Umwelt

Hochseefischerei ist nicht nur schädlich – sie ist auch unrentabel

Ein großer Teil der Industrie kann sich nur durch Subventionen über Wasser halten, allerdings zu Lasten von Mensch, Tier und Umwelt. Mittwoch, 20 Juni

Von Sarah Gibbens

Die Reise eines Fischs vom Meer auf unseren Teller ist vielleicht nicht ganz so überschaubar, wie man meint.

Die meisten Leute wissen, dass ein Fischer, ein Verkäufer und ein Koch (und sei es man selbst) an dem Prozess beteiligt sind. Einer neuen Studie zufolge haben aber auch Regierungen ihre Hände im Spiel – oft sogar in beträchtlichem Maße.

Die Forschungsergebnisse, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurden, zeigen, dass bis zu 54 Prozent der Hochseefischerei unrentabel wäre, wenn die Regierungen nicht einen Teil der Kosten dieser Industrie decken würden. Zudem könnten sich einige Schiffe ihr Vorgehen wohl nur deshalb wirtschaftlich leisten, weil sie ihre Arbeitskräfte ausbeuten und ihren Fang nicht vollständig deklarieren.

„Die Studie bestätigt, dass ein Großteil der Hochseefischerei keinen Sinn macht“, sagt der Studienautor und National Geographic Explorer Enric Sala. „Wenn sie die Umwelt zerstört und wirtschaftlich nicht profitabel ist, warum beenden wir die Hochseefischerei dann nicht komplett?“

Im Jahr 2016 sind knapp über 3.600 Schiffe aktiv der Hochseefischerei nachgegangen – also der Fischerei in internationalen Gewässern. Um die Auswirkungen der Industrie besser zu verstehen, hat sich ein Team aus Ökologen, Datenwissenschaftlern und Wirtschaftswissenschaftlern die aktuellsten Datensätze zu den Kosten dieser Fischerei aus dem Jahr 2014 angesehen. Sie fanden heraus, dass die Gesamtkosten für die Hochseefischerei in jenem Jahr zwischen 6,2 und 8 Milliarden Dollar betrugen, wobei sich die Subventionen auf 4,2 Milliarden Dollar beliefen.

China und Taiwan hatten mit Abstand die wenigsten Gewinne in dem Sektor zu verzeichnen, obwohl sie zu jenen Ländern gehören, die den größten Aufwand betrieben. Auch Russlands Fischereiindustrie erwies sich – trotz der Subventionen – als unrentabel.

Allerdings erhielten nicht nur jene Fischerboote Subventionen, die keine Gewinne einfuhren. Die Forscher fanden auch heraus, dass Unternehmen mit geringfügigen Profiten in Japan, Südkorea, Spanien und den USA ihre Einnahmen durch Unterstützung ihrer Regierungen ebenfalls verbessern konnten.

„Es gibt drei verschiedene Kategorien [von Subventionen]“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Rashid Sumaila von der University of British Columbia, einer der Studienautoren. Er und seine Kollegen begannen schon im Jahr 2000 damit, Daten zu Fischereisubventionen zusammenzutragen – und fanden dabei heraus, dass nicht alle Subventionen schädlich waren. Manche waren uneindeutig und schwer einzuordnen. Andere hingegen erwiesen sich als nützlich und förderten ein nachhaltiges Management, Forschung und die Durchsetzung von Regelungen.

Es gab aber auch Subventionen, die es Unternehmen ermöglichten, ihre Ladekapazität zu vergrößern – um Grunde wurde jenen Schiffen gestattet, intensiver in solchen Fischgründen zu fischen, deren Fischbestände Gefahr laufen, sich zu erschöpfen. Anstatt den Unternehmen direkt Geld zur Verfügung zu stellen, bieten die Regierungen ihnen Steuervergünstigungen, beteiligen sich an den Kosten für Kraftstoff und moderne Ausrüstung oder fördern Infrastruktur, beispielsweise Häfen.

SPIONE IM WELTALL

Das offene Meer außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) ab etwa 200 Seemeilen hinter der Küste stehen allen zur Verfügung. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat zwar einen Verhaltenskodex für diese Bereiche aufgestellt, allerdings werden die Aktivitäten nur minimal reguliert und kaum überwacht.

Zudem haben die Schiffe aufgrund des Wettbewerbs ein Interesse daran, Details über ihre Aktivitäten nicht nach außen dringen zu lassen.

Um Daten für diese schwer zugänglichen Meeresbereiche zusammenzutragen, verließ sich der Datenwissenschaftler und Studienautor Juan Mayorga auf ein Programm namens Global Fishing Watch. Es verfolgt die Schiffe vom Weltall aus mithilfe der über Satellit übertragenen AIS-Signale (Automatic Identification System), zu deren Übertragung die Schiffe verpflichtet sind. Anfang des Jahres fand Mayorga mithilfe dieser Daten bereits heraus, dass sich die industrielle Fischerei auf ein Drittel des Planeten erstreckt.

„Als uns diese Idee zum ersten Mal kam, wussten wir nicht wirklich, wie es um die Hochseefischerei stand“, sagt Mayorga. Im Laufe von zwei Jahren konnte er jedoch feststellen, wie viele Schiffe auf hoher See fischten und wie oft. Allerdings merkt er an, dass die Daten aus der Studie nicht die gesamte Aktivität im Bereich der Hochseefischerei abbilden. Einige Schiffe verzichten auf ein AIS oder schalten es bewusst aus, um verdeckt zu arbeiten.

