Es werde dunkel: Energiesparpläne kommen dem Artenschutz zugute

Deutschland spart Energie für den Winter: Immer mehr Großstädte schalten die Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten und öffentlichen Gebäuden ab. Weniger Ästhetik, dafür mehr Artenschutz: Vor allem für Insekten-Populationen ist die Dunkelheit ein Lichtblick.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 16. Sept. 2022, 08:42 MESZ
Der Fernsehturm in Berlin wird nachts nicht angestrahlt und ragt dunkel in den Himmel.

Dunkle Gebäude und Wahrzeichen: In vielen deutschen Großstädten geht seit Juli 2022 in der Nacht das Licht aus – wie hier am Alexanderplatz in Berlin. Die Energiesparmaßnahmen sind nicht nur positiv für die Umwelt, sondern auch für die Artenvielfalt.

Foto von Insa Germerott

Die Wassertemperatur in deutschen Schwimmbädern sinkt um ein paar Grad Celsius, Brunnen und Wasserspiele sind abgeschaltet, bekannte Sehenswürdigkeiten und Hochhäuser in den Großstädten bleiben nachts dunkel: Deutschland spart Energie für den kommenden Winter ohne russisches Gas. 

Die Maßnahmen, die im Juli dieses Jahres in Kraft getreten sind, beschäftigen die Mehrheit der Deutschen momentan stark. Dass die Energiesparpläne diverser Städte allerdings nicht nur Verzicht bedeuten, sondern auch positive Aspekte haben, zeigt sich beim Artenschutz. Denn die Lichtverschmutzung, die innerhalb der letzten Jahrzehnte stark zugenommen hat, hat einige Millionen Tiere bereits das Leben gekostet. Durch die Sparmaßnahmen bekommen Populationen die Möglichkeit, sich in der nächtlichen Dunkelheit wieder zu erholen.

Wissen kompakt: Lichtverschmutzung
Seit der Erfindung der Glühbirne hat künstliche Beleuchtung in Wohnungen, Straßen und am Himmel Einzug gehalten – mit unbeabsichtigten Folgen. Erfahrt mehr über die Arten der Lichtverschmutzung, ihre Folgen für die menschliche Gesundheit und ihre Auswirkungen auf das Leben wilder Tiere.

Lichtverschmutzung und Artensterben

Beleuchtete Flächen sowie ihre Lichtintensität nehmen weltweit jährlich um circa zwei Prozent zu. Das fanden Forschende im Jahr 2017 in einer Studie, die in der Zeitschrift Science Advances erschien, heraus. „Ein Resultat daraus ist, dass die Welt einen umfassenden ,Nachtverlust‘ erlebt, mit wesentlich abweichenden Helligkeit-Dunkelheit-Zyklen in halb Europa und in einem Viertel von Nordamerika“, erklären Erstautor Christopher Kyba und sein Team. Vor allem durch die energiesparende LED-Beleuchtung wurden Städte in den letzten Jahren immer heller. 

Laut dem NABU hat sich in Deutschland auch besonders der „Lichteintrag in ökologisch wertvolle Gebiete verdoppelt“. Das hat negative Folgen für Lebewesen und ganze Ökosysteme. Bäume, die im Straßenlaternenlicht ihre Blätter nicht abwerfen, können beispielsweise bei den ersten kalten Temperaturen Frostschäden bekommen. Und Vögel werden durch die erleuchteten Gebäude von ihrer Flugroute abgebracht. 

Am schlimmsten trifft die zunehmende Lichtverschmutzung allerdings Insekten: Sie werden von den künstlichen Lichtquellen angezogen – und sterben dabei zu Millionen. Entweder verbrennen sie im Licht oder schaffen es nicht mehr aus den Gehäusen der Beleuchtungen heraus, werden zur Beute anderer Tiere oder sterben durch den Aufprall an den beleuchteten Flächen. Zusätzlich lenkt sie das Licht von ihren Aufgaben als Bestäuber und Ökosystemdienstleister ab. Stefan Kress vom NABU Stuttgart erklärt: „Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass damit die Lichtverschmutzung einen beachtlichen Anteil am dokumentierten Insektenrückgang zu verantworten hat.“

“Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die Lichtverschmutzung einen beachtlichen Anteil am dokumentierten Insektenrückgang zu verantworten hat.”

von Stefan Kress
NABU

Energiesparen für den Artenschutz

Da das Insektensterben fatale Folgen für die Nahrungsnetze und Ökosysteme auf der ganzen Welt und auch für uns Menschen hat, wurden bereits 2021 Maßnahmen gegen die Lichtverschmutzung im neuen Bundesnaturschutzgesetz verankert. Es schreibt zum Beispiel vor, dass wildlebende Tier- und Pflanzenarten innerorts „vor nachteiligen Auswirkungen durch Lichtemissionen geschützt” werden sollen, indem die Technik und Konstruktion der Lichtanlagen darauf ausgerichtet konzipiert wird. 

Zu lang, zu hell, zu viel: Insgesamt gibt es aber trotzdem – vor allem in den großen Städten – zu viel Licht, das zu hell eingestellt ist und zu lange unnötig brennt. Hier kommen die Energiesparpläne der deutschen Städte gerade recht: Rainer Michalski vom NABU Rheinhessen äußert gegenüber dem SWR, dass die größtenteils nachtaktiven Tiere die künstliche Beleuchtung nicht gewöhnt seien. Ihre Biorhythmen verändern sich durch das Licht in der Nacht – weniger davon würde dementsprechend helfen. 

Das Fazit: Je dunkler die Städte gehalten werden und je mehr auf künstliche Lichtquellen verzichtet wird, desto besser können die Tiere ihren natürlichen Gewohnheiten nachgehen. Laut Michalski würde sogar das Abschalten von Teilen der Lichter in Großstädten bereits Wirkung zeigen. Schon dunkle Hochhäuser könnten helfen, dass weniger Insekten gegen ihre Lichtflächen flögen und verendeten.

Tipps für Privathaushalte 

Mit ein paar kleinen Veränderungen können viele Insekten gerettet und dem Artensterben vorgebeugt werden. Der NABU Stuttgart rät: Licht mit geringem Blauanteil verwenden und stattdessen lieber auf warmweiße Beleuchtung setzen. Lichtquellen am besten so tief wie möglich mit einem geraden Lichtkegel nach unten installieren – so werden bereits deutlich weniger Insekten angelockt. Und vor allem auf Solarleuchten und LED-Lichter sollte im eigenen Garten weitestgehend verzichtet werden, denn diese seien besonders schädlich. 

Mit den Tipps vom NABU können nicht nur die derzeitigen Sparmaßnahmen in ganz Deutschland die Erholung der betroffenen Arten fördern, sondern auch jeder Privathaushalt. Die neue ,Dunkelheit‘ in den deutschen Städten: ein Lichtblick für Ökosysteme und die Artenvielfalt. 

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