Umwelt

Der schneereichste Ort der Welt liegt in Japan – und er taut

Die Berge des nordwestlichen Japans verzeichneten lange Zeit über 37 Meter Neuschnee pro Jahr. Das ändert sich nun, und die Einheimischen fragen sich, wie lange es wohl noch weitergehen wird. Donnerstag, 9 November

Von Justin Nobel

In der Küche des traditionellen hölzernen Bauernhauses trinkt Nils Inugai Hinrichs eine Tasse Kaffee neben einem Fenster, das fast völlig von Schnee bedeckt ist. Auf dem Boden liegen gut zwei Meter Schnee, und 25 bis 30 cm Neuschnee sind gerade eben gefallen.

„Sie sind am richtigen Tag gekommen“, sagt Hinrichs, der hier mit seiner Frau Adele wohnt. „Wir haben Neuschnee, aber es war nur ein schwacher Sturm“.

Um die 30 cm Schneefall sind hier in Takakura normal, einem kleinen Bergdorf, das etwa 240 km nordwestlich von Tokio liegt. Der Ort ist dreißig Autominuten von Tokamachi entfernt, Einwohnerzahl 54.000 und laut der Japanese Meteorological Agency (JMA) die verschneiteste Kleinstadt Japans. In Tokamachi fallen durchschnittlich unfassbare 11,5 m Schnee im Jahr. Das sind ungefähr viermal so viel wie das verschneite Syracuse im US-Bundesstaat New York.

450 Höhenmeter weiter oben, in Takakura, fällt sogar noch mehr Schnee – aber wie viel genau, das weiß keiner, weil niemand zählt.

Solche gewaltigen Schneemassen haben über lange Zeit hinweg das Leben und die Kultur in dieser Region Japans geprägt. Nun warnen Wissenschaftler, dass die Schneemengen durch die wärmeren Temperaturen in Gefahr sind – ein Rückgang ist bereits feststellbar. Das wirft große Fragen für die nahe Zukunft der Menschen auf, die hier leben.

Momentan befinden sich im Dorf Takakura nur 14 Menschen, und Nils und Adele sind mit ihren 28 und 34 Jahren mit Abstand die jüngsten. Sie haben sich beim Dreh eines Musikvideos in Deutschland kennengelernt und sind nach Takakura gezogen, nicht weit von Adeles Eltern entfernt, und dem Lärm und der Hektik der Großstadt zu entfliehen.

„Es ist unglaublich schön hier oben, es ist richtig erfrischend“, sagt Adele, die Künstlerin ist und zusammen mit Nils eine Sprachschule für Englisch in Tokamachi betreibt.

„Die Stille ist eine große Inspiration“, fügt Nils hinzu, der im Obergeschoss des Bauernhauses ein instrumentales Hip-Hop-Album produziert.

„Der Erde lag weiß unter dem Nachthimmel“, schrieb der Nobel-Preis-Gewinner und japanische Autor Yasunari Kawabata in „Schneeland“, seinem berühmten Buch von 1956, das von einer Reise durch diese Region handelt. In einer Stadt, die der Protagonist des Buches, Shimamura, besucht, erzählt ihm ein Einheimischer, dass während des Winters für gewöhnlich zwei bis zweieinhalb Meter Schnee auf der Stadt liegen, manchmal sogar bis zu dreieinhalb oder vier Meter.

„Der Schnee hat in Japan eine große Bedeutung als Symbol, als Kulturgegenstand und als Erfahrung“, erzählte mir Merry White, eine Anthropologin der Universität Boston, die ich im Zuge meiner Recherche für diese Reise aufgesucht hatte und die mehrere Bücher über zeitgenössische japanische Kultur geschrieben hat. Schnee sei schön, sagte sie, „weil er natürlich ist und ‚lebendig‘, in Bewegung ... und im poetischen Sinne sogar noch mehr, weil er vergänglich ist, verschwindet, fällt, sich verändert, zu Wasser, Eis oder Luft wird.“

DER URSPRUNG DES SCHNEES

In Japan mag der Schnee als mystisch gelten, doch das Phänomen dahinter ist rein meteorologisch. Von Dezember bis März strömt die kalte sibirische Luft südlich und östlich über das vergleichsweise warme Japanische Meer und generiert so Wolkenbänder, die über den Bergen im westlichen Teil von Japans Hauptinsel Honshu und über der nördlichen Insel Hokkaido Schnee fallen lassen Das Phänomen gleicht dem Lake-Effekt der Großen Seen in Nordamerika. Aber während die Großen Seen gefrieren können und somit die Schneemaschine abschalten, bleibt das Japanische Meer den ganzen Winter über relativ warm, teils dank des warmen Tsushima-Stroms, der von Süden her hinaufkommt.

