Umwelt

Dubais neue Höhenflüge – in Sachen Nachhaltigkeit

Noch vor zehn Jahren hinterließ das boomende Emirat den größten ökologischen Fußabdruck der Welt. Bis 2050 will es den geringsten schaffen. Aber wie? Donnerstag, 21 Dezember

Von Robert Kunzig
Bilder Von Luca Locatelli

Wer in den Wahnsinn Dubai eintauchen will, diese Wucherung aus Beton, Glas und Stahl, die in den vergangenen 30 Jahren aus dem heißen arabischen Sand emporgewachsen ist, kann erst einmal Ski fahren gehen. Von außen sieht die Skihalle in der Mall of the Emirates wie ein silbernes, auf einen Pfahl gespießtes Raumschiff aus. Drinnen läuft man an den Schaufenstern von Prada und Dior vorbei, um dann die Glastüren zu Ski Dubai aufzustoßen.

Auf meinem Souvenir-T-Shirt ist ein Thermometer zu sehen und die Aufschrift „Von +50 runter auf –8“. Ganz so kalt kam es mir auf dem Hang nicht vor, draußen hingegen kann es im Sommer durchaus 50 Grad erreichen. Wegen der Nähe zum Meer ist es zudem drückend schwül. Regen ist selten – es fallen weniger als hundert Millimeter pro Jahr –, es gibt keine Flüsse, keine Ackerböden in der Gegend. 

Wie kann man an einem solchen Ort überhaupt siedeln? Jahrhundertelang war Dubai ein Fischerdorf mit Handelshafen, klein und arm. Dann verwandelten es Öl und Immobilienboom in eine Stadt aus Architekturwundern mit dem drittgrößten Flughafen der Welt. „Im Hinblick auf Nachhaltigkeit hätte man das hier sicherlich nicht gebaut“, sagt Janus Rostock trocken, ein prominenter Architekt, den es aus Kopenhagen hierher verschlagen hat.

Doch genau das ist jetzt das erklärte Ziel der Regierung von Dubai: Nachhaltigkeit. 

Nachhaltig? Dubai? In den Boomjahren wurde die Stadt zum Sinnbild für Bauexzesse – fast unvermeidlich, wenn billige Energie auf mangelndes Umweltbewusstsein trifft. Ski fahren in der Halle ist dafür nur ein Symbol, die Klimaanlagen der unzähligen Glastürme fressen viel mehr Energie. Um sie mit Wasser zu versorgen, werden täglich Hunderte Olympiaschwimmbecken voll Meerwasser aufbereitet. Um mehr Strände für Luxushotels und Villen zu schaffen, hat man ganze Korallenriffe unter künstlichen Inseln begraben.

2006 erklärte der World Wildlife Fund (WWF) die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zum Land mit dem weltweit größten ökologischen Fußabdruck pro Kopf, vor allem wegen seiner CO² -Emissionen. Dubai war unter den sieben Emiraten der Spitzenreiter. Seitdem hat sich die Bevölkerung der Stadt noch mal verdoppelt auf inzwischen mehr als 2,8 Millionen Einwohner.

Doch Dubai hat sich auch in anderer Hinsicht verändert. Entlang der Sheikh Zayed Road fahren heute glänzende autonome Züge, die ebenso viele Passagiere befördern wie die Autos auf der stets verstopften zwölfspurigen Hauptverkehrsachse daneben. Die neue Wohnsiedlung Sustainable City („nachhaltige Stadt“) recycelt Wasser und Müll und erzeugt mehr Energie als sie verbraucht. Draußen in der Wüste baut Dubai ein riesiges Sonnenkraftwerk. „Die Führung hat erkannt, dass Wirtschaftswachstum ohne Eindämmung von Emissionen nicht nachhaltig ist“, sagt Tanzeed Alam, Klima- und Energiedirektor der Emirates Wildlife Society, dem lokalen Partner des WWF.

„Die Führung“ ist Seine Hoheit Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der 68-jährige Erb-Emir. Er kam 2006 an die Macht und hat verfügt, dass seine Stadt bis zum Jahr 2050 75 Prozent ihrer Energie aus nachhaltigen Quellen generieren soll. Sie soll den kleinsten CO² -Fußabdruck der Welt erreichen. Viele Experten, darunter Rostock und Alam, glauben, dass Dubai es tatsächlich schaffen wird. Und wenn es hier gelingt, sagen sie, könne es überall gelingen.

