Umwelt

Kautschuk - Die Gier nach Gummi

Jährlich werden weltweit zwei Milliarden Reifen aus Kautschuk produziert. Ohne den Rohstoff würde die Weltindustrie stillstehen – aber sein Anbau könnte in Südostasien zu einer ökologischen Katastrophe führen.

Von Charles C. Mann
Kautschuk - Die Gier nach Gummi

Zusammenfassung: Der wachsende Bedarf an Gummi stellt die Weltbevölkerung vor eine große Herausforderung. Südostasiatische Farmer holzen für den Anbau von Kautschukplantagen einheimische Wälder ab, was zur Zerstörung der Artenvielfalt führt. Des Weiteren sind die entstandenen Monokulturen sehr anfällig für Krankheiten, was wiederum zum Erliegen der Wirtschaft führen könnte. Doch die Industrie ist abhängig von Gummi und der Kautschukboom bringt vielen Menschen in Asien Wohlstand. Charles C. Mann untersucht die politische, ökologische und soziale Rolle von Kautschuk.

Die Frühlingssonne scheint, das ganze Dorf ist auf den Beinen, und Piyawot Anurakbranpot steht mit seinem Auto im Fluss. Er hat den Pick-up extra hierhergefahren, mitten in den Strom, der durch Tung Nha Noi fließt, Kühe und Menschen spazieren vorbei und bestaunen, wie er seinen nagelneuen schicken weißen Isuzu poliert, bis er strahlt.

Es ist ja nicht selbstverständlich, dass einer wie „Chin“, so nennen ihn seine Freunde, ein solch teures Auto fährt – mit 21 Jahren. Genauer gesagt war das vor nicht allzu langer Zeit hier in Tung Nha Noi im Norden Thailands noch unvorstellbar. Aber seit einiger Zeit geht es für Familien wie die von „Chin“ aufwärts. Den Grund dafür sieht man, wenn man auf die Berge blickt. Vor zehn Jahren waren sie hier noch mit dichtem Tropenwald bewachsen. Jetzt sind die meisten Hänge abgeholzt und mit einer einzigen Art neu bepflanzt: Hevea brasiliensis. Kautschukbäume.

Jede Nacht geht „Chins“ Familie wie Zehntausende andere in Südostasien in die Plantagen, zapft die Bäume an und lässt dicke weiße Kautschukmilch in kleine Eimer tropfen. Die klebrige Latexmasse wird dann mithilfe chemischer Zusatzstoffe in einen festen Stoff umgewandelt, zu Matten gewalzt und in Fabriken zu Riemen, Dichtungsringen, Isolierstoffen weiterverarbeitet – und zu vielen, vielen Gummireifen. Etwa drei Viertel des weltweit gewonnenen Kautschuks geht in die Produktion von Reifen für Autos, Lastwagen und Flugzeuge – fast zwei Milliarden im Jahr.

Kautschuk ist so alltäglich, so unauffällig, so langweilig, dass man ihn gerne übersieht. Doch das ist ein Fehler. Der Kautschuk hat mehr als 150 Jahre in der politischen und ökologischen Geschichte eine zwar verborgene, aber große Rolle gespielt. Keine industrielle Revolution wäre ohne ihn möglich. Denn für eine solche braucht man drei Rohstoffe: Eisen zur Stahlerzeugung für Maschinen, fossile Brennstoffe für deren Antrieb – und Gummi, um alle beweglichen Teile zu verbinden und zu schützen. Versuchen Sie mal, ohne Keilriemen Auto zu fahren oder Ihre Waschmaschine laufen zu lassen. Oder die Kühlflüssigkeit statt mit einem flexiblen Gummischlauch mit einem starren Metallrohr durch den Motor zu leiten. Viel Glück!

Die meisten Menschen denken bei Gummi an Produkte aus synthetischen Stoffen. Dabei wird mehr als 40 Prozent des Gummis weltweit von Bäumen gewonnen, hauptsächlich vom Hevea brasiliensis. Im Vergleich zu Naturkautschuk ist synthetischer Kautschuk in der Herstellung billiger, dafür aber auch weniger haltbar und weniger flexibel. Für alle Dinge, die absolut verlässlich funktionieren müssen – Kondome, OP-Handschuhe, Flugzeugreifen – ist Naturkautschuk die erste Wahl.

