Forschungsprojekt zur Artenvielfalt: Wie viel Natur steckt in deutschen Gärten?

Rund 17 Millionen Privatgärten gibt es in Deutschland. Im Rahmen eines neuen Forschungsprojekts wird nun deren Biodiversität untersucht – und Gartenbesitzern in der Praxis gezeigt, was bei der naturnahen Gestaltung zu beachten ist.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 6. Mai 2022, 15:22 MESZ
Eine Biene saugt Nektar aus einer lilafarbenen Blüte.

Ein naturnaher, gesunder Garten bietet einer großen Anzahl verschiedener Tier- und Insektenarten Nahrung und Lebensraum.

Foto von Dustin Humes / Unsplash

Die deutsche Biodiversität leidet: Klimakrise, Bodenversiegelung und Schadstoffbelastung sind nur einige der Gründe für den Verlust der heimischen Artenvielfalt. Die Gefährdungsraten der Pflanzen- und Tierwelt sind mit 26 und 36 Prozent so hoch, dass Deutschland im europäischen Vergleich inzwischen einen Spitzenplatz belegt. Zudem gelten mehr als 70 Prozent der natürlichen Lebensräume hierzulande als gefährdet. 

Um zu erfahren, wie stark sich diese Entwicklung auch in privaten Gärten niederschlägt, und Wege aus der Abwärtsspirale zu finden, hat nun ein Zusammenschluss aus wissenschaftlichen Institutionen und kommunalen Partnern das Projekt gARTENreich ins Leben gerufen. Unter anderem beteiligen sich das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), der NABU, der Verein NaturGarten und die Friedrich-Schiller-Universität in Jena an dieser Studie, die vom Bundesforschungsministerium gefördert wird.

„Insgesamt gibt es zu Gärten und Privatgärten in Deutschland relativ wenig quantitative Daten – daher ist es auch ein Ziel des Projekts, mehr darüber herauszufinden“, sagt Dr. Alexandra Dehnhardt, Diplom-Agraringenieurin beim IÖW und Leiterin des gARTENreich-Projekts. „Experten gehen aber davon aus, dass die Gartenvielfalt abgenommen hat, vor allem durch eine zunehmende Versiegelung in den Gärten und die Wahl nicht-heimischer Pflanzen.“

Workshops für die Wissenschaft 

Im Zuge des Projekts sollen teilnehmende Gärten in der Stadt Gütersloh in Nordrhein-Westfalen und der Gemeinde Aumühle in Schleswig-Holstein naturnah gestaltet werden. Dafür wird zunächst in Workshops der aktuelle Wissensstand der Gartenbesitzer abgefragt und durch fehlende Informationen ergänzt. Außerdem wird vor Projektbeginn die vorhandene Artenvielfalt in den Gärten – die für die Dauer des Projekts zu sogenannten Reallaboren werden – analysiert, um eine Vergleichsgröße zu erhalten, an der hoffentlich eintretende Verbesserungen gemessen werden können. 

Die schrittweise Entwicklung hin zum Naturgarten wird in enger Zusammenarbeit mit den Teilnehmern stattfinden. In der jetzt beginnenden ersten Phase soll in den Workshops und einer deutschlandweiten repräsentativen Umfrage ermittelt werden, was Gartenbesitzer zur naturnahen Gestaltung motivieren kann – und was sie bislang davon abgehalten hat.

Mögliche Gründe dafür könnten etwa die Vorliebe für eine bestimmte Gartenästhetik sein oder ein fehlender grüner Daumen. Aber auch das Geld spielt oft eine Rolle. „Deshalb berücksichtigen wir in unserem Projekt neben naturschutzfachlichen Gesichtspunkten auch sozialwissenschaftliche Faktoren bis hin zu ganz praktischen Gesichtspunkten der Gartennutzung“, erklärt Alexandra Dehnhardt. 

