Wo wurde der Wolf zum Freund? Neue Studie zur Domestizierung des Hundes

Dass der Mensch den Hund domestiziert hat, steht außer Frage, doch wo genau ist nach wie vor ein Rätsel. Mit Genanalysen jahrtausendealter Überreste von Wölfen und frühen Hunden kommen Forschende dessen Lösung nun ein Stück näher.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 1. Juli 2022, 15:39 MESZ
Ein Deutscher Schäferhund blickt in die Kamera und steht zwischen Tannen im Wald.

Vor rund 15.000 Jahren wurde der Hund domestiziert. Heute gehören sie – wie dieser Deutsche Schäferhund, dessen Aussehen noch immer an seinen Urvater, den Wolf, erinnert – zu den beliebtesten und geläufigsten Haustieren weltweit. Wo genau diese Entwicklung begann, versucht eine neue Studie zu ergründen.

Foto von Wannes De Mol / Unsplash

Zieht man in Betracht, wie eng Menschen und Hunden zusammenleben und wie lang sie dies schon tut, ist es logisch, dass zum Ursprung der beliebten Haustiere nicht nur bereits viel geforscht wurde, sondern auch schon einiges bekannt ist:  So weiß man, dass der Hund vom grauen Wolf abstammt und seine Domestizierung während der Eiszeit vor mindestens 15.000 Jahren stattgefunden haben muss. Aber es gibt nach wie vor auch Fragen, die bisher nicht mithilfe archäologischer Funde und einem direkten DNA-Vergleich zwischen Hunden und modernen Wölfen geklärt werden konnten: Wo genau wurde der Wolf domestiziert und geschah dies an einem einzigen Ort oder an mehreren gleichzeitig?

Ein internationales Forschungsteam hat auf der Suche nach Antworten nun einen neuen Ansatz verfolgt. Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Nature erschienen ist, analysierten die Wissenschaftler 72 Genome von Wölfen, die in den letzten 100.000 Jahren in Europa, Sibirien und Nordamerika gelebt haben.

„Durch dieses Projekt haben wir die Zahl der sequenzierten alten Wolfsgenome erheblich erhöht“, erklärt Anders Bergström, Evolutionsgenetiker am Francis Crick Institute in London, England, und einer der Hauptautoren der Studie. „So konnten wir uns ein detailliertes Bild von der Abstammung der Wölfe im Laufe der Zeit machen.“

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Doppelte Abstammung von zwei Populationen

Neun Genlabore arbeiteten zusammen, um die Genome der Wölfe aus ihren Überresten zu sequenzieren – darunter auch der vollständige, perfekt erhaltene Kopf eines sibirischen Wolfs, der vor 32.000 Jahren lebte, und die 18.000 Jahre alten Überreste eines Wolfswelpen aus Jakutien, den die Wissenschaftler „Dogor“ getauft haben.

Die Analysen zeigten, dass sowohl die frühen als auch die modernen Hunde den alten Wölfen in Asien genetisch ähnlicher sind als denen in Europa. Das lässt darauf schließen, dass ihre Domestizierung in Asien stattgefunden haben muss.

Beim Versuch der örtlichen Eingrenzung machten die Wissenschaftler jedoch eine bemerkenswerte Entdeckung. „Wir stellten fest, dass Hunde von mindestens zwei verschiedenen Wolfspopulationen abstammen“, sagt Anders Bergström. So scheinen frühe Hunde aus Nordost-Europa, Sibirien und Amerika ihren alleinigen Ursprung in Asien zu haben. In das Erbgut früher Hunde aus dem Nahen Osten, Afrika und Südeuropa hatten sich jedoch Gene einer Population gemischt, die mit den modernen südwesteurasischen Wölfen verwandt ist.

Für diese doppelte Abstammung haben die Forschenden zwei mögliche Erklärungen. Zum einen könnte es sein, dass Wölfe unabhängig voneinander sowohl im östlichen als auch im westlichen Eurasien domestiziert wurden und sich später miteinander gemischt haben. Zum anderen wäre es möglich, dass die Domestizierung nur einmal stattfand und sich die frühen Hunde später, nachdem sie mit den Menschen an andere Orte gezogen waren, dort mit wilden Wölfen verpaarten. Welches der beiden Szenarien zutrifft kann derzeit jedoch nicht sicher bestimmt werden.

Gensequenzen machen die Evolution sichtbar

Die 72 alten Wolfsgenome umfassen rund 30.000 Generationen, sodass die Forschenden eine Zeitleiste der Veränderungen in der Wolfs-DNA erstellen und so die natürliche Selektion verfolgen konnten. So stellten sie zum Beispiel fest, dass sich eine Genvariante, die für die Entwicklung von Schädel- und Kieferknochen verantwortlich ist und zunächst nur selten in Wölfen vorkam, im Laufe von etwa 10.000 Jahren stark verbreitete. Sie ist auch heute noch in modernen Wölfen und Hunden präsent.

„Das ist das erste Mal, dass die natürliche Selektion in einem großen Tier über einen Zeitraum von 100.000 Jahren direkt verfolgt wurde“, sagt Pontus Skoglund, Genetiker am Francis Crick Institute und einer der Hauptautoren der Studie. „So konnten wir den Ablauf der Evolution in Echtzeit beobachten, statt ihn anhand moderner DNA zu rekonstruieren.“

Ihm zufolge könnten ähnliche Zeitreihen ganzer Genome von Menschen oder anderen Tieren aus der Eiszeit neue Informationen über die Abläufe der Evolution liefern. Erst einmal will das Forschungsteam nun aber seine Suche nach dem Schauplatz der Domestizierung von Hunden fortsetzen. Dabei sollen als nächstes Genome aus Gebieten – insbesondere aus südlicheren Regionen – im Mittelpunkt stehen, die in der aktuellen Studie nicht berücksichtigt wurden.

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