Was die Brände im Amazonas für die Tierwelt bedeuten

Zehn Prozent aller Tierarten der Welt leben in den Regenwäldern des Amazonas. Auf Waldbrände ist das Ökosystem aber nicht ausgelegt.Montag, 26. August 2019

Ein Weißschulter-Seidenäffchen sitzt in einem gesunden Baum in einem brasilianischen Wald. Einige Primatenarten, die erst in den letzten Jahren entdeckt wurden, leben in sehr kleinen Verbreitungsgebieten, die derzeit von den Flammen bedroht werden. Wissenschaftler fürchten daher um ihren Bestand.
Ein Weißschulter-Seidenäffchen sitzt in einem gesunden Baum in einem brasilianischen Wald. Einige Primatenarten, die erst in den letzten Jahren entdeckt wurden, leben in sehr kleinen Verbreitungsgebieten, die derzeit von den Flammen bedroht werden. Wissenschaftler fürchten daher um ihren Bestand.
bild Claus Meyer, Minden Pictures/Nat Geo Image Collection

Jede zehnte Tierart der Welt ist in den Regenwäldern des Amazonas zu Hause – und sie brennen lichterloh. Allein in der dritten Augustwoche tobten etwa 9.000 Waldbrände gleichzeitig in dem gewaltigen Regenwaldgebiet, das sich über Brasilien bis nach Bolivien, Paraguay und Peru erstreckt. Ein Großteil der Brände entstand aus bewusst gelegten Feuern: Brandrodung ist im Amazonas ein beliebtes Mittel, um große Flächen für die Viehzucht, den Ackerbau und die Holzgewinnung zu entwalden. Durch die andauernde Trockenheit fraßen sich die Flammen jedoch unkontrolliert durch den Wald. Die Zahl der Brände ist im Vergleich zum Vorjahr förmlich explodiert: Brasiliens Nationales Institut für Weltraumforschung (INPE) verzeichnete einen 80-prozentigen Anstieg seit 2018. Mittlerweile können die Brände sogar vom Weltraum aus gesehen werden.

Für tausende Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Vögel, die im Amazonas leben, werden die Auswirkungen der Waldbrände in zwei Phasen spürbar sein: Die erste tritt sofort ein, die zweite ist langfristiger Natur.

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„Im Amazonas ist nichts an Waldbrände angepasst“, sagt William Magnusson. Der Forscher des brasilianischen National Institute of Amazonian Research (INPA) in Manaus überwacht die Artenvielfalt in der Region.

In einigen Wäldern sind Waldbrände ein wichtiger Faktor für die Gesundheit des Ökosystems. Die Tiere dort sind an gelegentliche Brände angepasst und können damit umgehen. Einige Arten sind sogar regelrecht darauf angewiesen: Der Schwarzrückenspecht, der im Westen der USA heimisch ist, nistet beispielsweise nur in ausgebrannten Bäumen und frisst jene Käfer, die verbranntes Holz befallen.

Der Amazonas funktioniert aber anders.

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Im Regenwald ist gerade deshalb eine so unvergleichliche Artenvielfalt anzutreffen, weil er nicht wirklich brennt, sagt Magnusson. Zwar kommt es auch dort auf natürliche Weise immer wieder zu kleinen Waldbränden, die allerdings in Bodennähe lodern und vom nächsten Regen schnell gelöscht werden.

„Im Grunde hat der Amazonas seit hunderten oder gar tausenden Millionen Jahren nicht mehr gebrannt“, sagt Magnusson. Das sei kein Vergleich zu Australien, wo die Eukalyptusarten ohne regelmäßige Brände beispielsweise aussterben würden, wie er erzählt. Der Regenwald ist einfach nicht für Brände gemacht.

Welche Folgen haben die Waldbrände aktuell für die Tiere?

Wahrscheinlich fordern die Brände unter den Waldbewohnern „kurzfristig enorm viele Opfer“, sagt Mazeika Sullivan, ein Professor an der School of Environment and Natural Resources der Ohio State University, der im kolumbianischen Amazonas Feldforschung betrieben hat.

Im Falle von Waldbränden haben Tiere nur wenige Möglichkeiten, wie er erklärt. Sie können versuchen, sich zu verstecken, indem sie sich einbuddeln oder ins Wasser flüchten. Viele verlieren ihr sprichwörtliches Dach über dem Kopf – und etliche sterben. In der aktuellen Situation werden viele der Tiere durch die Flammen, die Hitze oder den Rauch verenden, so Sullivan.

„Es gibt die unmittelbaren Gewinner und die unmittelbaren Verlierer“, sagt Sullivan. „In einem System, das nicht auf Brände ausgelegt ist, wird es deutlich mehr Verlierer als in anderen Landschaften geben.“

Rotbauchsittiche zählen zu den 1.500 Vogelarten, die im Regenwald des Amazonas heimisch sind. Die beispiellosen Waldbrände in der Region könnten fatale Folgen für die Fauna des Regenwaldes haben.
Rotbauchsittiche zählen zu den 1.500 Vogelarten, die im Regenwald des Amazonas heimisch sind. Die beispiellosen Waldbrände in der Region könnten fatale Folgen für die Fauna des Regenwaldes haben.
bild Claus Meyer, Minden Pictures/Nat Geo Image Collection

Gewisse Eigenschaften sind im Falle eines Waldbrandes von Vorteil. Mobilität zählt dazu: Große und schnelle Tiere wie Jaguare und Pumas haben Sullivan zufolge die Chance, zu entkommen. Auch Vögel können dem Inferno davonfliegen. Langsame Tiere wie Faultiere und Ameisenbären, aber auch Kleintiere wie Frösche und Echsen, werden den Flammen vermutlich nicht schnell genug entkommen und sterben. Manche flüchten sich vielleicht in die Baumkronen, aber wenn sie den falschen Baum erwischen, ist ihr Schicksal besiegelt.