Die vorhandenen Daten speiste Mayorga in Modelle ein und erhielt so Schätzungen zu den Kraftstoffkosten, die auf der Größe der Schiffe, ihrem Standort, der zurückgelegten Entfernung und ihrer Geschwindigkeit basierten. Außerdem erfuhr er, um welchen Schiffstyp es sich jeweils handelte und nach was gefischt wurde. Mit diesen Informationen konnte er die nötige Arbeitskraft abschätzen. Auf Basis von aktuellen Gesetzen zum Mindestlohn und den typischen Gehältern konnte Mayorga anschließend eine Schätzung zu den Arbeitskosten erstellen.

Diese Schätzung sei jedoch der größte Unsicherheitsfaktor in seiner Studie, wie er anmerkt. Berichte mehrerer Nichtregierungsorganisationen zeigten nämlich, dass die Ausbeutung von Arbeitern in der Fischereiindustrie eine lange Geschichte hat. In manchen Regionen grenzen die Bedingungen dabei nicht nur an Sklavenarbeit, sondern resultieren in eben dieser.

Auf Basis seiner Betriebskostenschätzung versuchte Mayorga dann, auf den Fang zu schließen, den jedes Schiff letztendlich auf den Markt brachte. Die Autoren der Studie vermuten, dass in manchen Fällen nicht der gesamte Fang deklariert wurde.

FÜR EINE HANDVOLL FISCH

Insgesamt macht die Hochseefischerei mit sechs Prozent nur einen relativ kleinen Teil der gesamten weltweiten Fischerei aus. Subventionen dieser Praktiken in internationalen Gewässern sind umstritten, und die Welthandelsorganisation dachte in den vergangenen zehn Jahren sogar über ein Verbot nach. Die Frage der Autoren war also, warum Regierungen den Einsatz teurer Fischfangflotten fördern, die weniger Erträge einfahren.

Laut einem Vertreter der FAO wird oft die Nahrungssicherheit als Grund für die Förderung aufgeführt. In einer Mitteilung derselben Organisation aus dem Jahr 2016 wird jedoch auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Subventionen zugunsten der Nachhaltigkeit zu regulieren.

Die Fördermittel tragen nicht nur dazu bei, dass Fischgründe erschöpft werden, sondern gefährden auch wichtige natürliche Lebensräume, wie Sala erzählt. Besonders die Schleppnetzfischerei in der Tiefsee, die zu den gängigeren Praktiken in der Hochseefischerei zählt, sei problematisch.

„Die Schleppnetzfischerei ist eine der schädlichsten Praktiken auf dem ganzen Planeten“, sagt Sala. „Die Netze sind so groß, dass ein Dutzend Boeings vom Typ 747 hineinpassen. Diese gewaltigen Netze zerstören alles, was in ihrem Weg liegt, darunter auch Tiefseekorallen. Und ohne Subventionen wäre das nicht rentabel.“

 

DIE ZUKUNFT DER HOCHSEEFISCHEREI

Mangelnde Transparenz stellte für die Forscher eines der großen Hindernisse für ihre Einschätzungen dar. Das Problem reichte von Regierungsvertretern, die absichtlich Informationen zurückhielten, bis zu fehlenden Aufzeichnungen.

Transparenz sei aber der Schlüssel dazu, die ihrer Meinung nach wirtschaftlich und ökologisch unsinnige Praktik zu bekämpfen. Sala zufolge sei eine strengere Durchsetzung der Nutzung des AIS eine Möglichkeit, über die Regulierungsbehörden die vollen Auswirkungen der Hochseefischerei überwachen könnten.

Sumaila würde sich wünschen, dass die Welthandelsorganisation Subventionen für diese Industrie verbieten oder zumindest einschränken würde. Trotz ausführlicher Besprechungen der Thematik hat die WHO bisher aber kaum Fortschritte erzielt. Die letzte Abstimmung, die im Dezember 2017 stattfinden sollte, kam nie zustande – hauptsächlich wegen verfahrenstechnischer Hürden.

Für manche Länder sind internationale Gewässer auch eine Möglichkeit, ihre eigenen überfischten Gewässer zu kompensieren. China hat beispielsweise stark mit der Überfischung seiner nationalen Gewässer zu kämpfen. Eine Studie vom April 2017 fand heraus, dass das Land das Problem zu kompensiere versuchte, indem es seine Hochseefischerei sogar bis nach Westafrika ausdehnte.

Allerdings sind schrumpfende Fischgründe weltweit ein wachsendes Problem. Von den 600 Fischgründen, die von der FAO überwacht werden, sind mehr als die Hälfte bereits so stark erschöpft, dass Fangflotten dort wenig bis gar keine Erträge erzielen.

Im Dezember 2017 begann die UN mit Gesprächen, um ein Rahmenkonzept für den Schutz der Artenvielfalt in internationalen Gewässern zu gewährleisten. Die Verhandlungen werden sich wahrscheinlich über die kommenden zwei Jahre erstrecken.

Da internationale Gewässer zu keinem Land gehören, kommt es bei solchen Gesprächen oft zu Interessenkonflikten zwischen Regierungen. Schon in der Vergangenheit haben einige Länder sich gegen langfristige Lösungsansätze ausgesprochen, in der Hoffnung, sich ein Hintertürchen für die kommerzielle Fischerei offenzuhalten. Andere hingegen fürchten heute schon, dass der Schwund der Artenvielfalt sie direkt betreffen könnte.

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Die Studie wurden in Teilen von der Pristine Seas Initiative der National Geographic Society finanziert. 

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