Eisen gibt es fast überall auf der Erde, fossile Brennstoffe auch. Aber Kautschuk wird aus- schließlich in Südostasien angebaut, nur dort gibt es sowohl das Klima als auch die Infrastruktur dafür. Die Region erlebt eine Art Goldrausch, denn egal ob die Weltwirtschaft gerade anzieht oder einbricht: Langfristig wächst die Nachfrage nach Reifen. Millionen Menschen in diesem armen Teil der Welt hat der Kautschukboom Wohlstand gebracht: In Tung Nha Noi ist „Chin“ nicht der Einzige mit einem teuren Pick-up. Der Gummi hat die Region auch aus der Isolation geführt: Nagelneue „Kautschukstraßen“ verbinden heute die früher abgelegenen Plantagen mit den Reifenfabriken in Nordchina.

Aber der Kautschukhandel hat auch etwas ausgelöst, das Jefferson Fox vom East-West Center in Hawaii als „eine der größten und raschesten ökologischen Veränderungen in der Menschheitsgeschichte“ beschreibt: In China, Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha und Myanmar roden Bauern Wälder und ersetzen sie mit Kautschukbäumen. Sie verwandeln eines der vielfältigsten Ökosysteme der Welt in eine Monokultur und gefährden womöglich elementare natürliche Prozesse in einer von zig Millionen Menschen bewohnten Region. Jeder Reifen an „Chins“ Pick-up – und jeder Reifen an unseren Autos – ist ein winziges Stück Tropenwald, gerodet und zu einem schwarzen Ring zusammengepresst.

Monokulturen sind äußerst produktiv – und äußerst anfällig. Henry Ford machte diese bittere Erfahrung schon vor fast 90 Jahren. Der Automobilgigant betrieb eigene Eisen- und Kohlegruben, baute Kraftwerke, holzte Wälder ab. Zu seinem Werkkomplex River Rouge in Dearborn, Michigan, gehörten ein Tiefwasserhafen, die damals weltgrößte Stahlgießerei und 160 Kilometer Schienenstränge. Alles, was man für die Autoherstellung brauchte, wurde in River Rouge produziert – mit Ausnahme von Gummi. Also kaufte Ford 1927 im Amazonasbecken, der ursprünglichen Heimat des Kautschukbaums, 10.400 Quadratkilometer Land – eine Fläche etwa halb so groß wie die Mecklenburg-Vorpommerns.

Seit Jahrhunderten schon hatten die Ureinwohner dort ihre Kleidung mit Gummi wasserdicht gemacht und grobe Gummistiefel gefertigt. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Nordamerikaner angefangen, den Gummi zu importieren und daraus selbst Stiefel und Mäntel herzustellen. Doch diese ersten Kautschukprodukte schmolzen in der Sommerhitze, und bei Kälte wurden sie brüchig. Erst ab den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug des neuen Materials, nachdem der Autodidakt und Erfinder Charles Goodyear die Vulkanisation entwickelt hatte – ein Verfahren, das Kautschuk widerstandsfähiger macht.

Nun begaben sich Naturforscher im Amazonasregenwald auf die Suche nach latexhaltigen Bäumen. Boomtowns wie das brasilianische Manaus entstanden. In dieser im tiefsten Urwald errichteten Stadt bauten die Kautschukbarone riesige Villen und ein prunkvolles Opernhaus aus italienischem Carrara-Marmor.

In Europa und Nordamerika wollte man allerdings ungern von einem Rohstoff abhängig sein, der aus einem Land außerhalb des eigenen politischen Einflussbereichs stammte. In England beschlossen die Direktoren der Kew Gardens, des Königlichen Botanischen Gartens in London, jemanden mit der Beschaffung von Kautschuksamen aus dem Amazonasgebiet zu beauftragen. Sie stießen auf Henry Alexander Wickham, einen Mann, der bis heute in Brasilien verachtet wird.

Wickham war ein Abenteurer, dessen Ambitionen so groß waren wie seine Unfähigkeit, ihnen gerecht zu werden. In den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts versuchten er und seine Frau sich in Santarém am unteren Amazonas als Tabak- und Zuckerpflanzer. Im Auftrag von Kew Gardens sammelte Wickham mehr als eine halbe Tonne Kautschuksamen und verschiffte sie in Richtung London. Die aus den 70.000 Samen gezogenen Setzlinge wurden in die britischen, französischen und holländischen Kolonien in Asien gebracht, wo angehende Kautschukbarone mit geschärften Äxten und lodernden Fackeln den Regenwald abholzten.