Könnten bedrohte Arten durch die Waldbrände aussterben?

Das lässt sich nur schwer sagen. Waldbrände im Amazonas unterscheiden sich völlig von denen in den USA, Europa oder Australien, wo wir sehr viel über das Verbreitungsgebiet von Tierarten wissen, sagt Magnusson. Im Falle des Regenwalds wissen wir über die Verteilung der meisten Tierarten nicht gut genug Bescheid, um sagen zu können, welche der Tiere bedroht sind.

Trotzdem gibt es ein paar Arten, die Forschern besondere Sorgen bereiten.

Der Feuerschwänzige Springaffe, der 2011 entdeckt wurde, wurde bislang nur in einem bestimmten Teil Brasiliens im südlichen Amazonas gesichtet, in dem derzeit Brände wüten. Eine Unterart des Braunrückentamarins, die ebenfalls erst kürzlich entdeckt wurde, ist in einem kleinen Verbreitungsgebiet in Zentralbrasilien heimisch. Auch dieses Gebiet wird von den herannahenden Waldbränden bedroht, sagt Carlos César Durigan, der Direktor der Wildlife Conservation Society of Brazil. Ihm zufolge sei es möglich, dass diese beiden Arten ausschließlich in diesen Bereichen heimisch sind. „Ich fürchte, dass wir viele dieser heimischen Arten verlieren könnten.“

Wie steht es um Tiere, die im Wasser leben?

Auf diesem Satellitenbild der NASA sieht man den Rauch der Amazonas-Waldbrände.
Auf diesem Satellitenbild der NASA sieht man den Rauch der Amazonas-Waldbrände.
bild NASA Earth Observatory, Lauren Dauphin

Große Gewässer bilden kurzfristig einen relativ sicheren Zufluchtsort. Aber Tiere in kleinen Flüssen und Bächen – die eine hohe Artenvielfalt aufweisen – könnten es schwer haben. Gerade bei kleinen Wasserläufen lodern die Flammen oft direkt über dem Wasser. Amphibien, die teilweise über Wasser bleiben müssen, um zu atmen, sind damit in Gefahr. Außerdem könnten die Brände die Chemie des Wassers so verändern, dass es kurzfristig nicht mehr als Lebensraum geeignet ist, so Sullivan.

Welche Folgen drohen auf lange Sicht?

„Die Langzeiteffekte werden wahrscheinlich noch katastrophaler“, sagt Sullivan. Das gesamte Ökosystem der verbrannten Regenwaldbereiche wird sich verändern. Im Normalfall verhindert die dichte Baumkrone, dass allzu viel Sonnenlicht den Boden erreicht. Durch Brände werden gewaltige Löcher in die Walddecke gerissen, sodass plötzlich sehr viel Licht auf den Boden fällt und den Energiehaushalt des gesamten Ökosystems fundamental verändert. Laut Sullivan können dadurch Kaskadeneffekte in der gesamten Nahrungskette entstehen.

Das Überleben in einem Ökosystem, das sich derart grundlegend verändert hat, würde für viele Arten eine große Herausforderung darstellen. Zahlreiche Amphibien sind beispielsweise durch die Textur und die Muster auf ihrer Haut getarnt, die der Rinde oder den Blättern bestimmter Bäume ähneln. „Plötzlich befinden sich die Frösche vor einem anderen Hintergrund“, sagt Sullivan. „Dann sind sie schutzlos.“

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Viele Tiere des Amazonas sind außerdem Spezialisten und haben sich ganz auf das Leben in bestimmten Nischen angepasst. Tukane fressen beispielsweise Früchte, an die andere Tiere nicht heranreichen. Wenn die Flammen ihre Nahrungsgrundlage zerstören, könnte das den gesamten Tukanbestand in eine Krise stürzen. Klammeraffen leben hoch oben in den Baumkronen, wo sie weniger Konkurrenz haben. „Was passiert, wenn die Baumkronen verloren gehen?“, fragt Sullivan. „Dann werden sie in andere Bereiche gedrängt, wo sie mehr Konkurrenz haben.“

Die einzigen „Gewinner“ in verbrannten Wäldern sind wahrscheinlich Greifvögel und andere Raubtiere, vermutet Sullivan. In der ausgebrannten Landschaft könnte die Jagd einfacher werden.

Welche anderen Folgen drohen den Wildtieren?

Die größten Sorgen bereiten Magnusson die Folgen des Waldverlusts.

„Wenn der Regenwald wegfällt, verliert man 99 Prozent aller Arten“, sagt er. Wenn es sich bei diesen Bränden um einen Einzelfall handeln würde, wäre er nicht unbedingt zu besorgt. Allerdings verweist er auf einen grundlegenden Wandel in der politischen Haltung Brasiliens, „der die Zerstörung des Waldes vorantreibt“. Damit bezieht er sich auf die Absicht des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, den Amazonas für wirtschaftliche Projekte zu öffnen. „Das politische Signal, das da gesendet wurde, besagt im Grunde, dass es keine gesetzlichen Regelungen mehr gibt und jeder tun kann, was er will.“

Entlang der südlichen Grenze des Amazonas-Regenwalds – in den brasilianischen Bundesstaaten Pará, Mato Grosso und Rondônia – gibt es einen Bereich, der als „Kahlschlagbogen“ bezeichnet wird, wie Magnusson sagt. Dort verschieben die Brände die Grenze des Regenwaldes nordwärts und verändern den Randbereich des Waldes womöglich für immer.

„Darüber wissen wir am wenigsten“, sagt er über diese Region. „Wir könnten dort Arten verlieren, von deren Existenz wir nicht einmal wussten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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