Der Raumfahrtsektor braucht eine neue Sprache der Inklusion

Der Weltraum soll allen Menschen offenstehen – und deshalb nicht mit der Geschichte der gewaltsamen Eroberung verglichen werden. Montag, 26. November 2018

Wenn es um das Thema der Erforschung des Weltraums geht, werden oft Vergleiche zur Erforschung unseres eigenen Planeten herangezogen. Mal geht es um die europäische Eroberung und Kolonisierung des amerikanischen Kontinents, mal um die Frontier-Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, als die europäischen Siedler es als ihre Pflicht und ihr Schicksal ansahen, sich gen Westen hin über den gesamten Kontinent auszubreiten.

Zunehmend erkennen Regierungen, Journalisten und interessierte sowie beteiligte Parteien jedoch, dass solche Narrative aus rassistischen und sexistischen Ideologien hervorgingen, die geschichtlich gesehen zur Unterdrückung und Vernichtung indigener Kulturen geführt haben. Die Barrieren, die dadurch entstanden, sind noch heute spürbar.

Damit die Zukunft der Menschheit fern der Erde weniger zerstörerisch und stattdessen offen für alle ist, bemühen sich viele, die Sprache zu formen, die bei der Beschreibung der Weltraumforschung verwendet wird. Viele Gespräche drehen sich um die Nutzung inklusiver Sprache, die „Dekolonisierung“ der künftigen Weltraumreisen sowie der Wissenschaft im Allgemeinen.

„Sprache macht einen Unterschied, und es ist einfach wichtig, inklusiv zu sein“, sagte der NASA-Astronaut Leland Melvin während eines Vortrags an der University of Virginia.

Die Astronomin Lucianne Walkowicz, die Teil der National Geographic-Serie „MARS“ ist, hat den Lehrstuhl für Astrobiologie an der US-Kongressbibliothek inne und befasste sich im letzten Jahr mit der Ethik der Marserforschung. National Geographic sprach vor Kurzem mit Walkowicz über die Probleme, die altmodische Sprachnutzung mit sich bringen kann, sowie einige Lösungsansätze.

Warum ist es so wichtig, auf unsere Wortwahl zu achten, wenn wir von der Erforschung des Weltraums sprechen?

Die Sprache, die wir benutzen, kontextualisiert automatisch die Dinge, über die wir sprechen. Wenn es um die Erforschung des Weltalls geht, müssen wir also berücksichtigen, wie wir darüber sprechen und welche Bedeutung [unsere Worte] durch die Geschichte der Erforschung hier auf der Erde tragen. Selbst wenn Worte wie „Kolonisierung“ jenseits der Erde, beispielsweise auf dem Mars, einen anderen Kontext haben, ist es trotzdem nicht in Ordnung, diese Narrative zu verwenden, weil sie so die Geschichte der Kolonisierung hier auf der Erde auslöschen. Das ist im Grunde ein zweifacher Effekt, bei dem gleichzeitig unsere Zukunft gestaltet und unsere Vergangenheit gewissermaßen überarbeitet wird.

Was für problematische Narrative schwingen bei dem Wort „Kolonisierung“ mit?

Ein Narrativ, das oft auftaucht, bezieht sich auf die Geschichte der europäischen Besiedlung Amerikas. Ich höre Leute mitunter von den ersten europäischen Siedlern reden, als wäre das so eine romantische, heroische Geschichte über Menschen, die sich in einer rauen Umgebung durchschlugen. Aber natürlich gab es in Amerika bereits Menschen, als das passierte.

Außerdem ging die Besiedlung Amerikas durch Europäer oft mit dem Genozid der indigenen Bevölkerung einher. Ich glaube, speziell unter weißen Amerikanern ist es gar nicht so intuitiv, die Geschichte von den Reisen Kolumbus’ als eine Geschichte des Genozids zu betrachten. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass es genau das war.

Viele dieser historischen Begebenheiten sind auch untrennbar mit der Geschichte der Sklaverei verbunden. Wenn wir beispielsweise darüber sprechen, wie aus der Handvoll Siedler in den Kolonien Virginias zehntausende Menschen wurden, ist es wichtig, sich klar zu machen, dass etwa die Hälfte davon gegen ihren Willen dorthin gebracht wurde und viele unterwegs starben.

Gab es in unserer Geschichte eine Begebenheit, in der die Erforschung der Welt nicht zur Unterwerfung einheimischer Kulturen führte?

Was ist mit „unsere“ gemeint?

Die Erde. Gibt es ein Narrativ, das wir benutzen können und das nicht nur vorgibt, eine Erfolgsgeschichte zu sein?

Das ist eine Frage für Geschichtswissenschaftler. Ich bin keine Historikerin, aber ich kann Ihnen sagen, dass es vermutlich kein Narrativ gibt, auf das man sich stützten kann, das nicht völlig verklärt ist. Es geht darum, nicht einfach achtlos solche Narrative zu benutzen, die vielen Menschen noch immer schaden.

Welche anderen Begriffe außer „Kolonisierung“ finden Sie problematisch, wenn es darum geht, die Erforschung des Weltalls zu beschreiben?

Ich denke, ein weiterer ist „Siedlungen“. Der wird oft verwendet und hat ein paar offensichtliche Konnotationen, die sich auf den Konflikt im Mittleren Osten beziehen. Ich denke, dass Leute den recht oft benutzen, wenn sie über Menschen sprechen, die auf einem anderen Planeten leben.

