Immer mehr Attacken: Warum Orcas Segelboote angreifen

In den vergangenen drei Jahren haben Killerwale Dutzende Segelboote vor der Küste der Iberischen Halbinsel attackiert – und teilweise zum Sinken gebracht. Was steckt hinter dem Verhalten?

Von Kieran Mulvaney
Veröffentlicht am 2. Juni 2023, 16:18 MESZ
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Eine Gruppe Orcas jagt gemeinsam nach Heringen. Weil das soziale Gefüge und die Kommunikation der Tiere so komplex sind, vermuten manche Experten, dass es sich bei den Attacken auf Boote vor der Küste der Iberischen Halbinsel um geplante Aktionen handelt.

Foto von Paul Nicklen, Nat Geo Image Collection

Schwertwale, auch Orcas oder Killerwale genannt, sind bekannt für ihre Intelligenz und ihre beachtlichen Jagdtechniken. Sie nehmen es sogar mit Weißen Haien auf und schließen sich in Gruppen zusammen, um sehr viel größere Wale zu erlegen. In den letzten drei Jahren hat eine Orca-Population vor der Iberischen Halbinsel Aufmerksamkeit erregt, weil sie Boote angreift und sogar versenkt. Unter den Seglern der Region geht die Angst um.

Der erste dokumentierte Vorfall ereignete sich im Mai des Jahres 2020 in der Straße von Gibraltar. Seitdem wurden Dutzende Attacken registriert. Sie folgen meist demselben Muster: Eine kleine Gruppe von Schwertwalen nähert sich einem kleinen Segelboot, greift das Ruder an und entfernt sich dann wieder.

Im Juni und November 2022 führten zwei Angriffe sogar zum Sinken der betroffenen Boote. Im Mai 2023 wurde ein Boot so stark beschädigt, dass es sank, während es zur Küste abgeschleppt wurde.

Spieltrieb oder Vergeltung

Eine Studie, die in der Zeitschrift Marine Mammal Science veröffentlicht wurde, hat die Vorfälle genauer untersucht. Ihr zufolge sind zwei Gruppen von Orcas für die Angriffe verantwortlich: ein Trio, das manchmal auch zu viert operiert und aus Jungtieren besteht, und eine Gruppe von sechs Tieren verschiedenen Alters, die von einem Weibchen namens White Gladis angeführt wird. White Gladis ist das einzige ausgewachsene weibliche Tier, das in die Angriffe involviert ist. Die Studienautoren vermuten, dass sie sich nach einem Unfall mit einem Boot rächen wollte und ihr Verhalten von jüngeren Walen beobachtet und kopiert wurde.

„Ich glaube, alles fing damit an, dass ein Weibchen oder sein Kalb durch den Kontakt mit dem Ruder eines Bootes verletzt wurde, denn das Ruder ist immer Ziel der Attacken. Außerdem sind ausschließlich Segelboote betroffen“, sagt Dan Olsen, der als Biologe für die North Gulf Oceanic Society in Alaska arbeitet.

Orcas jagen ein Boot

Doch nicht alle halten das Verhalten der Orcas für böswillig. Ziel der Angriffe waren bisher ausschließlich die Boote – die Menschen an Bord wurden von den Tieren selbst dann in Ruhe gelassen, wenn sie in die Rettungsboote sprangen, um sich von dem sinkenden Schiff zu retten.

„Es ist demnach durchaus wahrscheinlich, dass die Orcas die Boote einfach nur angreifen, weil sie es können. Weil es ihnen Spaß macht“, sagt Hanne Strager, Mitgründerin des Walzentrums in Andenes, Norwegen, und Autorin des Buchs The Killer Whale Journals.

