So nützlich ist Herbstlaub in der Stadt

Allein in Berlin werden jährlich mehrere Dutzend Tonnen Laub gesammelt – und bislang kaum genutzt. Laut einer neuen Studie birgt es jedoch Potenzial zur klimafreundlichen Energiegewinnung.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 11. Nov. 2022, 08:51 MEZ
Gefallene Blätter werden mithilfe eines Laubbläsers zusammengetragen.

Gerade Städte, die aufgrund ihrer Grünanlagen besonders viel Herbstlaub entsorgen müssen, könnten in Zukunft durch innovative Nutzung der Blätter profitieren.

Foto von Олег Копьёв / Adobe Stock

Der Herbst und seine farbenfrohe Pracht: Wohin man auch sieht, erleichtern sich die Bäume und Sträucher von ihrem Blätterschmuck. Obwohl es schön anzusehen ist und vielen kleinen Tieren Schutz bietet, wird Laub entlang von Straßen und Wegen aus Sicherheitsgründen regelmäßig entfernt. So kamen im Jahr 2020 allein in Berlin 34.000 Tonnen Herbstblätter zusammen. Bislang wurden diese meist kompostiert – mit enormen Treibhausgasemissionen. 

Forschende des Potsdamer Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie und des Thaer-Instituts für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin haben sich nun mit einer anderweitigen Nutzung des Materials beschäftigt: In ihrer Studie vergleichen sie die anfallenden Emissionen bei der Kompostierung von Laub mit der Verwertung zur Energieerzeugung in Biogasanlagen. Die Ergebnisse am Fallbeispiel Berlin wurden in der Fachzeitschrift Resources, Conservation and Recycling veröffentlicht.

Wohin mit all dem Laub?

Herbstlaub wurde bisher kaum energetisch genutzt, obwohl es in rauen Mengen zur Verfügung steht. Zahlreiche Tonnen müssen davon jährlich eingesammelt werden, um verschiedenen Problemen entgegenzuwirken. Neben der erhöhten Unfallgefahr auf und neben den Straßen zählt beispielsweise die Verstopfung von Dachrinnen und Abwasserkanälen dazu. Auch eine eintretende Eutrophierung – also die Anreicherung von Nährstoffen in einem Ökosystem durch menschliche Aktivitäten – kann die Folge fehlendes Laubmanagements sein.

In Berlin fällt durch die zahlreichen Grünanlagen im europaweiten Vergleich besonders viel Biomasse an. Laut der Studie wurden dort im Jahr 2016 sogar rund 62.000 Tonnen Herbstlaub gesammelt und kompostiert. Der Prozess der Zersetzung verursachte 3225 Tonnen unterschiedlicher Treibhausgase, auch CO₂-Äquivalente oder CO2eq genannt. Neben Kohlendioxid kommt es bei der Kompostierung beispielsweise auch zur Bildung von Methan, Lachgas oder Ammoniak. Auch deshalb hat die Senatsverwaltung für Umwelt Verkehr und Klimaschutz bereits 2021 beschlossen, dass die Kompostierung von Laub und Grasschnitt bis Ende 2022 eingestellt werden soll.

Könnte eine klimafreundliche und energieeffiziente Nutzung von Herbstlaub nun also eine weitere kreative Innovation für die grüne Energie der Zukunft werden?

Biogas schlägt Kompost

Um diese Frage zu beantworten, verglich das Forschungsteam drei unterschiedliche Szenarien: Die einfache Kompostierung der Blätter, die Nutzung des Laubes für Biogaserzeugung und die Vorbehandlung des Laubwerks vor der Energiegewinnung in einer Biogasanlage. Mithilfe eines speziellen BIORIM-Modells, das die Auswirkungen der Nutzung biologischer Ressourcen ermitteln kann, errechneten die Forschenden für jedes Szenario sowohl die Treibhausgasemissionen als auch das Energieerzeugungspotenzial. 

Bei diesen Berechnungen wurden beispielsweise die unterschiedlichen Arten von Blättern und deren durchschnittliche Dichte berücksichtigt. Da das Laub vor der Kompostierung oder Zuführung in die Biogasanlage zunächst gesammelt werden muss, wurden auch die Herstellung sowie die Verwendung von Laubbläsern, Kehrmaschinen und Transportmitteln miteinbezogen.

Der Vergleich war mehr als eindeutig. Während die Kompostierung einer Tonne Laub zum Ausstoß von 49 Kilogramm Treibhausgasäquivalenten führte, schnitt die Verwertung von unbehandelten Blättern mit -140,1 Kilogramm CO2eq deutlich besser ab. Als noch besser erwies sich der Einsatz von – etwa in einem Silo – vorbehandeltem Laub mit -167,4 Kilogramm CO2eq. „Die vorbehandelten Blätter führten zu den niedrigsten Nettoemissionen und der höchsten Energieerzeugung pro Tonne Ausgangsmaterial“, heißt es in der Studie. 

Theorie und Praxis

Insgesamt zeigt die Studie laut den Forschenden, dass jegliche Maßnahmen, die zu einer verringerten Blattfäule führten, gleichzeitig die Nettoemissionen reduzierten und die Energieerzeugung erhöhten. In der Theorie wäre Herbstlaub also durchaus dafür geeignet, um neben Energiepflanzen, Exkrementen von Tieren oder sonstigen Bioabfällen in Biogasanlagen als Energiepotenzial eingesetzt zu werden. 

Für die Stadt Berlin könnte dieses Verfahren in Zukunft sogar zur Energieversorgung beitragen. Denn laut aktuellem Stand könnte mit siebeneinhalb Tonnen vorbehandeltem Laub der Jahresbedarf an Strom von einer Person gedeckt werden. Laut Ulrich Kreidenweis, Leiter der Arbeitsgruppe Bioökonomische Systemmodellierung am ATB und Mitautor der Studie, müsse man allerdings noch sehen, ob eine solche Maßnahme neben ökologischen auch ökonomische Vorteile hätte.

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