Eine Eiswelt vor der Schmelze

Das Meereis schwindet. Gewaltige Fabrikschiffe rücken an, um immer mehr Krill zu fangen. Die Lebewesen vor der antarktischen Halbinsel sind in Gefahr. Sie brauchen unseren Schutz.

Bilder Von Thomas P. Peschak
Veröffentlicht am 25. Okt. 2021, 09:33 MESZ, Aktualisiert am 9. Nov. 2021, 09:26 MEZ
Seeleopard treibt unter Wasser an einem Eisberg vorbei.

Vor der Westküste der Antarktischen Halbinsel treibt ein Seeleopard an einem Eisberg vorbei. Das schmelzende Eis setzt Luftblasen frei, die an der Linse der Unterwasserkamera haften. Für Robben sind Eisschollen ein guter Ort für die Fortpflanzung oder den Fellwechsel. Zudem finden die Tiere hier ihre Nahrungsgrundlage: Krill. 

Die Fotoaufnahmen wurden von der Save Our Seas Foundation finanziert und unterstützt.

Bild Thomas P. Peschak

Ein Schlauchboot nähert sich der verschneiten Küste der Antarktischen Halbinsel. Die Eselspinguine von Neko Harbour bekommen das erste Mal seit fast einem Jahr wieder Menschen zu Gesicht. Statt einer Touristenschar – die bleibt wegen der Corona-Pandemie aus – klettern im Januar 2021 der Biologe und Pinguinexperte Tom Hart von der University of Oxford sowie mehrere weitere Forscher aus dem Boot. Laute Rufe laufen wellenartig durch die Kolonie der etwa 2000 Eselspinguine, als einer der 75 Zentimeter großen Vögel auf der Suche nach seinem Nest durch die Menge watschelt. Die Pinguine schenken Hart keine Beachtung, als er schnurstracks auf die Zeitrafferkamera zusteuert, die auf einem mit Felsbrocken gesicherten Stativ montiert ist. Er holt die Speicherkarte aus dem wasserdichten Gehäuse.

Seit sich die Pinguine vor vier Monaten in der Nistkolonie niedergelassen haben, um Eier zu legen und ihre Jungen großzuziehen, hat die Kamera die Tiere jede Stunde von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang fotografiert. Sie zählt zu den fast hundert quer über die 1340 Kilometer lange und 70 Kilometer breite Halbinsel verstreuten Wildkameras, die seit zehn Jahren die Brutkolonien von drei Pinguinarten überwachen. (...)

Die Antarktis zählt zu den sich am schnellsten erwärmenden Regionen der Erde.

Pinguine sind wichtige Indikatoren für die Gesundheit der Ozeane. Sie reagieren äußerst empfindlich auf Umweltveränderungen und sind auf ein reichhaltiges Beuteangebot angewiesen. Dass Zügel- und Adeliepinguine von unserer Erde verschwinden könnten, bereitet Pinguinforschern keine Sorgen − einige Kolonien jenseits der Antarktischen Halbinsel befinden sich auf stabilem Niveau; manche verzeichnen sogar Zuwächse. „Es beunruhigt uns aber, dass die Bestände auf der Antarktischen Halbinsel so stark zurückgehen“, sagt die Ökologin Heather Lynch von der Stony Brook University im US-Bundesstaat New York. Veränderungen in den Pinguinpopulationen vor der Küste der Antarktis sind Warnsignale eines gestörten Ökosystems. „Die natürlichen Prozesse im Südpolarmeer haben sich verändert – und wir sehen hier erst die Spitze des Eisbergs.“

Die eisige Welt ist in Gefahr: Die Antarktis zählt zu den sich am schnellsten erwärmenden Regionen der Erde. Während einer Hitzewelle im Februar 2020 erreichte die Lufttemperatur an der argentinischen Esperanza-Station im Norden der Halbinsel einen Rekordwert von 18,3 Grad. Normalerweise liegen die Temperaturen im Sommer nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. 2016 schrumpfte das Meereis rund um die Halbinsel auf ein Minimum seit Beginn der Satellitenüberwachung in den Siebzigerjahren.

Nur etwa ein Zehntel dieses Tafeleisbergs ragt aus dem Meer. Ein Teil seiner Unterwassermasse schimmert türkisfarben in den klaren Gewässern des Antarctic-Sunds. Die schmale Meerenge am nördlichen Zipfel der Antarktischen Halbinsel wird auch als „Eisbergallee“ bezeichnet. Häufig behindern hier riesige Eisbrocken den Schiffsverkehr.

Bild Thomas P. Peschak

Das ist ein großes Problem, denn unter dem Eis findet der Antarktische Krill Schutz. Er stellt einen elementaren Bestandteil des Lebens im Südpolarmeer dar. Zwerg- und Buckelwale fressen die Krebstiere; auch Kalmare, Fische und Pinguine ernähren sich von ihnen. Viele Krillfresser sind ihrerseits Beute für größere Jäger wie Seeleoparden, Raubmöwen und Riesensturmvögel. Ist der Krill verschwunden, gerät das Ökosystem aus den Fugen.