Stattdessen benutze ich lieber ein paar Worte mehr, zum Beispiel „Menschen, die auf dem Mars leben“, oder etwas, das eben länger ist, aber deutlicher macht, wovon ich spreche. In den Siebzigern gefiel Carl Sagan die Idee von „Weltraumstädten“, weil in Städten generell viele verschiedene Menschen leben. Aber ist ein Schiff auf dem Mars mit einer fünfköpfigen Besatzung wirklich eine Weltraumstadt? Wahrscheinlich nicht. Also ist das vermutlich auch nicht die beste Lösung.

Ab 13. November, sonntags 21:00

Was ist mit Begriffen wie „bemannt“ oder „Frontier“?

Ja, „Frontier“ finde ich problematisch. Im Weltraum sind die Implikationen da nicht genau dieselben wie auf der Erde, aber der Begriff bedient sich an den gleichen Narrativen, die sich alle um die europäischen Siedler in Amerika drehen. Wenn das Wort „Frontier“ fällt, ist das oft gar kein Problem – bis jemand das Narrativ dieser mutigen Entdecker auspackt, die auszogen, um den amerikanischen Westen zu „erschließen“.

Und „bemannt“? Ich verstehe nicht, wieso überhaupt noch jemand „bemannt“ benutzt. Wie alt ist der Style Guide der NASA jetzt, der besagt, dass man „bemannt“ nicht mehr benutzen soll? Den gibt es schon seit Jahren [seit 2006, um genau zu sein].

Es scheint so, als würde die Sprache, die wir beim Thema der Weltraumerforschung benutzen, zwangsweise sowohl unsere Motivationen als auch den Zugang zum Weltraum widerspiegeln. Denken Sie, die Menschen können sich auf eine Art und Weise weiterentwickeln, dass künftige Weltraumreisende die Menschheit besser repräsentieren können?

Ich denke, einer der ersten Schritte nach vorn wäre es, den Umstand zu beheben, dass unsere Narrative über den Weltraum ausschließlich von enorm privilegierten Menschen kommen. Beim Thema Weltraum sind das also vornehmlich reiche, weiße, männliche Risikokapitalgeber. Die formen im Grunde viele der Narrative, die benutzt werden. Deshalb wird da auch nicht vorausschauend gedacht und es gibt keine großen Reaktionen auf Kritiker dieser Frontier- und Kolonialnarrative.

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Wenn es wirklich inklusive Bestrebungen geben soll, die Erde zu verlassen, dann müssen diese auf der Erde anfangen. Das kann sich nicht nur darauf beschränken, wie die erste Crew zusammengesetzt ist. Allgemein müssen einfach Menschen aus einer größeren Bandbreite an Lebenserfahrungen und Hintergründen – ob nun sozioökonomischer Hintergrund, Geschlecht oder Hautfarbe und Kultur – in den MINT-Fächern vertreten sein. Keines dieser Narrative wird inklusiver werden, solange die Menschen, die das Narrativ prägen, nicht aus einem inklusiveren Kontext stammen. Andernfalls sind das nur Lippenbekenntnisse.

Es gibt da auch viel direktere Beispiele. Jeff Bezos sagte, er hätte mittlerweile so viel Geld, dass ihm bis auf Weltraumtourismus nichts mehr einfällt, für das er es ausgeben könnte. Er lebt in Seattle, also eine Stadt, in der Amazon selbst den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum erheblich verändert hat. In der Stadt ist die Gentrifizierung völlig außer Kontrolle geraten. Da stehen riesige neue Wohnanlagen, in denen Amazon-Mitarbeiter wohnen, an Standorten ehemaliger Stadtteilzentren, in denen ich früher Essen für Obdachlose gekocht habe. Oder Elon Musk, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Occupy Mars“ trägt, was in jeder Hinsicht völlig lächerlich ist, wenn man bedenkt, wofür die Occupy-Bewegung steht. Das ist auch so eine Sache, die man nicht aus ihrem Kontext reißen kann.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Menschen sich von dem Gedanken überzeugen lassen, der Weltraum sei für uns alle da und nicht nur ein Spielplatz für jene, die es sich leisten können?

Das Dokument, welches die Weltraumgesetzgebung bestimmt, ist der Weltraumvertrag von 1967. Der besagt wortwörtlich, dass der Weltraum für alle da ist [...] und keiner einzelnen Nation oder einem Individuum gehört. Er verbietet Massenvernichtungswaffen im All und legt fest, dass man keine militärischen Anlagen auf einem Himmelskörper haben darf.

Der Weltraumvertrag ist ein ehrgeiziges Dokument, das viel Gutes über die Art und Weise enthält, wie wir den Weltraum erforschen und nicht erforschen sollten. Wenn man sich aber mit der Geschichte indigener Gruppen befasst oder mit diesen Menschen spricht, weiß man, dass Verträge andauernd gebrochen werden. Jeder einzelne der mehr als 500 Verträge, die mit den indigenen Nationen auf dem Gebiet der heutigen USA gemacht wurden, wurde gebrochen.

Wir befinden uns gerade an einem Zeitpunkt, an dem es für immer mehr Akteure – ob nun Nationen, Individuen oder andere – möglich wird, den Weltraum zu erreichen. Das ist der Moment, an dem wir uns entscheiden müssen, ob diese Leitprinzipien das repräsentieren, was wir wollen. Das ist der Moment, in dem wir uns diesen Vertrag ansehen und entscheiden müssen, wer wir in Zukunft sein wollen.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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