Erderwärmung: Sibirische Tundra könnte bis 2500 fast vollständig verschwinden

Durch weltweit steigende Temperaturen verschiebt sich die Baumgrenze sibirischer Lärchenwälder immer weiter nach Norden. Forschende simulierten nun ihre zukünftige Ausbreitung – und stellten einen alarmierenden Rückgang der sibirischen Tundra fest.

2500 könnte diese Landschaft in dieser Form schon nicht mehr existieren: Die sibirische Tundra wird durch steigende Temperaturen immer weiter von Wäldern verdrängt. 

Foto von Hunta / Adobe Stock
Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 30. Mai 2022, 11:50 MESZ

Unendliche Weiten, kalte Temperaturen, spärliche Vegetation: Die sibirische Tundra zählt zu den am dünnsten besiedelten Landschaften der Erde – zumindest im Hinblick auf die menschliche Bevölkerung. Dafür gibt es zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, die in der Vegetationszone heimisch und ausschließlich an diesem Ort zu finden sind. Vom Weißen Silberwurz bis zum Arktischen Mohn, von der Arktischen Hummel bis zum Rentier – sie alle haben sich raffiniert an die extremen klimatischen Bedingungen angepasst und machen die einzigartige Biodiversität der Zone aus. 

Dieses außergewöhnliche Ökosystem steht im Mittelpunkt der Arbeit von Forschenden des Alfred-Wegener-Instituts in Kooperation mit der Universität Potsdam. Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen in der Arktis rasant an – in den letzten 50 Jahren allein um mehr als zwei Grad Celsius –, was auch an der Tundra nicht spurlos vorüber geht. Die Erwärmung führt dazu, dass sich sibirische Lärchenwälder immer weiter Richtung Norden ausbreiten – und große Tundraflächen verdrängen. 

In einer Studie, die in der Zeitschrift eLife erschienen ist, stellen die Forschenden nun dar, wie sich die sibirische Tundra durch die Erderwärmung und die damit verbundene Ausbreitung des Waldes in Zukunft verändern könnte. Das erschreckende Ergebnis: Bis zum Jahr 2500 könnten nur noch sechs Prozent der heutigen Tundraflächen erhalten sein. 

Die vier farblich markierten Bereiche bilden die Tundraregionen oberhalb der Baumgrenze, die in der Studie berücksichtigt wurden. Die blauen Linien zeigen die Strecke von der Baumgrenze bis zur Küste. 

Foto von Alfred Wegener Institut, Helmholtz Center für Polar- und Meeresforschung

Modellprognosen: Rasante Ausdehnung des Waldes bis 2500

„Die weiten arktischen Tundraflächen in Sibirien und Nordamerika werden massiv zurückgehen, weil sich die Baumgrenze aktuell langsam und in naher Zukunft sehr schnell nach Norden verschiebt. Im schlimmsten Fall wird die Tundra bis Mitte des Jahrtausends nahezu vollständig verschwinden“, sagt Ulrike Herzschuh, Leiterin der Sektion Polare Terrestrische Umweltsysteme am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). 

Um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Waldes in den nächsten Jahren darzustellen, nutzte AWI-Modellierer Stefan Kruse für die Simulation das AWI-Vegetationsmodell LAVESI. „Das Besondere an LAVESI ist, dass wir die gesamte Baumgrenze auf der Ebene von Individuen, also einzelnen Bäumen, darstellen können“, erklärt er. „Das Modell bildet dabei den kompletten Lebenszyklus von sibirischen Lärchen am Übergang zur Tundra ab. So können wir das Voranschreiten der Baumgrenze in einem immer wärmeren Klima sehr realistisch berechnen.“

Modellprognosen zeigen: Bleiben unsere Emissionen sehr hoch, droht bis zum Jahr 2100 eine Erhöhung der arktischen Sommertemperaturen um 14 Grad Celsius. In diesem Szenario könnten sich die Lärchenwälder mit bis zu 30 Kilometern pro Jahrzehnt nach Norden ausdehnen. Dies würde zu einem starken Schrumpfen der Tundraflächen führen, deren Gebiet durch den Arktischen Ozean begrenzt wird. Nur noch sechs Prozent der heutigen Fläche bleibe in diesem Fall übrig. 

Ambitionierte Klimaschutzziele und schnelle Umsetzung

„Nur mit sehr ambitionierten Klimaschutzzielen ist es noch möglich, größere Flächen zu retten“, sagt Eva Klebelsberg, Referentin für arktische Regionen beim WWF Deutschland, die sich in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut für die Ausweisung von Schutzgebieten einsetzt. So könnten mithilfe weitreichender, schnell umgesetzter Maßnahmen bis zum Jahr 2500 immerhin noch 30 Prozent der heutigen Tundra erhalten werden.

„Aber selbst dann bleiben im besten Fall langfristig nur zwei weit voneinander entfernte Refugien mit kleineren Tier- und Pflanzenpopulationen übrig, die sehr anfällig für störende Einflüsse sind“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, in den betroffenen Gebieten schon jetzt Schutzmaßnahmen und -gebiete auszuweiten, um Rückzugsgebiete für die einzigartige Biodiversität der Tundra zu erhalten.

Selbst wenn die Atmosphäre sich im Laufe der Jahrzehnte wieder abkühlen sollte, bliebe die bereits verschwundene Tundrafläche verloren, da der Lärchenwald sie nicht wieder freigeben wird, so die Forschenden. Umso wichtiger sei schnelles Handeln – zum Schutz der Tundra und ihrer Biodiversität. 

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