Niemand weiß, wie viel Krill aufgrund der Klimaerwärmung verschwunden ist. Die Gewässer um die Antarktische Halbinsel haben sich zudem zu einer Quelle für die größte industrielle Krillfischerei im Südpolarmeer entwickelt. Über 725 Tonnen fangen die Fabrikschiffe täglich. Aus Netzen, die mehrere Wochen unter Wasser bleiben, werden die Krebstiere unablässig nach oben gepumpt. Bereits an Bord verarbeitet man sie zu Produkten, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind: Fischmehl für Viehfutter oder Krillöl für Nahrungsergänzungsmittel. Die Bedrohungen durch den Klimawandel und die industrielle Fischerei seien eng miteinander verflochten, erklärt Lynch. „Weil das Meereis zurückgeht, können die Krillfangschiffe anrücken.“

Weil das Meereis zurückgeht, können die Krillfangschiffe anrücken

Vor diesem Hintergrund hat ein internationales Team aus Antarktisforschern Pläne für ein 670 000 Quadratkilometer umfassendes Meeresschutzgebiet (marine protected area, kurz MPA) ausgearbeitet, das die Gewässer an der Westküste der Antarktischen Halbinsel schützen soll. Entscheidungen über die Ausweisung sol- cher Gebiete trifft die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR). Sie wurde 1982 als Reaktion auf das wachsende kommerzielle Interesse an der Krillfischerei gegründet. Die Kommission bildet einen Teil des Antarktisvertrags, den 1959 zwölf Staaten unterzeichnet haben. Diese verpflichten sich zu einer friedlichen und wissenschaftlichen Nutzung. Derzeit gehören der CCAMLR 25 Länder sowie die Europäische Union an. (...)

Vor der Etablierung eines MPA müssen Forscher alle relevanten Daten über den Status quo zusammentragen. Für das Schutzgebiet Antarktische Halbinsel übernahmen Wissenschaftler aus Chile und Argentinien 2012 die Federführung. Die Region gehört zu den bestuntersuchten des Kontinents; die meisten antarktischen Forschungsstationen liegen verstreut entlang der Westküste der Halbinsel und auf den vorgelagerten Inseln. Um besonders schützenswerte Gebiete zu identifizieren, analysieren Computerprogramme riesige Datenmengen über die Tiere, die dort leben oder Nahrung finden.

Ein Meeresschutzgebiet reduziert den Stress, dem das Ökosystem ausgesetzt ist

Zu den wichtigsten Anliegen der Forscher zählt die Ausweisung von Fischereigründen. Im Südpolarmeer ist das besonders wichtig, da dort so viele Tiere auf Krill angewiesen sind. „Ein Meeresschutzgebiet wird die Auswirkungen des Klimawandels zwar nicht verhindern, aber es reduziert den Stress, dem das Ökosystem ausgesetzt ist“, erklärt die Meeresbiologin Mercedes Santos vom Instituto Antártico Argentino, die als Wissenschaftlerin an dem Prozess beteiligt war.

In den Gewässern um die Antarktische Halbinsel hat die CCAMLR eine Krillfangquote von 155 000 Tonnen pro Jahr festgelegt – weniger als ein Prozent der geschätzten Gesamtbiomasse. Grundsätzlich sollte das ökologisch nachhaltig sein, meinen Experten – unter einem Vorbehalt: Beim Krillfang müssen Vorgaben gezielter sein. „Für jene Pinguine, deren Nachschub an Krill versiegt, spielt es keine Rolle, dass die Fangmenge nur einen geringen prozentualen Anteil des Gesamtbestands in der Region ausmacht“, verdeutlicht Lynch.

„Wenn man sich die Befischungsmuster der letzten zehn oder 15 Jahre genauer ansieht, wird deutlich, dass sie immer zu denselben Stellen gefahren sind“, sagt César Cárdena vom Instituto Antártico Chileno, der gerade an Plänen für das Schutzgebiet arbeitet. Die Fangflotten fischen bevorzugt in Zonen mit dem größten Krillvorkommen, in denen Wale und Pinguine nach Nahrung suchen. Eine Auswertung von mehr als 30 Jahre umfassenden Daten ergab, dass hohe Krillfangraten den Bruterfolg der Pinguine und das Gewicht ihrer Küken negativ beeinflussen. Eine Einschränkung der Krillfischerei in bestimmten Bereichen des Schutzgebiets kann zum Erhalt stabiler Krillpopulationen in den Nahrungsgründen der Pinguineltern beitragen. Auf diese Weise müssen die Vögel nicht mit Fangschiffen konkurrieren, wenn sie Futter für ihre Jungen suchen.

Etwa hunderttausend Zügelpinguine nisten in Baily Head auf Deception Island, 110 Kilometer nördlich der Antarktischen Halbinsel. Grüne Moose und Flechten überziehen den Boden, der wegen geothermischer Wärme frei von Gletschereis ist. Mit zunehmender Klimaerwärmung könnten viele Inseln vor der Antarktischen Halbinsel so aussehen. „Es ist, als würde man in eine Kristallkugel blicken“, sagt Fotograf Peschak.