Um 1910 wuchsen schon mehr als 50 Millionen der importierten Bäume in Asien. Als asiatischer Kautschuk im Jahr darauf den Markt überschwemmte, brachen in Brasilien die Preise ein. Zum Zorn und Entsetzen der Brasilianer kam ihr profitables Geschäft innerhalb von Monaten zum Erliegen. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich Hevea brasiliensis in Malaysia, Indonesien und Thailand, Kambodscha, Vietnam und Myanmar. Südostasien wurde zum Zentrum der Kautschukproduktion. Die Plantagenbesitzer investierten ihren über Nacht gewonnenen Reichtum in Grundstücke in Singapur, und Wickham, gefeierter Begründer eines neuen Industriezweigs, trug inzwischen eine Krawattenklammer aus Nautilusmuschel, eine Weste mit Silberkettchenverschlüssen und einen Schnauzbart, der unter seiner Nase rankte wie eine tropische Pflanze.


Er starb 1928, ein Jahr nachdem Henry Ford seine Plantage am Fluss Tapajós im unteren Amazonasbecken gekauft hatte. Ford hatte beschlossen, selbst Kautschuk zu produzieren, um sich von Importen aus Asien unabhängig zu machen. Tausende Arbeiter zogen im Regenwald eine Stadt nach amerikanischem Vorbild hoch: mit einstöckigen Schindelhäusern, baptistischen Kirchen und einer Hauptstraße mit amerikanischen Bäckereien, Restaurants, Schneidern, Schuhmachern und Kinos. „Fordlandia“, wie das Projekt genannt wurde, hatte den einzigen 18-Loch-Golfplatz am Amazonas. Mehrere Hunderttausend Menschen hätten dort wohnen können. Insgesamt investierte Ford 20 Millionen Dollar, heute wären das fast 300 Millionen Dollar.

Fordlandia wurde zu einem beispiellosen Desaster. Die Plantage war für den großangelegten Kautschukanbau ungeeignet – der Boden zu sandig, die Niederschläge unberechenbar. Hätte Ford einen Botaniker um Rat gefragt, hätte der ihm sicher auch erklärt, dass Kautschukbäume in der Wildnis aus gutem Grund nie eng beieinanderstehen: Sie sind anfällig für die Südamerikanische Blattfallkrankheit.

Für Microcyclus ulei, die parasitären Schlauchpilze, die die Krankheit auslösen, sind Kautschukbäume mehr als eine Mahlzeit. „Der Pilz tötet die Kautschukbäume nicht sofort“, schreibt der Historiker Greg Grandin in seinem Buch „Fordlandia“. Stattdessen dringen die Sporen in die Blätter ein und verbrauchen deren Nährstoffe, bis sie abfallen. Sobald die Blätter nachwachsen, greift der Pilz wieder an.

Es ist ein stiller, zehrender Kampf, der für den Baum meist tödlich verläuft. In der Wildnis allerdings können die Sporen des Microcyclus ulei nicht ohne Weiteres von einem Wirt auf den nächsten überspringen, weil die Bäume weit auseinanderstehen. Aber auf einer Plantage wachsen sie dicht an dicht, und der Pilz kann wandern. Ford hatte einen riesigen Brutkasten für schädliche Pilze geschaffen.

Es geschah, was geschehen musste: 1935, nach nur wenigen Monaten, waren Fordlandias Kautschukbäume kahl – ökonomisch der Ruin. Zehn Jahre später verkaufte Ford das Land wieder, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises. Und auch in den folgenden Jahrzehnten scheiterten alle Versuche, in Mittel- oder Südamerika eine Kautschukplantage zu betreiben. Der Pilz war stärker.

In So Phisai in Thailand riecht die Luft nach Nagelstudio. Das liegt an der Ameisensäure, die verwendet wird, um Latex in eine homogene Kautschukmasse umzuwandeln. Dieser Geruch ist auch der Geruch des Geldes.

In So Phisai wären viele gern wie Sommai Kaewmanee. Der Sohn landloser Wanderarbeiter hatte sich 1992 Geld geliehen und damit die ersten Kautschukbäume der Stadt gepflanzt. Damals, so erzählt er mir, bauten alle in So Phisai Maniok an und kamen finanziell kaum über die Runden. Junge Leute mussten nach Bangkok ziehen, um eine anständige Arbeit zu finden. Kaewmanee überredete drei weitere Farmer mitzumachen und pflanzte 1500 Bäume an. Wer auf Kautschuk setzt, versprach er seinen Mitstreitern, wird Millionär.

