborene Pandas kommen nach nur einen Monat zur Welt und ihre Skelette sind nach Meinung der Autoren vergleichsweise „unterentwickelt“.

Galerie: Die Kunst, Pandas zu fotografieren

Die kurze Trächtigkeit hat wahrscheinlich mit dem Bambus zu tun, der den größten Teil der Nahrung des Bären ausmacht, sagt Laurie Thompson, die Assistenzkuratorin für Große Pandas im National Zoo. Bambus hat nicht viele Nährstoffe. Anstatt die enormen Energiemengen zu verbrauchen, die für das Wachstum eines Fötus erforderlich sind, können sich Pandaweibchen auf die Bildung der fettreichen Milch konzentrieren, die ihren Jungen hilft, außerhalb des Mutterleibs zu wachsen.

Pandajunge sind für Nahrung und Schutz vollständig auf ihre Mutter angewiesen, da sie weder sehen noch hören oder krabbeln können. Sie sind so hilflos, dass sie in den ersten Lebenswochen weder ihre Körpertemperatur selbst regulieren noch ihre Abfallstoffe selbst ausscheiden können. Stattdessen muss sich die Mutter um beides kümmern, indem sie ihr Junges im Arm hält, um es warm zu halten, und seinen Bauch massiert, um die Muskeln zur Abgabe von Urin und Kot anzuregen. In diesen ersten Wochen verlassen die Pandamütter ihren Nachwuchs nicht, selbst wenn sie essen oder trinken müssen.

Laurie Thompson, stellvertretende Kuratorin für Große Pandas am Smithsonian's National Zoo in Washington, D.C., posiert 2016 mit Bei Bei.

Bild Rebecca Hale, National Geographic

Die Mutterschaft ist für diese Tiere eine so anspruchsvolle Aufgabe, dass Pandas, die Zwillinge zur Welt bringen, oft nur ein Jungtier versorgen können und das andere aufgeben müssen. In menschlicher Obhut springen Wissenschaftler ein, um sich um das vernachlässigte Jungtier zu kümmern. Sie versuchen sogar, die Jungen regelmäßig zu tauschen, um sicherzustellen, dass beide die Aufmerksamkeit und die Milch ihrer Mutter erhalten.

Wer viel isst, wächst viel

Da sie im Mutterleib nur langsam heranwachsen, beeilen sich die Jungtiere nach der Geburt umso mehr. Innerhalb von 48 Stunden beginnt weißes Fell ihre rosa Haut zu bedecken, gefolgt von schwarzen Markierungen um die Augen und am Körper. Innerhalb von etwa drei Wochen ist ihr ganzes Fell ausgefüllt.

Die Tierpflegerinnen des National Zoo beginnen die Pandajungen im Alter von etwa fünf Monaten zu trainieren, wobei sie mit einfachen Aufgaben wie dem Berühren eines Ziels mit der Nase anfangen.

Bild Rebecca Hale, National Geographic

Auch die Gewichtszunahmen erfolgt rasant – kein Wunder, denn sie saugen bis zu 14 Mal am Tag Muttermilch.

„Wenn sie erst einmal draußen sind, ihre Mutter sich um sie kümmert und sie so viel zu essen bekommen, fangen sie sehr schnell an zu wachsen“, sagt Thompson. Mei Xiangs Neugeborenes nahm zwischen den ersten beiden Wiegungen, die im Abstand von weniger als einer Woche stattfanden, etwa 50 Prozent seines Körpergewichts zu.

Nachdem die Mütter ihre Schützlinge etwa einen Monat lang jeden Tag gehalten haben, beginnen sie damit zu experimentieren, ihre Jungen auf den Boden zu legen und die Höhle kurz für Futter- und Wasserpausen zu verlassen.

„Wenn sie anfängt, häufiger mal rauszugehen, weiß man, dass das Jungtier in der Lage ist, seine Körpertemperatur zu regulieren und für einige Zeit allein zu sein“, sagt Thompson.

Nach sechs Wochen beginnen sie, ihre Augen zu öffnen, und nach zwei Monaten sind ihre Gehörgänge geöffnet. Ihr Quieken vertieft sich zu einem kleinen Grunzen. Im Alter von etwa drei oder vier Monaten beginnen sich schließlich die äußeren Genitalien zu entwickeln, und Pandas können von sich aus Stuhlgang und Urin abgeben. Sie beginnen zu krabbeln, bekommen Zähne und knabbern sogar schon an Bambus – ein Zeichen dafür, dass sie für die nächste Lebensphase bereit sind.