Dieser Tage gibt es in Dubai keinerlei Mangel an Strom und fließendem Wasser. Der größte Teil stammt aus einem einzigen, vier Kilometer langen Kraftwerk in Jebel Ali. Die Elektrizitäts- und Wasserbehörde von Dubai (Dewa) verbrennt dort Erdgas und erzeugt so zehn Gigawatt Strom. Die Abwärme wird für die Entsalzung von Meerwasser verwendet – über zwei Milliarden Liter täglich. Das Gas kommt durch eine Pipeline aus Katar und sogar in Tankschiffen aus den USA. 

Doch vor allem fiel der Preis für Solarenergie rapide. Vergangenen Februar, als ich den Solarpark Mohammed bin Rashid Al Maktoum 50 Kilometer südlich der Innenstadt besichtigte, hatte die Dewa gerade Solarflächen mit einer Leistung von 200 Megawatt installiert und einen Vertrag für die nächsten 800 Megawatt abgeschlossen — zu 2,5 Cent pro Kilowattstunde. Bis 2030 sind 5000 Megawatt auf der Anlage geplant. Und dann sind da noch die unzähligen Dächer der Hausbesitzer, die mit Solaranlagen gepflastert werden können. 

“Da hat sich wirklich etwas bewegt.”

Said Al Abbar, Leiter des Emirates Green Building Council

Dennoch versucht Dubai, nach der Prasserei der Boomjahre jetzt auch den Bedarf an Strom und Wasser zu senken. Die Preise sind kontinuierlich erhöht worden (obwohl sie weiter subventioniert werden), die Bauvorschriften wurden verschärft. Zwar dürfen Neubauten weiterhin Glasfassaden haben, aber sie müssen über eine solare Warmwasserbereitung verfügen und Systeme, die Licht und Klimaanlage automatisch herunterfahren, wenn niemand im Haus anwesend ist. „Da hat sich wirklich etwas bewegt“, sagt Said Al Abbar, Leiter des Emirates Green Building Council („Rat für grünes Bauen der Emirate“). Er unterstützt die Konzipierung der ersten Nullenergie-Bürogebäude in Dubai, die so viel Energie erzeugen werden, wie sie verbrauchen.

Südlich der Stadt ist inzwischen die erste Nullenergie-Wohnsiedlung eingeweiht worden. Das Erfolgsgeheimnis der Sustainable City, so der Immobilienentwickler Faris Said, seien nicht nur die Solarflächen, die jeden Parkplatz und jede Dachterrasse beschatten, und die Solar-Warmwasserbereiter für jedes Haus. Auch einfache Lösungen spielen eine Rolle, zum Beispiel die enge Anordnung der 500 L-förmigen Häuser, damit sie einander Schatten spenden wie die alten Häuser am Creek. Dadurch konnten die Klimaanlagen kleiner und günstiger ausgelegt werden, erklärt Said.

Allmählich zahlen sich diese Maßnahmen aus. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser und Strom fällt – wie auch der CO² -Ausstoß, der den Löwenanteil des enormen ökologischen Fuß­abdrucks von Dubai ausmacht. Auf jeden Bewohner kommen jetzt weniger als 18 Tonnen jährlich. Das ist nur noch ein Hauch mehr als bei einem durchschnittlichen Amerikaner, allerdings immer noch etwa doppelt so viel wie bei einem Durchschnittsdeutschen. Und der Gesamtverbrauch Dubais steigt weiter, weil die Bevölkerung wächst. Zudem sind längst noch nicht alle Viertel der weiträumigen Metropolregion ohne Auto erreichbar. In Saids fußgängerfreundlichem Wohngebiet sind Restaurants, Supermarkt, Schule und Moschee zu Fuß erreichbar. Doch bis in eines der vielen Zentren von Dubai ist es immer noch eine Autofahrt von rund 20 Kilometern. Die Metro reicht noch nicht bis in die Sustainable City. 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 1/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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