Während meines Besuchs zeigt mir Kaewmanee die Buchhaltung seiner Kautschukplantage. Wenn man die Zahlen in einem Diagramm darstellt, dann ähnelt der Kurvenverlauf dem Trend im weltweiten Autohandel: Es geht aufwärts, nicht geradewegs, aber doch unaufhaltsam. Von seinem allmählich gestiegenen Kautschukreichtum kaufte sich Kaewmanee ein neues Haus, einen schicken Geländewagen und die tragbaren elektronischen Geräte, auf die seine Kinder pausenlos starren, wenn sie aus der Schule zurück sind. Kaewmanee wurde landwirtschaftlicher Berater für seinen Bezirk, in dem heute 90 Prozent der Farmer Kautschukbäume anbauen. Er besitzt jetzt 75.000 Bäume; seine Baumschule verkauft jährlich eine Million Setzlinge. In der Umgebung von So Phisai gebe es noch genug Waldflächen, sagt er, die man ohne Weiteres für die Kautschukproduktion nutzen könne.

Kaewmanee verdankt sein Haus und sein Auto chinesischen Wissenschaftlern. Als Kautschuk in Südostasien eingeführt wurde, wuchs er zunächst nur in den warmen und feuchten Wäldern in der Nähe des Äquators, im heutigen Indonesien, Malaysia und im Süden Thailands, Kambodschas, Vietnams und Myanmars – in Ländern mit ähnlichem Klima wie in der Heimat des Kautschuks am Amazonas.

Während des Koreakrieges hatten die USA ein Kautschukembargo gegen China verhängt. Wutentbrannt begannen die Chinesen, Sorten zu züchten, die auch in dem relativ kühlen Bezirk Xishuangbanna in der Provinz Yunnan gediehen, an der Grenze zu Laos und Myanmar. Xishuangbanna nimmt nur 0,2 Prozent der Landfläche Chinas ein, ist aber bekannt für seine biologische Vielfalt: 16 Prozent der Pflanzen-, 22 Prozent der Tier- und 36 Prozent der Vogelarten Chinas sind hier zu finden.

All das droht mittlerweile dem Kautschukanbau zum Opfer zu fallen. Die chinesische Armee legte staatliche Plantagen mit neuen, kälteresistenten Bäumen an. Kleinere Farmer übernahmen bald die meisten übrig gebliebenen Flächen. Wenn man heute in Xishuangbanna auf einen Berg steigt und sich umschaut, sieht man überall nur Kautschukbäume.

Für die Herstellung eines Reifens braucht man ungefähr die monatlichen Latexerträge von vier Bäumen. Xishuangbanna ist nicht annähernd groß genug, um den ständig steigenden Bedarf in Asien zu decken. Dank staatlicher Förderung haben sich Kautschukplantagen neuerdings aber auch in Laos, Myanmar, Thailand, Kambodscha und Vietnam breitgemacht. Das Ergebnis: Die globale Kautschukproduktion stieg von vier Millionen Tonnen im Jahr 1983 auf heute etwa zwölf Millionen Tonnen. Der Preis: Für den Anbau wurden in Südostasien mehr als 46.000 Quadratkilometer Wald gerodet, eine Fläche von der Größe Niedersachsens.

Das schnelle Wachstum hat in Kombination mit einer zuletzt gesunkenen Nachfrage dazu geführt, dass die Kautschukpreise in den vergangenen Jahren gefallen sind; trotzdem sieht man überall im Norden von Laos lodernde Feuer in den Bergen – gelegt von Familien, die Waldstücke für neue Anbauflächen roden. Die Bewohner ganzer Dörfer stehen nachts um zwei Uhr auf und zapfen Bäume an, weil der Latex vor der Morgendämmerung am besten fließt.

Die Risiken dieser Vorgehensweise gehen weit über den Verlust der Artenvielfalt hinaus. Die Kautschukbäume auf den neuen Plantagen stammen von den Samen, die Wickham einst aus Brasilien geschmuggelt hatte – und sie sind genauso anfällig für die Südamerikanische Blattfallkrankheit. Schon in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts gab es Warnungen, dass eine einzige eingeschleppte Spore das Automobilzeitalter zum Stillstand bringen könnte.

