Prähistorische „Seeungeheuer“ waren womöglich größte Tiere der Erdgeschichte

Die Knochen eines etwa 26 Meter langen Ichthyosauriers lassen vermuten, dass andere Knochenfunde aus England womöglich noch größeren Kolossen zuzuschreiben sind.Mittwoch, 11. April 2018

Von John Pickrell
Diese Illustration zeigt den Shonisaurus. Der 21 Meter lange Ichthyosaurus ähnelt dem Exemplar, zu dem der neue Fossilfund gehört.

Im Südwesten Englands wurden die Überreste eines gewaltigen Meeresreptils entdeckt. Der Ichthyosaurier lebte vor etwa 205 Millionen Jahren und war bis zu 26 Meter lang – fast so lang wie ein Blauwal, wie die Autoren einer Studie in „PLOS ONE“ berichten, in der das Fossil beschrieben wird.

Der moderne Blauwal gilt seit Langem als das größte Tier, das je gelebt hat. Aber der aktuelle Fund und ähnliche faszinierende Fossilien lassen vermuten, dass in den Meeren der Erde einst vielleicht noch größere Wesen schwammen.

RIESENREPTIL

Die Ichthyosaurier waren die meeresbewohnenden Zeitgenossen der Dinosaurier. Ihre Körperform ähnelte grob der heutiger Delfine. Ihre größte Artenvielfalt erreichten sie vor etwa 210 Millionen Jahren im späten Trias, wobei einige noch bis in die späte Kreidezeit hinein existierten. Etwa 25 Millionen Jahre vor dem großen Massenaussterben der nicht flugfähigen Saurier verschwanden sie jedoch aus dem Fossilbericht.

Der zusammengesetzte Kieferknochen gehörte einem 26 Meter langen Ichthyosaurier.

Die meisten Ichthyosaurier waren deutlich kleine als das neu entdeckte Exemplar – einige ebenfalls in Großbritannien gefundene Exemplare waren sogar nur 1,5 bis 3,3 Meter groß.

FOSSILSTRAND

Der Fossiljäger und Co-Autor der Studie Paul de la Salle durchkämmte im Mai 2016 den Strand bei Lilstock in Somerset, als er einen großen, rätselhaften versteinerten Knochen fand. Mit der Vermutung, dass es sich um einen Ichthyosaurier handeln könnte, schickte er Bilder des Knochens an die Experten für Meeresreptilien Dean Lomax an der Universität Manchester und Judy Massare an der SUNY Brockport in New York.

Weitere Suchen offenbarten fünf Fossilbruchstücke, die zusammen einen knapp einen Meter langen Knochen bildeten, den Wissenschaftler als Teil des Unterkiefers eines Ichthyosauriers identifizierten. Aufgrund der Größe des Knochens glauben die Wissenschaftler, dass dieser Ichthyosaurier größer als alle bisher bekannten Exemplare war.

Lomax und Massare reisten nach Alberta in Kanada, um ein vollständigeres Fossil von Shonisaurus sikanniensis zu untersuchen, einem 21 Meter langen Ichthyosaurier, der 2004 gefunden wurde. Sie verglichen das neue Fossil mit dem gleichen Knochen im Kiefer des Shonisaurus und stellten fest, dass er 25 Prozent größer ist. Das Team übertrug diese Zahl auf die Gesamtkörpergröße und kam so zu der Schätzung von 26 Metern.

Diese Rekonstruktion des riesigen Ichthyosauriers Shonisaurus zeigt seine Skelettstruktur und sein mögliches Erscheinungsbild zu Lebzeiten.

NOCH MEHR RIESEN

Lomax zufolge hat die Entdeckung dazu geführt, dass das Team eine ganze Reihe von einzelnen Knochenfunden in der Nähe des Dorfes Aust im englischen Gloucestershire neu bewertet hat. Manche davon wurden schon 1850 entdeckt. Diese Fundstücke wurden lange als Knochen terrestrischer Dinosaurier interpretiert, aber so ganz schlüssig sei das nie gewesen.

Schließlich erkannten die Wissenschaftler, dass all diese Stücke ebenfalls zu riesigen Ichthyosauriern gehörten – womöglich sogar zu solchen, die noch größer als das kürzlich identifizierte Exemplar waren.

„Wir haben sie mit diesen Knochen von Aust verglichen, und als ich sie persönlich sah, ist mir einfach die Kinnlade runtergeklappt“, sagt Lomax. „Mir wurde klar, dass es sich um einen riesigen Ichthyosaurier handelte, und um das größte [Tier], das jemals im Vereinigten Königreich gefunden wurde.“

Darren Naish, ein Paläontologe von der Universität von Southampton, stimmt ebenfalls zu, dass die Größe dieser Knochen verblüffend ist. Er gehört zu einem Team, das die Knochen von Aust vor Kurzem untersucht hat und ebenfalls zu dem Schluss kam, dass sie zu einem gigantischen Ichthyosaurier gehören.

Er stimmt mit den Größenschätzungen der Studienautoren überein und sagt, dass diese Tiere „an die Größe diverser riesiger Bartenwale herankamen oder sie sogar überschritten.“

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