Bild Thomas P. Peschak

Nachdem Forscher das wissenschaftliche Fundament für das Meeresschutzgebiet Antarktische Halbinsel gelegt haben, findet der nächste Schritt weitgehend auf politischer Ebene statt: einen Konsens zwischen allen CCAMLR-Mitgliedern zu erzielen. Angesichts der Bedeutung der Krillfischerei stehen vermutlich lebhafte Diskussionen bevor – insbesondere, wenn man an die Verhandlungen über das MPA Rossmeer zurückdenkt, das vor vier Jahren nach langwierigem Ringen endlich offiziellen Schutzstatus erlangte.

Das Rossmeer ist eine tiefe Einbuchtung der Antarktis zwischen Marie-Byrd- und Victorialand, 3700 Kilometer südlich von Christchurch in Neuseeland gelegen. Die wegen ihrer besonders unberührten Natur als „letzter Ozean“ bezeichnete Region zählt zu den wenigen verbleibenden großen intakten Meeresökosystemen der Erde. In riesiger Zahl durchstreifen Räuber und Spitzenräuber die Gewässer: Orcas, Schneesturmvögel, Weddellrobben sowie Kaiser- und Adeliepinguine. „Hier lebt ein überproportional großer Teil all jener Meereslebewesen, für die die Antarktis so bekannt ist“, sagt die Meeresforscherin Cassandra Brooks von der University of Colorado in Boulder, die seit 2004 im Südpolarmeer arbeitet. „Für den Schutz genau dieses Gebiets hat sich die internationale Staatengemeinschaft jetzt eingesetzt.“

Der "letzte Ozean" gehört zu den wenigen noch intakten Meeresökosystemen der Erde

Wegen des Klimawandels und weil die kommerzielle Fischerei Antarktischen Seehechts Mitte der Zweitausenderjahre boomte, wurde dem Rossmeer höchste Schutzpriorität eingeräumt. Dennoch vergingen mehr als zehn Jahre wissenschaftlicher Planung und fünf Jahre intensiver Verhandlungen. Die Diskussionen drehten sich um Fischereirechte und Schutzgebietsgrenzen. Stück für Stück wurden die ursprünglichen Rahmenbedingungen aufgeweicht. Bedeutende Fischfangnationen wie Norwegen oder Südkorea zeigten sich erst kooperativ, als man das MPA um 40 Prozent verkleinerte. Spätere Ergänzungen brachten es jedoch auf seine Originalgröße zurück. Obwohl im Rossmeer nicht kommerziell nach Krill gefischt wird, ließ man sich diese Möglichkeit offen. Die Ausweisung einer Krill-Forschungszone sowie eine Übereinkunft, dass die kleinen Krebstiere in der Seehecht-Fischereizone gefangen werden dürfen, sicherte 2015 die Unterstützung Chinas. Russland hatte sich bis zuletzt der Unterzeichnung des Vertrags widersetzt. Doch 2016, am Ende eines zweiwöchigen Treffens, gaben die CCAMLR-Mitglieder schließlich die Ausweisung des Rossmeer-Schutzgebiets bekannt. Das größte MPA der Welt umfasst circa 1,5 Millionen Quadratkilometer Ozean zuzüglich 474 000 Quadratkilometer unterhalb des Rosseisschelfs – eine Gesamtfläche etwa von der Größe Mexikos. „Alle haben applaudiert, geschrien, sich umarmt und geweint“, erinnert sich Cassandra Brooks, die bei den Verhandlungen anwesend war. „Es war wirklich ein außergewöhnlicher Moment.“

Im Juni 2021 sagten die G7-Länder den Bestrebungen der CCAMLR, ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten im Südlichen Ozean einzurichten, ihre volle Unterstützung zu. Neben der Antarktischen Halbinsel kommen zwei weitere Regionen – die Ostantarktis und das Weddellmeer – für einen Schutzstatus infrage. Federführend sind diesmal die EU, Australien, Norwegen, das Vereinigte Königreich sowie Uruguay. Auch die USA, vertreten durch den früheren Außenminister John Kerry, der die Verhandlungen über das Rossmeer-MPA entscheidend vorangebracht hat, sind wieder aktiv beteiligt, nachdem sie sich während der Zeit der Präsidentschaft von Donald Trump im Hintergrund gehalten hatten.

In diesem Jahr feiern wir den 60. Jahrestag des Inkrafttretens des Antarktisvertrags. Das sei ein Jubiläum, das für Optimismus sorgen sollte, findet Mercedes Santos: „Es erinnert uns daran, dass wir erneut Großes vollbringen müssen.“

Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin

Helen Scales schrieb für die Juni-Ausgabe 2020 über bedrohte Kaiserpinguine. Der Fotograf Thomas P. Peschak ist als „Director of Storytelling“ bei der Save Our Seas Foundation tätig.

Die Ausgabe 11/2021 von NATIONAL GEOGRAPHIC ist ab 22.10.2021 im Handel erhältlich.

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Dieser Artikel erschien in voller Länge und mit zahlreichen weiteren Bildern in der November 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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