Timorebestia koprii: Prähistorischer Wurm war Schrecken der Meere

Forschende haben, basierend auf fossilen Funden in Nordgrönland, eine neue Gattung beschrieben. Die 30 Zentimeter langen, fleischfressenden Urwürmer könnten die ersten Raubtiere der Erdgeschichte gewesen sein.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 16. Jan. 2024, 10:13 MEZ
Künstlerische Darstellung mehrerer Würmer und kleiner Fische im Ozean.

Künstlerische Darstellung von Timorebestia in ihrem Ökosytstem am Sirius-Passet im kambrischen Zeitalter.

Foto von Bob Nicholls / @BobNichollsArt

Im äußersten Norden Grönlands liegt Peary Island, eine Halbinsel, auf der Forschende im Jahr 1984 eine Fossillagerstätte entdeckten, der sie den Namen Sirius-Passet-Faunengemeinschaft gaben. Seitdem wurden an der Fundstelle mehrere tausende Fossilien festgestellt, die größtenteils von Weichtieren aus dem Kambrium stammen – einem Zeitalter, das vor rund 540 Millionen begann und sich dadurch auszeichnet, dass in ihm die Zahl der Lebensformen auf unserem Planeten plötzlich und explosionsartig zunahm.

Unter den Lebewesen, die zu jener Zeit die Weltmeere bevölkerten, war auch eine bisher unbekannte Wurm-Spezies mit dem Namen Timorebestia koprii. Eine Expedition des Korean Polar Research Institutes (KOPRI) in Incheon, Korea entdeckte die fossilen Überreste von 13 Exemplaren der ausgestorbenen Tierart am Sirius-Passet. Beschrieben hat sie nun ein Forschungsteam der University of Bristol, England. Die Studie, die in der Zeitschrift Science Advances erschienen ist, legt nahe, dass die Würmer die ersten Raubtiere der Erdgeschichte gewesen sein könnten.

Räuberischer Wurm als Spitzenprädator

Im Lateinischen bedeutet der Gattungsname Timorbestia „schreckliche Bestie“ – und es ist wahrscheinlich, dass die Urwürmer, die mit einer Körperlänge von bis zu 30 Zentimetern zu den größten schwimmenden Tieren des frühen Kambriums zählten, anderen Meeresbewohnern das Fürchten lehrten. Ihre ausgeprägten Köpfe waren mit langen Fühlern besetzt, ihre Mäuler verfügten über eine massive Kieferstruktur, an den Seiten ihrer Körper saßen Flossen und ihr Appetit war riesig.

Darauf lassen Überreste von kleinen Gliederfüßen der Gattung Isoxys schließen, die im Inneren des versteinerten Verdauungssystems von Timorebestia gefunden wurden. Die Arthropoden kamen am Sirius-Passet häufig vor und waren wohl für viele Tiere dort eine Nahrungsquelle. „Sie hatten lange Schutzstacheln, die sowohl nach vorne als auch nach hinten gerichtet waren“, sagt Studienautor Morten Lunde Nielsen, Doktorand der Schools of Earth Sciences der University of Bristol. Trotzdem seien sie von Timorebestia in großen Mengen verspeist worden.

„Timorebestia waren Giganten ihrer Zeit und standen wohl an der Spitze der Nahrungskette“, sagt Jakob Vinther, Paläntologe an der University Bristol und Hauptautor der Studie. „Damit hatten sie als Fleischfresser im Kambrium eine ähnliche Bedeutung für ihre marinen Ökosysteme wie Haie und Robben für die modernen Ozeane.“

Ventrales Ganglion: einzigartiges Merkmal

Dank des äußerst guten Erhaltungszustands der Fossilien am Sirius-Passet konnten die Forschenden feststellen, dass Timorebestia über ein ausgeprägtes Nervenzentrum am Bauch verfügte – das sogenannte ventrale Ganglion.

Bei heute lebenden Tieren ist dieses nur bei Pfeilwürmern zu finden, einem Stamm kleiner Meeresräuber, die sich von Zooplankton ernähren und deren Evolutionsgeschichte mindestens 538 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgt werden kann. Das Vorhandensein des einzigartigen bauchseitigen Ganglions sowohl bei Pfeilwürmern als auch bei Timorebestia legt nahe, dass eine verwandtschaftliche Beziehung bestand und der prähistorische Pfeilwurm vor ebenso langer Zeit durch die Meere schwamm.

Herrschaft der Weichtiere

Diese Erkenntnis ist wichtig, denn bisher dachte man, dass primitive Gliederfüßer – darunter die Anomalocarididae, zu Deutsch „ungewöhnliche Garnelen“ – die dominierenden Raubtiere des Kambriums waren. Diese tauchen im Fossilbericht jedoch erst vor 521 bis 529 Millionen Jahren auf.

„Wir können daher vermuten, dass Weichtiere wie Pfeilwürmer und Timorbestia die Raubtiere waren, die die Ozeane beherrschten, bevor die Gliederfüßer sich durchsetzten“, sagt Vinther. Etwa zehn bis 15 Millionen Jahre soll die Herrschaft der Würmer bestanden haben, bevor andere Raubtiere sie als Spitzenprädatoren ablösten. „Unsere Forschung zeigt, wie komplex die prähistorischen Meeresökosysteme waren, deren Nahrungskette offenbar Raubtiere auf mehreren Ebenen zuließ.“

Studienautor Tae-Yoon Park vom KOPRI rechnet damit, dass dies nicht die letzte aufregende Erkenntnis bleiben wird, die die Sirius-Passet-Faunengemeinschaft liefert. „Wir werden in den kommenden Jahren noch viele weitere aufregende Funde machen, die zeigen werden, wie die frühesten tierischen Ökosysteme aussahen und sich entwickelt haben“, sagt er.

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