Neben ihrem neusten Jungtier hat Mei Xiang auch drei ausgewachsene Nachkommen: Tai Shan, Bao Bao und Bei Bei, hier auf dem Bild. Bei Bei wurde am 22. August 2015 geboren und zog 2019 im Rahmen des kooperativen Zuchtabkommens des National Zoo nach China.

Bild Rebecca Hale, National Geographic

Endlich erwachsen

Mit etwa fünf Monaten werden die kleinen Pandas langsam unabhängiger. Sie verlassen zum ersten Mal ihre Behausungen und lernen, wie man geht, klettert und feste Nahrung zu sich nimmt. Im ersten Lebensjahr haben sie dann allerhand damit zu tun, langsam erwachsen zu werden.

Im Alter von fünf Monaten habe sich ein Pandajunges laut Thompson kognitiv so weit entwickelt, dass die Pflegerinnen mit dem Training beginnen können. Das ist wichtig, denn es ermöglicht ihnen, das Junge zu impfen, Gesundheitsuntersuchungen (einschließlich Blutabnahme) durchzuführen und das Tier schließlich auf die Reise vorzubereiten, die es im Alter von vier Jahren nach China unternehmen wird. Als Teil des kooperativen Zuchtabkommens mit China ziehen alle im National Zoo geborenen Nachkommen nach China um, wo sie in ein Zuchtprogramm im China Conservation and Research Center for the Giant Panda aufgenommen werden. Das Training ist zu Beginn recht einfach. Die Pfleger bieten beispielsweise gekochte Süßkartoffeln an, um die Pandas zu ermutigen, ein Ziel mit ihrer Nase zu berühren.

Die Aufzucht niedlicher Pandas: Ganz schön kompliziert

Sobald es geimpft wurde, kann das Pandajunge mit seiner Mutter nach draußen gehen, wo es zum ersten Mal Eichhörnchen und Bäume und Gras entdeckt. Bald wird es selbst auf Bäume klettern – ein wichtiges Verhalten in der Wildnis, damit das Jungtier in Sicherheit ist, während seine Mutter auf Nahrungssuche geht. „Sie lernen ziemlich früh, was sie zu tun haben“, sagt Thompson.

Obwohl das Jungtier mit sechs Monaten immer noch auf die Muttermilch angewiesen ist, frisst es bereits Bambus und andere Nahrungsmittel. Bis zu seinem ersten Geburtstag kann ein junger Panda schon 35 Kilogramm auf die Waage bringen und ist größtenteils von der Milch entwöhnt. Trotzdem kann es auch in den folgenden sechs Monaten immer wieder vorkommen, dass der Nachwuchs noch mal von der Mutter gesäugt wird.

In Gefangenschaft geborener Panda erlebt Durchbruch in der Wildnis

Mit etwa anderthalb bis zwei Jahren ist der Panda schließlich bereit, seine eigenen Wege zu gehen. Obwohl er immer noch wächst – und bis zu 135 Kilogramm schwer werden kann –, ändert sich laut Thompson bis zur Geschlechtsreife nicht mehr viel. Männchen erreichen diese im Alter von sechs Jahren, Weibchen mit vier. „Sie sind im Grunde fertig“, sagt sie.

Mei Xiangs gerade mal anderthalb Kilogramm schweres Jungtier hat noch einiges an Wachstum vor sich. Derweil stellt der National Zoo schon mal eine Liste möglicher Babynamen zusammen, und die Tierpfleger freuen sich darauf, den neuen Panda in den kommenden Wochen in Aktion zu sehen. „Das wird sicherlich eine lustige Zeit für uns“, sagt Thompson.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Baby-Wombats im Wohnzimmer: So geht Tierpflege während Corona

Für eine australische Tierretterin erschwerte der Lockdown ihre Reise in die Pflegestelle. Also nahm sie ihre possierlichen Schützlinge kurzerhand mit in ihre Einraumwohnung.
Tiere

Anders niedlich: Tierbabys von schleimig bis struppig

Es muss nicht immer flauschig sein.
Wei­ter­le­sen