Verspielte Killerwale

Strager hat mit einem Biologen gesprochen, der sich an Bord des Bootes befand, das nach der Walattacke im November sank. „Er hat erzählt, dass keinerlei Aggression von Seiten der Orcas zu spüren war. Das ist eine starke Aussage. Wenn man regelmäßig mit Tieren zu tun hat und gelernt hat, sie einzuschätzen, merkt man schnell, ob aggressive Intentionen im Spiel sind. Und das war hier nicht der Fall.“

Falls es sich bei dem Verhalten der Wale um ein Spiel handelt, könnte ihnen mit der Zeit der Spaß daran vergehen und der Spuk hätte ein Ende. Weltweit wurde immer wieder bisher unbekanntes Verhalten von Orcas festgestellt, das keinen anderen offensichtlichen Grund zu haben schien, als den Spaß an der Sache. Oft hörten sie so plötzlich damit auf, wie sie angefangen hatten – und wandten sich einer neuen Aktivität zu. Orca-Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Marotten“.

So beobachtete Dan Olsen in Alaska zum Beispiel Schwertwale dabei, wie sie stundenlang mit Seetangstücken spielten. Sie ließen sie über die Flossen gleiten, zu Boden sinken, hoben sie mit den Zähnen wieder auf und schwammen mit dem Tang im Maul herum.

Jagdverhalten? Orcas „spielen“ mit Schildkröten
Dieser Orca könnte mit seinem Essen spielen, was die Schwertwale oft tun, oder das ältere Männchen könnte den jüngeren Orcas zeigen, wie man jagt.

Hanne Strager hat ein ähnliches Verhalten bei Orcas vor der Küste Norwegens festgestellt. „Eine Weile haben sie gern mit Quallen gespielt“, sagt sie. „Sie nahmen sie auf die Schnauze und versuchten, sie so lange wie möglich dort zu halten, während sie herumschwammen." Bemerkenswert sei laut Strager, dass die Schwertwale aus diesem Verhalten keine Vorteile zogen und die Quallen auch nicht fraßen.

„Wir haben sie auch schon öfter dabei erwischt, dass sie Alkenvögel hauen“, sagt Strager. „Das sind kleine, arktische Vögel, die sich auf der Wasseroberfläche niederlassen, um sich auszuruhen. Dann kommen die Orcas und geben ihnen einen Klaps.“ Sie glaubt, dass es sich auch hierbei um eine Form von Spielverhalten handelt.

Dan Olsen ist unsicher, ob es jemals gelingen wird, die Motivation hinter solchem Verhalten wirklich zu entschlüsseln – und ob wir überhaupt dazu in der Lage sind.

„Die Gehirne dieser Tiere haben sich über einen Zeitraum von 50 Millionen Jahren entwickelt“, sagt er. „Man kann Wale nicht einfach einem MRT unterziehen – wir wissen nicht einmal, welcher Teil ihres Gehirns welche Aktivität steuert. Außerdem fällt es uns ja schon schwer, unser eigenes Verhalten oder das der eng mit uns verwandten Primaten zu erklären.“

Orcas auf Rachefeldzug?

Global betrachtet ist bisher lediglich die Population vor der Iberischen Halbinsel durch Bootsangriffe aufgefallen. Der Studie in Marine Mammal Science zufolge umfasst sie nur 39 Einzeltiere, die laut Strager durch den Thunfischfang, Umweltverschmutzung, Lärm und auch Zusammenstöße mit Booten und Schiffen in Bedrängnis geraten sind.

„Sie zählen zu den am stärksten von Wasserverschmutzung beeinträchtigten Meeressäugetierarten der Welt und ihr Fortpflanzungserfolg ist nicht besonders gut“, sagt sie. „Das Umfeld, in dem sie leben, setzt sie stark unter Druck.“

Zu den schon existierenden Bedrohungen könnten nun Vergeltungsschläge für die Angriffe auf Boote hinzukommen. „Die Menschen in der Region haben inzwischen Angst vor Ihnen“, sagt Strager. „Berichten zufolge sollen manche Leute vorgeschlagen haben, sie im Fall einer Attacke mit Diesel zu überschütten, Böller ins Wasser zu werfen oder sogar Dynamit. Ich verstehe die Furcht dieser Menschen. Aber die Situation ist auch für die Orcas gefährlich.“

Damit Boote die Gebiete meiden können, in denen es zu Angriffen kommt, registriert die lokale Atlantic Orca Working Group alle Vorfälle und stellt die Informationen Seglern zur Verfügung.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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