Tiere

Basstölpel: Kühne Taucher

Verwegene Sturzflieger, aber lausig beim Landen. Fürsorgliche Eltern, aber übellaunige Nachbarn. Basstölpel leben in dicht besiedelten Kolonien rund um den Nordatlantik und brüten seit zwanzig Jahren auch auf Helgoland.

Von Jeremy Berlin
Bilder Von Andrew Parkinson
Basstölpel: Kühne Taucher

Hoch über der sturmgepeitschten Nordsee steht wie eine dunkle Wolke ein Vogelschwarm. Im einsetzenden Platzregen gehen zwei Dutzend weiße Leiber in den Sturzflug. Wie dreizackige Fischspeere stoßen sie durch die Wellen in die Tiefe. Augenblicke später dümpeln sie wieder an der Oberfläche, die meisten mit einem Fisch im Schnabel. Sie schütteln das Wasser ab, heben sich auf ihren Zwei-Meter-Flügeln in die Luft und schweben mit schwanenhafter Grazie hinüber zu einem steilen Kliff. Ihre Landung dort ist allerdings weniger elegant und endet in einem kreischenden Gezanke.

Das ist typisch für Basstölpel. So gewandt, wie sie im Flug sind, so unbeholfen kommen sie an Land. Sie sind abwechselnd plump und graziös, zänkisch und zärtlich, dramatisch und komisch. Sie sind, um es mit den Worten des schottischen Naturforschers Kenny Taylor auszudrücken, „Vögel der Gegensätze“.

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Das gilt auch für ihre jüngere Geschichte. Von einst unschätzbar großen Schwärmen waren vor 100 Jahren vielleicht noch 100000 Vögel in gerade mal 20 Kolonien rund um den Nordatlantik übrig geblieben –so heftig waren sie bejagt worden. Dann wurden die Basstölpel unter Schutz gestellt. Mit Erfolg. Heute gibt es wieder rund 40 Kolonien mit insgesamt um die 400000 Brutpaaren, Zehntausende von Jungvögeln und unverpaarte Tölpel nicht mitgerechnet.

Eine Kolonie brütet in Hermaness, einem Naturschutzgebiet auf den Shetlandinseln. 150 Meter hohe Kliffe erheben sich senkrecht über dem Meer. Zwischen vorgelagerten Felsen machen die Gezeitenströme aus dem Wasser einen tosenden Hexenkessel. Besucher auf dem Landweg gehen kilometerweit durch eine triefende Moorlandschaft, bis sie plötzlich an einem Abgrund zwischen Himmel und Meer stehen.

Basstölpel brüten hier seit 1917. Die Kolonie ist ein Tumult aus Kreischen, Flügelschlagen und Schnabelstechen. Die beliebtesten Brutplätze im Zentrum sind so begehrt wie die besten Wohnlagen in München oder Manhattan. Wer einen errungen hat, verteidigt ihn energisch mit seinem sägezahnartigen Schnabel. Unverpaarte Vögel lungern auf den Klippen herum, auf der Suche nach Partner und Brutplatz.

Erfolgreiche Paare bebrüten in jeder Saison ein Ei, schlicht weiß, wie das einer Gans. Die Eltern wechseln sich zunächst beim Brüten ab, später auch beim Füttern des Kükens, das nach sechs Wochen schlüpft: schrumpelig, nackt und schwarz wie Ebenholz. Innerhalb von drei Monaten wird daraus ein flaumiger, weißer Wattebausch, dann ein schiefergrau gefiederter Jungvogel. Zwei Mahlzeiten am Tag lassen ihn rasch wachsen, sportliches Flügelschlagen kräftigt seine Muskeln. Sobald das Küken flügge geworden ist, springt es ins Meer. «Anfangs treibt es nur verwirrt auf den Wellen», erzählt der schottische Vogelforscher Stuart Murray. «Aber der Hunger lehrt es schwimmen und tauchen.» Die ersten Monate sind hart und voller Gefahren. Weniger als die Hälfte der Jungvögel erreichen ihr drittes Lebensjahr.

Was Basstölpel besonders auszeichnet, ist ihr spektakuläres Verhalten beim Fischen, das Stoßtauchen. Wie ein Blitzstrahl stechen sie aus großer Höhe in die See. Dabei sind sie so erfolgreich, dass Menschen sich bei der Suche nach Fischgründen lange Zeit an ihren Schwärmen orientierten. Im alten angelsächsischen Heldenepos „Beowulf “ nannte Hrothgar, der Lehnsherr des jungen Helden, das Meer «die Badewanne der Basstölpel». Das Fett der Vögel diente früher als Balsam zur Behandlung von Gicht – aber auch als Schmiere für Wagenräder.

Heute haben Basstölpel nur wenige natürliche Feinde, und im nördlichen Atlantik finden sie reichlich Fisch. Doch ihr Leben bleibt geprägt vom täglichen Kampf gegen Wasser und Wetter – wie das Leben der meisten Seevögel.«Zwar stehen sie nun unter Schutz», sagt der Schotte Murray. «Dennoch ist es nicht einfacher geworden, ein Basstölpel zu sein.»

(NG, Heft 09 / 2012, Seite(n) 84 bis 91)

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