Die Küstengebirge Japans, die sich teils über 3.000 m erheben, verstärken den Schneefall. Auch typische Tiefdruckgebiete wälzen sich über das Japanische Meer und sorgen für zusätzlichen Schnee. Und der Pazifik bringt Nor‘easter-ähnliche Stürme hervor, die selbst Tokio unter Schneemassen begraben können.

Im Schneeland werden ganze Bergwälder unter den Schneemassen begraben, welche die Bäume in seltsam anmutende Schneefiguren verwandeln, die auch als Geisterbäume oder Eisbäume bekannt sind. Die Bewohner mancher Dörfer müssen ihre Häuser über spezielle Eingänge im zweiten Stock betreten. Straßen, die im Winter freigeschaufelt werden, werden zu regelrechten Schneecanyons mit bis zu 15 m hohen Wänden. Der Wetterhistoriker Christopher Burt schätzt, dass in den schneereichsten Gebieten der Japanischen Alpen bis zu 38 m Schnee pro Jahr fallen. Sie verlaufen durch die Präfektur Nagano, westlich von Tokamachi und Takakura, und dort wurden 1998 wie Olympischen Winterspiele abgehalten.

Sind diese japanischen Orte wirklich die schneereichsten auf der Welt? Diese Frage habe ich der World Meteorological Organization gestellt. „Die WMO verzeichnet keine Schneefall-Extreme und ähnliche Ereignisse“, antwortete der Chefberichterstatter für Wetter & Klimaextreme der WMO, Randy Cerveny. Der Grund: Die Techniken für die Messung von Schneefall unterscheiden sich weltweit – mancherorts misst man beispielsweise, während es noch schneit, anderswo wartet man, bis der Sturm vorüber ist.

Jedenfalls fegte letzten November ein früher Freak-Schneesturm über Tokio hinweg und es bestand die Aussicht auf einen schneereichen Winter. Da entschloss ich mich, meine Reise zu dem Ort anzutreten, der anscheinend der verschneiteste auf dem ganzen Planeten ist.

EINE REISE INS WEISS

Ich startete in Kyoto, wo der nahegelegene Berg Ibuki mal 230 cm Neuschnee in nur 24 Stunden zu verzeichnen hatte – ein Weltrekord, der noch immer ungebrochen ist. Ein Zug auf der Takayama-Linie brachte mich am Fluss Kiso entlang in die Berge. Die Felder mit braunem Reis und die grünen Berge wechselten schnell zu Weiß.

Ich stieg in Takayama um, wo etwa 60 cm Schnee lagen, und fuhr mit einem Regionalzug tiefer in die verschneiten Berge. Die Nacht brach herein, aber meine Stirn klebte unbeirrt am Zugfenster. Zu meiner Überraschung waren die Wände aus Schnee links und rechts von den Schienen bald halb so hoch wie der Zug.

In Toyama, das am Japanischen Meer liegt, direkt hinter den glitzernden Hängen der Japanischen Alpen, sprach ich mit Schneepflugfahrern, die für die Räumung der 420.000-Einwohner-Stadt verantwortlich sind. In Toyama fallen jedes Jahr etwa dreieinhalb Meter Schnee. Für japanische Verhältnisse wirkt das nicht wie viel, aber das ist immer noch mehr Schnee als in Syracuse und ungefähr sechsmal mehr als in New York City.

Wie kommt Toyama mit dem Pflügen hinterher? Die Stadt hat 651 Geräte zum Schneeschieben, einschließlich 64 großer Bulldozer, 128 kleiner Bulldozer, 22 großer und 104 kleiner Schneepflüge für die Gehwege. Die Schneepflugfahrer arbeiten nachts, damit am nächsten Morgen alles für den morgendlichen Betrieb fertig ist.

„Das ist ein Job und irgendwer muss ihn machen“, erzählt mir Igarashi Takuma stolz, der seit 20 Jahren Schneepflüge fährt. „Wir machen das zwar ungesehen, aber es kommt jedem zugute.“

Ich machte kurz im Jigokudani Affenpark halt, der nicht weit von Nagano entfernt ist und die weltberühmten Schneeaffen beheimatet. Die Japanmakaken sind vermutlich vor Hunderttausenden von Jahren vom asiatischen Festland und über das Japanische Meer eingewandert, erzählte mir der Biologe der Universität von Tokio und Schneeaffenexperte Takafumi Ishida. Er glaubt nicht, dass die Affen den Schnee auf dieselbe Art wie die Menschen schätzen, aber er erzählte mir eine erstaunliche Geschichte.

