Erklärt: Der Amazonas produziert nicht 20 % unseres Sauerstoffs

Es gibt viele gute Gründe, sich um den Zustand und die Zukunft des Regenwaldes zu sorgen. Unsere Atemluft gehört aber nicht dazu.Dienstag, 3. September 2019

Eine Luftaufnahme des Amazonas in der Nähe von Porto Velho im brasilianischen Bundesstaat Rondonia vom 21. August 2019.
Eine Luftaufnahme des Amazonas in der Nähe von Porto Velho im brasilianischen Bundesstaat Rondonia vom 21. August 2019.
bild Ueslei Marcelino/Reuters

Ebenso wie die Nachrichten über die gewaltigen Brände im Amazonas-Regenwald in der vergangenen Woche um die Welt gingen, verbreitete sich auch eine missverständliche Behauptung wie ein Lauffeuer: dass der Amazonas 20 Prozent des weltweiten Sauerstoffs produziert.

Von Nachrichtensendern wie CNN, ABC News und Sky News bis zu Social-Media-Posts von Politikern wie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron oder Persönlichkeiten wie Leonardo di Caprio tauchte die Zahl immer wieder auf.

Da verwundert es nicht, dass viele Menschen die Brände im Amazonas als Bedrohung des weltweiten Sauerstoffhaushalts ansehen. „Wir brauchen Sauerstoff, um zu überleben“, twitterte der ehemalige Astronaut Scott Kelly in der vergangenen Woche.

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Allerdings ist diese Zahl – welcher der Amazonas-Regenwald auch den Beinamen „Lunge der Welt“ verdankt – eine maßlose Übertreibung. Wie mehrere Wissenschaftler erklärten, beläuft sich der Nettobeitrag des Amazonas zu dem von uns geatmeten Sauerstoff ungefähr auf Null.

„Es gibt eine ganze Reihe an Gründen, den Amazonas zu erhalten – Sauerstoff gehört nur eben nicht dazu“, sagt der Erdsystemwissenschaftler Michael Coe, der am Woods Hole Research Center in Massachusetts das Amazonas-Programm leitet.

Für Coe „macht die Behauptung einfach keinen physikalischen Sinn“, weil es in der Atmosphäre nicht genügend CO2 gibt, damit Bäume daraus ein Fünftel des weltweiten Sauerstoffs produzieren könnten.

Die Menge an CO2, die Bäume aus der Atmosphäre ziehen, entspricht ungefähr der Menge an Sauerstoff, die sie im Rahmen ihrer Photosynthese wieder abgeben. Allerdings macht Kohlendioxid weniger als ein halbes Prozent der Erdatmosphäre aus, die dafür aber 21 Prozent Sauerstoff enthält. Daher kann der Amazonas-Regenwald gar keine solchen Mengen an Sauerstoff produzieren.

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Eine genauere Berechnung findet sich in den Forschungsarbeiten einiger Wissenschaftler. Der Ökologe Yadvinder Malhi vom Environmental Change Institute der Oxford University nahm als Basis für seine Berechnungen eine Studie aus dem Jahr 2010. In dieser heißt es, dass tropische Regenwälder für schätzungsweise 34 Prozent der Photosynthese verantwortlich sind, die an Land stattfindet. Aufgrund seiner Größe würde der Amazonas-Regenwald damit ungefähr die Hälfte dieser Menge produzieren. Das bedeutet also, dass er für 16 Prozent des weltweit an Land produzierten Sauerstoffs verantwortlich wäre, erklärt Malhi, der seine Berechnungen in einem Blogpost aufschlüsselt.

Dieser Anteil sinkt jedoch auf 9 Prozent, wenn auch jener Sauerstoff einberechnet wird, der vom Phytoplankton im Meer produziert wird. (Der Klimawissenschaftler Jonathan Foley, der das gemeinnützige Project Drawdown leitet, welches an Lösungen für den Klimawandel forscht, kam bei seiner Berechnung auf etwas konservativere 6 Prozent.)

Bäume produzieren aber nicht nur Sauerstoff – sie verbrauchen ihn auch im Rahmen der Zellatmung: Im Laufe des Tages sammelt sich Zucker in ihren Zellen an, den sie mit Hilfe von Sauerstoff als Oxidationsmittel wieder abbauen. Während der Nachtstunden, wenn keine Sonne für die Photosynthese scheint, absorbieren Pflanzen also Sauerstoff aus der Atmosphäre.