„Mit jedem Transkontinentalflug, der in Südostasien landet, wächst die Wahrscheinlichkeit einer ökonomischen Katastrophe“, mahnten 2012 zwei Forscher der Florida A&M University. Ein Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen empfiehlt sogar die Überprüfung aller nach Südostasien fliegenden Passagiere, die sich in den vorangegangenen drei Wochen im Ausbreitungsgebiet der Krankheit aufgehalten haben.

Umgesetzt wurde dieser Vorschlag nicht. Und während Wissenschaftler in Brasilien bereits mit Tests für resistente Kautschukarten begonnen haben, verzichtet Asien auf solche Zuchtprogramme. Bei meinen vier Aufenthalten habe ich dort keinen einzigen Farmer getroffen, der darüber nachgedacht hätte.

Möglicherweise noch besorgniserregender ist der hohe Wasserverbrauch bei der Produktion von Gummi. Was den regionalen Wasserhaushalt anbelangt, ist das Reifenherstellen, als würde man Grundwasser aus den Bergen pumpen, direkt in Tankwagen füllen und exportieren. Die Folge ist, dass Brunnen und Flüsse austrocknen, erklärt Xu Jianchu vom World Agroforestry Centre. Die Antwort der Industrie auf diese Bedenken kennt er: „Es gibt doch Wasser in Plastikflaschen!“ Ganz Südostasien wird bald mit Kautschukbäumen übersät sein. „Es hört erst auf, wenn von staatlicher Seite eingegriffen wird“, sagt Xu.

An einem nebligen und ziemlich kühlen Tag fahre ich in das Nationale Naturreservat Na- banhe in Xishuangbanna. Liu Feng, Forschungsdirektor des Schutzgebiets, und Gerhard Langenberger, Agrarökologe an der Universität Hohenheim in Stuttgart, begleiten mich. Die Landschaft wechselt zwischen Plantagen und wilder Natur und erinnert mich an den Flickenteppich aus Feldern und Wäldern in meiner Heimat Neuengland. Wir fahren in das Reservat, weil es laut Liu und Langenberger ein Beispiel dafür ist, wie Kautschuk mit einem natürlichen Ökosystem koexistieren könnte.

Anders als die meisten Naturschutzgebiete ist Nabanhe voller Menschen. Auf 260 Quadratkilometern gibt es 33 Dörfer mit insgesamt 6000 Einwohnern. Das Gebiet ist in drei Zonen gegliedert. Die Kernzone ist ein Totalreservat, in dem Menschen nichts zu suchen haben. Daran grenzt eine Pufferzone, in der Menschen leben, die die Ressourcen aber nur begrenzt nutzen dürfen. Der äußere Bereich ist eine experimentelle Zone, in der unter anderem Kautschuk angebaut werden darf. „Das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten ist schwierig“, sagt Liu.

Am selben Nachmittag sehen wir, wie Dorfbewohner illegal hochgezogene Kautschukpflanzen ausreißen. Nachbarn haben die kleine Plantage gemeldet. Die Forstpolizei überwacht den Abtransport der Pflanzen. Die Strafen für die Besitzer fallen milde aus, sie sollen lediglich an die Regeln erinnert werden. „Ich mache den Farmern keinen Vorwurf “, sagt auch Langenberger. „Sie waren so lange arm. Jetzt haben sie endlich ein Produkt, das ihnen Zugang zum Weltmarkt verschafft.“ Die Wissenschaftler, sagt er, sollten lediglich die Fakten liefern und es den Leuten vor Ort überlassen, wie sie mit der Landschaft umgehen wollen. Sie könnten – und sollten – sie nicht davon abhalten, Kautschuk anzubauen.

Das ist momentan die Herausforderung, vor die der Kautschuk uns stellt: Der Naturschutz will am liebsten jegliche menschliche Aktivität verbieten, um den lebenswichtigen Regenwald zu erhalten; die Industrie hingegen würde am liebsten jede Parzelle mit Kautschukbäumen überziehen. Das Nabanhe-Reservat, so Langenbergers Hoffnung, könnte ein Wegweiser sein, wie beides zusammen funktioniert.

Es ist ein Experiment, das aus einem kleinen Winkel ein ermutigendes Signal in unsere vernetzte Welt aussendet. In eine Welt, in der wenig ohne diesen unscheinbaren Stoff namens Kautschuk funktioniert – und die zugleich von ihm bedroht ist.

Aus dem Englischen von Dr. Ina Pfitzner

(NG, Heft 01 / 2016, Seite(n) 76 bis 95 )

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