Parasit macht Grauwölfe zu Rudelführern

Der Einzeller Toxoplasma gondii beeinflusst das Verhalten von infizierten Individuen – und bei Grauwölfen sogar ihre Stellung im Rudel. Eine neue Studie aus den USA untersuchte das Phänomen.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 2. Dez. 2022, 09:56 MEZ
Ein Wolf steht bei der Jagd im Wald und schaut in die Ferne.

Wölfe gehören zu den Tieren, deren Verhalten von dem Einzeller Toxoplasma gondii beeinflusst wird. Das hat Folgen für ihre Stellung im Rudel. 

Foto von byrdyak / Adobe Stock

Er macht Tiere aggressiver und risikofreudiger: Der Neuroparasit Toxoplasma gondii löst bei Individuen die Infektionskrankheit Toxoplasmose aus, die gravierenden Einfluss auf das Verhalten haben kann. Der Parasit führt beispielsweise dazu, dass Hyänenwelpen furchtlos werden und sich so riskant verhalten, dass es sie das Leben kosten kann. 

Forschende aus den USA haben nun herausgefunden, dass die Krankheit nicht nur Verhaltensänderungen hervorruft. Bei Grauwölfen (Canis lupus) kann sie sogar die Position in einem Rudel beeinflussen. Das Team um die Biologen Connor Meyer und Kira Cassidy von der University of Montana zeigt in ihrer Studie, die in der Zeitschrift communications biology erschien: Mit Toxoplasmose infizierte Grauwölfe werden mit 46 Mal größerer Wahrscheinlichkeit zu Rudelführern. 

Anführer durch höhere Risikobereitschaft

Für ihre Studie untersuchten die Forschenden verschiedene Populationen von Grauwölfen im Yellowstone-Nationalpark im US-Bundesstaat Wyoming. Sie nahmen Blutproben von 229 Tieren und analysierten sie auf Antikörper gegen Toxoplasma gondii. Daraufhin glichen sie ihre Funde mit Verhaltensdaten der Wölfe von 1995 bis 2020 ab, um auffällige Verhaltensänderungen feststellen zu können. 

Dabei fand das Team heraus, dass sich das Verhalten der Grauwölfe durch die Infektionskrankheit drastisch veränderte: Männliche Wölfe neigten mit doppelter Wahrscheinlichkeit dazu, das Rudel bereits nach sechs statt circa 21 Monaten zu verlassen. Zudem wurden infizierte Grauwölfe deutlich häufiger zu Rudelführern. Die Forschenden führten ihre Ergebnisse vor allem darauf zurück, dass Grauwölfe mit Toxoplasmose eine höhere Bereitschaft zu hochriskantem Verhalten aufwiesen – ähnlich wie die Hyänenwelpen. 

Ein Parasit breitet sich aus

Die Gründe dafür liegen in einem veränderten Hormonhaushalt. „Experimentelle Studien zeigten, dass chronische Infektionen [...] zu erhöhter Dopamin- und Testosteron-Produktion führen können. Diese Hormonveränderungen können aggressives und riskantes Verhalten verursachen“, heißt es in der Studie. Die Aggressivität und Risikobereitschaft könnte den Wölfen im Kampf um die Rudelführung zugutekommen. 

Vor allem in Hinblick auf die Verbreitung des Parasiten ergibt das veränderte Verhalten der Wölfe Sinn: Durch das frühe Verlassen des Rudels können befallene Individuen auch Tiere außerhalb ihrer Gruppe mit der Krankheit infizieren. So gelangt der Parasit in neue Habitate. Ähnliches passiert, wenn infizierte Grauwölfe die Position des Rudelführers einnehmen. Durch sein riskantes Verhalten führt das Tier sein Rudel in die Nähe anderer Populationen, die daraufhin ebenfalls mit dem Parasit befallen werden. 

Toxoplasma gondii breitet sich über diese sogenannten Zwischenwirte, deren Verhalten er beeinflusst, sehr schnell aus. Kein Wunder also, dass der Erreger zu den häufigsten Parasiten weltweit zählt.

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