Malhis Forschungsteam schätzt, dass Bäume etwas mehr als die Hälfte ihres produzierten Sauerstoffs auf diese Weise wieder verbrauchen. Der Rest wird vermutlich von den zahllosen Mikroben verbraucht, die im Amazonas leben und Sauerstoff absorbieren, um tote organische Materie zu zersetzen.

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„Der [Sauerstoff-]Nettobetrag des Amazonas und auch jedes anderen Bioms ist ungefähr Null“, erklärt er.

Aufgrund dieses Gleichgewichts von Sauerstoffproduktion und -verbrauch wirken sich die Ökosysteme kaum auf den Sauerstoffgehalt in unserer Atmosphäre aus. Stattdessen ist der Sauerstoff, den wir atmen, das Vermächtnis des Phytoplanktons in unseren Ozeanen, welches unsere Luft über Milliarden von Jahren hinweg mit Sauerstoff angereichert hat, erklärt Scott Denning, ein Atmosphärenwissenschaftler der Colorado State University.

Dieser Sauerstoff konnte sich aber nur anreichern, weil die Organismen im Plankton nach dem Absterben am Meeresboden eingeschlossen werden, ehe sie verrotten – ansonsten würde der Prozess ihrer Zersetzung durch andere Mikroben den erzeugten Sauerstoff wieder verbrauchen. Jene Prozesse, die den Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre beeinflussen, spielen sich über gewaltig Zeiträume hinweg ab. Die Photosynthese, die von unseren aktuellen Pflanzen betrieben wird, hat darauf praktisch keinen Einfluss, wie Denning in einem Artikel in „The Conversation“ erläutert.

Eine Wiege des Artenreichtums

Trotzdem hält sich der 20-Prozent-Mythos seit Jahrzehnten. Sein genauer Ursprung ist nicht bekannt. Malhi und Coe vermuten, er entstand aus dem Umstand, dass der Amazonas rund 20 Prozent des durch Photosynthese an Land produzierten Sauerstoffs erzeugt. Dieser Fakt könnte sich im öffentlichen Diskurs dann fälschlicherweise als „20 Prozent des Sauerstoffs in der Atmosphäre“ verankert haben.

Natürlich soll diese Debatte um den vom Amazonas produzierten Sauerstoff nicht davon ablenken, dass der Regenwald von großer Bedeutung ist. Im unberührten Zustand absorbiert er eine beträchtliche Menge CO2 aus der Atmosphäre. Coe vergleicht ihn nicht mit einer Lunge, sondern mit einer gewaltigen Klimaanlage, die den Planeten kühlt. Der Regenwald zählt zu den stärksten Kräften im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels, zusammen mit anderen tropischen Wäldern in Afrika und Asien, von denen einige derzeit ebenfalls in Flammen stehen.

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Darüber hinaus spielt der Amazonas eine wichtige Rolle für die Stabilisierung der Niederschlagszyklen in Südamerika und beheimatet neben indigenen Völkern auch zahllose Arten von Pflanzen und Tieren.

„Über die Biodiversität wird nur wenig gesprochen, aber der Amazonas ist das artenreichste Landökosystem – und der Klimawandel und die Abholzung bringen diesen Artenreichtum in Gefahr“, sagt der Klimawissenschaftler Carlos Nobre vom Institute for Advanced Studies der University of São Paulo.

Der Amazonas-Regenwald spielt eine so wichtige Rolle für die Welt, dass man ihn metaphorisch durchaus als Lunge bezeichnen könnte. Diese Analogie mag auch dabei geholfen haben, den Protest gegen seine Abholzung zu befeuern. Aber für die meisten Forscher machen sie nicht viel Sinn – nicht zuletzt, weil echte Lungen Sauerstoff einatmen anstatt ihn zu produzieren.

„Wenn die Leute [den Regenwald] mit einem lebenswichtigen Körperorgan in Verbindung bringen wollen, welches das Gleichgewicht, das Leben und das Wohlbefinden erhält, kann man diese symbolische Assoziation rechtfertigen“, sagt Nobre. „Aber physikalisch gesehen ist er nicht wirklich die Lunge der Welt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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