Primatenstudie: Freundinnen sind überlebenswichtig

Eine gute Einbindung in soziale Strukturen hat viele Vorteile. Eine neue Studie zeigt, dass für weibliche Weißschulter-Kapuzineraffen vor allem die Beziehung zu anderen Weibchen eine entscheidende Rolle spielt.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 15. Aug. 2022, 09:55 MESZ
Zwei Weißschulter-Kapuzineraffen sitzen nebeneinander auf einem Ast.

Zwei Weißschulter-Kapuzineraffen mit ihrer nächsten Mahlzeit – einer Eidechse. Das gemeinsame Suchen und Verspeisen von Nahrung ist eine der Interaktionen zwischen den Primaten, die Forschende als Ausdruck von Freundschaft werten.

Foto von Javier Duran / Adobe Stock

Soziale Netzwerke und Freundschaften machen das Leben nicht nur schöner, sie sind auch wichtig für ein langes, gesundes Leben – ein Zusammenhang, der schon oft erforscht und in Studien nachgewiesen wurde. So zeigte zum Beispiel eine kanadische Studie im Jahr 2011, dass Freunde das subjektive Wohlbefinden steigern: Wer häufigen Freundeskontakt hat, fühlt sich gesünder und weniger gestresst. Forschende aus Deutschland und den Niederlanden konnten außerdem in einer Studie belegen, dass Freundschaften das Selbstwertgefühl steigern. Einsamkeit hingegen ist für die Gesundheit ähnlich schädlich wie das Rauchen.

Vermessung der Freundschaft

Doch gilt das auch für Tiere? Was schon beim Menschen schwer zu messen ist, weil derartige Forschung immer auf Eigenauskünften basiert, ist bei Lebewesen, die sich nicht mitteilen können, eine umso größere Herausforderung. Susan Perry, Anthropologin an der University of Califonia in Los Angeles, und ihr Team haben sich dieser gestellt. Sie fanden heraus, dass weibliche Weißschulter-Kapuzineraffen in Bezug auf ihre Lebenserwartung extrem von Freundschaften zu anderen Weibchen profitieren. Die Forschungsergebnisse des Teams wurden in einer Studie veröffentlicht, die in der Zeitschrift Behavioral Ecology erschienen ist.

“Warum investieren wir so viel in unsere Beziehungen zu anderen? Leben wir dadurch länger? Es ist ein enormer Aufwand, dies bei Menschen und anderen Tieren zu ermitteln.”

von Susan Perry
Anthropologin an der University of Califonia

Seit dem Jahr 1990 leitet Perry das Lomas Barbudal Capuchin Monkey Project in den tropischen Trockenwäldern der Provinz Guanacaste im Nordwesten Costa Ricas. Das Forschungsteam beobachtet und dokumentiert hier das tägliche Leben und Verhalten mehrerer hundert Weißschulter-Kapuzineraffen (Cebus capucinus). Die Primaten sind zwar nicht so eng mit Menschen verwandt wie Schimpansen und Orang-Utans, trotzdem verfügen sie über hochentwickelte Sozialstrukturen und daran angepasste Verhaltensmuster, die untereinander weitergegeben werden.

Im Mittelpunkt der neuen Untersuchung stand die Frage, welcher Zusammenhang zwischen dem sozialen Netzwerk der Weibchen und der Lebensspanne einzelner Tiere besteht. „Wir gehen davon aus, dass soziale Interaktionen einen gewissen Nutzen haben, aber es ist wirklich schwer, den Erfolg solcher Verhaltensstrategien zu messen“, erklärt Susan Perry. „Warum investieren wir so viel in unsere Beziehungen zu anderen? Leben wir dadurch länger? Pflanzen wir uns dadurch erfolgreicher fort? Es ist ein enormer Aufwand, dies bei Menschen und anderen Tieren zu ermitteln.“

Weibchen brauchen Weibchen

Auf der Suche nach einer Antwort analysierten die Forschenden Daten zu den Interaktionen der weiblichen Affen mit anderen Weibchen und Männchen jeglichen Alters, die über einen Zeitraum von 18 Jahren gesammelt worden waren. Die dokumentierten Interaktionen umfassten das Verteilen und Empfangen von Streicheleinheiten, gemeinsame Nahrungssuche und helfendes Eingreifen in Kampf- und Konfliktsituationen. Diesen Informationen stellten die Forschenden das erreichte Alter der beobachteten Tiere gegenüber.

Die Datenanalyse ergab, dass ausgewachsene Weißschulter-Kapuzineraffenweibchen länger leben, je besser sie in soziale Netzwerke mit anderen Weibchen eingebunden sind. Gleichzeitig konnte anhand der beobachteten Interaktionen kein entsprechender Zusammenhang bei heterosexuellen Beziehungen festgestellt werden. Dass enge Kontakte zu Männchen oder eine gute Integration in die Gesamtgruppe ebenfalls vorteilhaft sind, schließt die Studie nicht aus – aber die Daten zeigen in überwältigender Deutlichkeit wie überlebenswichtig Freundinnen für die Weibchen sind: In Bezug auf die Lebenserwartung sind sie den Daten zufolge der schwerwiegendste Faktor.

Parallelen zum Menschen

Obwohl Weißschulter-Kapuzineraffen nicht zu den Menschenaffen zählen, sind ihre sozialen Verhaltensweisen für Anthropologen trotzdem von großem Interesse. Das Team von Susan Perry hat bei den Tieren eine Reihe von sozial erlernten, menschenähnlichen Ritualen beobachten können, die in einer Vorgängerstudie veröffentlicht wurden.

Interaktionen wie das Einführen der Finger in Mund, Auge, Nasenloch oder Ohr des sozialen Partners, das Herumreichen von Objekten, das rhythmische Trommeln auf Bauch und Rücken und das Saugen an Körperstellen des anderen wurden bei allen Tieren der Gruppe beobachtet. Die Rituale können teilweise bis zu 30 Minuten dauern und für den Partner durchaus unangenehm sein und diesen sogar verärgern. Sie werden besonders häufig bei Paaren beobachtet werden, die zuvor freundschaftlich miteinander verbunden waren, inzwischen aber eher selten miteinander agieren und deren Beziehungsstatus unsicher ist.

Die Forschenden vermuten darum, dass die Affen mit den Ritualen die Qualität der sozialen Bindung auf die Probe stellen und dieser psychologische Bindungstest der nichtmenschlichen Primaten ein evolutionärer Vorläufer der eher gruppenorientierten Form menschlicher Rituale ist.

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