Umwelt

Rekordwaldbrände im Amazonas: Vorboten der Vernichtung

Gewaltige Flächenbrände toben im größten Regenwald der Welt. Forscher befürchten, dass das Ökosystem in Zukunft einen verheerenden Kipppunkt erreichen könnte.Donnerstag, 22. August 2019

Von Sarah Gibbens
Auf diesem Satellitenbild der NASA sieht man den Rauch der Amazonas-Waldbrände.

Die Waldbrände, die derzeit im Regenwald des Amazonas toben, sind so heftig, dass der Rauch den Himmel über mehreren Städten der Region verdunkelt hat.

Mehrere Nachrichtenquellen haben berichtet, dass das brasilianische Nationalinstitut für Weltraumforschung (INPE) in diesem Jahr einen Rekord von 72.843 Waldbränden verzeichnet hat. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von 80 Prozent. Mehr als 9.000 der Brände wurden innerhalb der letzten Woche entdeckt.

Das gesamte Ausmaß der Brände ist noch unklar, aber im Nordwesten des Landes haben sie sich über mehrere große Bundesstaaten hinweg ausgebreitet. Am 11. August berichtete die NASA, dass die Brände mittlerweile groß genug sind, um vom Weltraum aus gesehen zu werden.

„Das ist zweifelsfrei eines von nur zwei Malen in der Geschichte, dass es solche Brände [im Amazonas] gegeben hat“, sagt Thomas Lovejoy, ein Ökologe und National Geographic Explorer.

„Das ist ohne Frage eine Konsequenz aus der jüngsten Intensivierung der Abholzung“, sagt er.

Wie hängen die Waldbrände mit Brasiliens Wirtschaftspolitik zusammen?

Schon seit der Ernennung des aktuellen Präsidenten Jair Bolsonaro 2018 warnen Umweltschützer vor der voranschreitenden Abholzung des Amazonas. Ein wichtiges Wahlkampfversprechen Bolsonaros lautete, dass er den Amazonas für wirtschaftliche Projekte freigeben würde – und seit er an der Macht ist, hat er genau das getan.

Anfang des Monats vom INPE herausgegebene Daten deuten darauf hin, dass allein in diesem Sommer mehr Waldfläche in Brasilien gerodet wurde als in den letzten drei Jahren zusammen.

„In den Vorjahren hatten [Brände] zumeist etwas mit einem Mangel an Niederschlag zu tun, aber in diesem Jahr war es eigentlich ziemlich feucht“, erzählt Adriane Muelbert. Die Ökologin erforscht, wie die Abholzung des Amazonas sich auf den Klimawandel auswirkt.

„Das bringt uns zu der Vermutung, dass es sich aktuell um Brände handelt, die durch die Abholzung bedingt sind“, sagt sie. 

Neben der Gewinnung von Bauholz werden viele Bäume im Amazonas auch gefällt, um Platz für Sojaplantagen oder lukrative Weidefläche zu schaffen. Das Mittel der Wahl sind dabei oft Brandrodungen, die plötzlich außer Kontrolle geraten können und dann in Waldbrände ausarten.

Lovejoy beschreibt ein zyklisches System, bei dem die Entwaldung selbst zum Waldverlust beiträgt. Ein Großteil des Regens im Amazonas wird vom Regenwald selbst generiert. Wenn immer mehr Bäume verschwinden, geht auch der Niederschlag zurück. Experten sind besorgt, dass diese Abwärtsspirale eine voranschreitende Austrocknung des Waldes zur Folge haben könnte. Irgendwann wird ein Punkt erreicht sein, an dem eine Umkehr dieses Trends nicht mehr möglich ist und die Landschaft dann eher einer Savanne als einem Regenwald gleicht.

„Der Amazonas hat diesen Kipppunkt, weil er mehr als die Hälfte seines eigenen Niederschlags generiert“, sagt Lovejoy. Und genau deshalb „muss der Amazonas als ganzes System gemanagt werden“, erklärt er.

Was haben die Waldbrände mit dem Klimawandel zu tun?

Falls die Entwaldung und die unkontrollierten Brandrodungen weitergehen, befürchten Lovejoy und Muelbert, dass Waldbrände in diesem Ausmaß fortbestehen werden. Ein so gewaltiger Waldverlust wäre auf der ganzen Welt zu spüren.

Der Schutz des Amazonas gilt gemeinhin als eine der effektivsten Möglichkeiten, um die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen. Das Ökosystem absorbiert jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen CO2. Wenn diese Bäume gefällt oder verbrannt werden, setzen sie nicht nur das Kohlendioxid frei, das sie gespeichert hatten – mit ihnen verschwindet auch ein wichtiges Werkzeug, um weitere Emissionen zu absorbieren.

Galerie: Staudämme im Regenwald: Stämme des Amazonas kämpfen um ihr Überleben

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„Jeder zerstörte Wald ist eine Bedrohung für den Artenreichtum und die Menschen, die auf diesen Artenreichtum angewiesen sind“, sagt Lovejoy. „Die große Bedrohung geht davon aus, dass eine Menge CO2 in die Atmosphäre abgegeben wird.“

Muelbert zufolge ist es noch zu früh, um auszurechnen, wie viel Kohlendioxid durch die Waldbrände in diesem August freigesetzt wurde. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) veröffentlichte ebenfalls im August 2019 einen Bericht, in dem es hieß, dass die Welt keinen einzigen Wald entbehren kann, wenn die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet werden sollen.

„Es ist eine Tragödie“, sagt Muelbert über die Waldbrände und die Abholzung, die dahintersteckt. „[Es ist] ein Verbrechen gegen den Planeten und ein Verbrechen gegen die Menschheit.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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