Einmal, zu Beginn der Schneefallsaison, sah er ein Babyschneeäffchen, das „mit großen Augen“ in den Himmel sah und „mit den Schneeflocken spielte.“ Es hat „hochgefasst“, sagte Ishida, „und versuchte, sie zu fangen.“

Die Affen sind auch berühmt dafür, heiße Bäder in den natürlichen heißen Quellen des Yokoyu-Flusses zu nehmen. Dieses Verhalten hätten sie sich wahrscheinlich von Menschen abgeschaut, meint Ishida.

Von Jigokudani aus nahm ich einige Züge zum verschneiten Tokamachi. Der Bahnhof war ein einziger Affenzirkus, denn es war zufällig gerade das 68. jährliche Tokamachi-Schneefest. Die Stadt war voller Händler, die Süßigkeiten aus Sojabohnenquark und Soba-Nudelsuppen anboten, zahlreiche Schneefiguren zierten die Stadt.

Später am Abend folgte ich einigen Festbesuchern auf einen Hügel am Rande der Stadt. Ein riesiger Tempel war dort aus Schnee gebaut worden, es gab eine große Schneebühne und eine Schneegalerie, auf der wir standen und uns ein paar Darbietungen ansahen, einschließlich einer 10-köpfigen Frauenpopband namens NGT48. Die Nacht klang mit einem Feuerwerk aus. Fast wie aufs Stichwort begann es zu schneien.

SCHNEE UND EINE KULTUR, DIE VOM KLIMAWANDEL BEDROHT SIND

Laut Hiroaki Kawase, einen Forscher der Japan Meteorological Agency, ist „der Gesamtschneefall in Zentraljapan in diesem Winter deutlich geringer als normal.“ Kawases Arbeit hat gezeigt, dass dieser Trend sich durch die globale Erwärmung fortsetzen könnte.

Im November 2013 veröffentliche das „Journal of Geophysical Research“ einen Bericht von Kawase, laut dem der Schneefall auf allen Höhenlagen zurückgehen sollte, wobei der Effekt in den niedrigeren Lagen deutlich mehr zu spüren sein wird. Tokamachi beispielsweise bekommt seinen meisten Schnee bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wird das Wetter ein paar Grad wärmer, wird der Schnee zu Regen und man kann sich leicht vorstellen, wie dadurch die Schneemengen der Stadt rapide zurückgehen würden. Höhergelegene Städte wie Takakura werden auch wärmer werden, aber sollten zumindest auf kurze Sicht weiterhin kalt genug bleiben, als dass der Niederschlag größtenteils in Form von Schnee fällt.

Als ich meinen Gastgebern in Takakura davon berichte, sind sie enttäuscht. „Es ist traurig, das zu hören“, sagt Nils. Adele stimmt ihm zu. Aber das Leben im Schneeland ist nicht immer nur einfach. Es kann schwer sein, den ganzen Schnee wegzuschaffen. „Hier zu leben ist harte Arbeit“, erzählt Adele.

Yasuyuki Takahashi, der eine per Hand geschobene Schneefräse benutzt, um Wege und Einfahrten im Dorf vom Schnee zu befreien, stimmt zu. „Im Schnee zu leben ist harte Arbeit.“ Man muss den Schnee auch von den Dächern schaufeln, damit sie nicht einstürzen. Auch diese Arbeit erledigt Takahashi für viele Einwohner. Autos springen oft nicht an. Oder sie bleiben am Fuß des Berges stecken und die Fahrer müssen bis zum Morgen warten, um zurück ins Dorf zu gelangen.

„Ich verbringe den ganzen Tag damit, Schnee zu schieben“, erzählt Takahashi nicht ohne Frustration, „und dann schneit es wieder und wieder und wieder.“

Aber weniger Schnee wäre nicht zwingend besser. Im Sommer baut Takahashi im Dorf Reis an, der die vielgepriesene Güteklasse A von der japanischen Regierung erhalten hat. Weniger Schnee bedeutet weniger Wasser für den Reis, und in Jahren mit wenig Schnee ist die Reisernte tatsächlich auch schlecht ausgefallen.

Der letzte Tag meiner Reise ist angebrochen und ich bin nach Norden unterwegs, in die Hakkoda-Berge zum Sukayu Onsen, einem traditionellen japanischen Erholungsort mit heißen Quellen, der am scheinbar schneereichsten Ort der Erde liegt. Sukayu verzeichnet etwa 17 m Schnee im Jahr, und bei meiner Ankunft mit dem Taxi auf einer Bergstraße in einem der Schneecanyons schneit es tatsächlich bereits. Über drei Meter an Schnee liegen schon, und über Nacht werden noch mal 30 cm dazukommen. Ich mache mich auf zum Onsen, um mich aufzuwärmen.

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