Im Herbst und im Frühsommer 2023 starten dann Phase zwei und drei des Projekts. Nach dessen Abschluss soll ein Leitfaden erstellt werden, der Hobbygärtnern aber auch Kommunen konkrete Tipps an die Hand gibt, wie Garten- und Grünflächen artenfreundlich gestaltet werden können. „Zunächst wollen wir natürlich mehr Wissen darüber erlangen, wie die Gartengestaltung sich auf die Artenvielfalt auswirkt“, sagt die Projektleiterin. „Letztlich wollen wir aber auch über dieses Projekt hinaus ein Umdenken in der Bevölkerung hin zu einem ökologischen Wandel der Gesellschaft fördern.“ 

Heimische Pflanzen
Links: Oben:

Heimische Blumen sind bei Schmetterlingen besonders beliebt. 

Rechts: Unten:

Blühwiesen mit heimischen Pflanzen schaffen farbenfrohe Lebensräume für vielerlei Tierarten.

bilder von Stefanie Biel, NaturGarten e.V.

Wie gestaltet man einen Garten naturnah?

Dabei ist die Bemühung um Biodiversität mehr als eine Ideologie, denn wer die Artenvielfalt im Garten fördert, verbessert gleichzeitig dessen Gesundheit. „In einem gesunden Garten passen die Pflanzen zu ihrem Standort, also zu Boden- und Lichtverhältnissen“, sagen die Experten von NABU und NaturGarten. „Sie sehen dann vital aus, sind widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Fressfeinde und kommen zudem mit Klimaveränderungen besser zurecht.“

Gesunde Pflanzen locken wiederum Insekten und andere Tiere an – die bunte Mischung aus Tier- und Pflanzenarten stabilisiert das Gleichgewicht im Garten. 

Auch Gartenbesitzer, die nicht an dem Projekt teilnehmen, können aktiv werden und ihren Teil zu mehr Artenreichtum in deutschen Gärten beitragen. Als ersten Schritt raten NABU und NaturGarten dazu, sich beim Pflanzenkauf für heimische Wildpflanzen zu entscheiden: statt Bambus und Kirschlorbeer solle man lieber zu Liguster und Kornelkirsche greifen. Auch Wildstauden wie Wilde Malve, Natternkopf und die Wiesenmargerite gehören in einen naturnahen Garten. Pflanzen mit ungefüllten Blüten haben gegenüber denen mit gefüllten den Vorteil, dass mehr Staubblätter und damit mehr Pollen und Nektar für Insekten zur Verfügung stehen – und von diesen besser erreicht werden können. Wenn möglich, sollte es im Laufe der Saison immer mindestens eine Pflanze im Garten geben, die blüht, damit jederzeit ein Nahrungsangebot vorhanden ist.

Als weitere Maßnahmen schlägt Alexandra Dehnhardt das Aufstellen von Nisthilfen, das Einsähen von Wildblumenmischungen oder das Anlegen eines Teichs vor. Man kann aber auch durch Nichtstun viel erreichen, indem man eine Ecke des Gartens einfach verwildern lässt.

Bei allen guten Ratschlägen darf man laut Alexandra Dehnhardt aber auch die Bedürfnisse der Menschen, die den Garten pflegen und nutzen, nicht außer Acht lassen. „Wenn jemand einen ‚gepflegten‘ Rasen, der als Lebensraum für Tiere und Insekten wenig hergibt, schön findet und ihn gerne beispielsweise als Liegewiese nutzt, dann ist auch das zu berücksichtigen“, sagt sie. „Aber man kann Menschen dafür sensibilisieren und motivieren, weniger zu mähen, auf einem Teil der Rasenfläche blühende Wildpflanzen zuzulassen und neben dem Rasen ein Wildblumenbeet anzulegen.“

Denn in einem gesunden, naturnahen Garten leben viele Arten im harmonischen Gleichgewicht miteinander: Pflanzen, Tiere, Insekten – und auch der Mensch. 

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