Abstieg in den Vulkan: Die Gletscherhöhlen des St. Helens

In einer unwirklichen Welt aus Eis und Feuer entdecken Forscher ein dynamisches Höhlengeflecht – eine riskante Aufgabe in einer unvergesslichen Landschaft.

Tuesday, May 19, 2020,
Von Craig Welch
Bilder Von Eric Guth
Der Wissenschaftler Andreas Pflitsch von der deutschen Ruhr-Universität entzündet eine Rauchfackel in der Mothera-Gletscherhöhle im Krater ...

Der Wissenschaftler Andreas Pflitsch von der deutschen Ruhr-Universität entzündet eine Rauchfackel in der Mothera-Gletscherhöhle im Krater des Mount St. Helens. Der Rauch hilft dabei, den Weg der heißen Gase nachzuvollziehen, die aus dem Inneren des Vulkans strömen und diese Eishöhlen formen.

Bild Eric Guth

Als der Fotograf Eric Guth in die Godzilla-Höhle hinabsteigt, findet er sich in einer Welt aus Eis wieder, die von Feuer geformt wurde.

Die Höhle entstand vor genau 40 Jahren, am 18. Mai 1980. An jenem Tag brach der Mount St. Helens in der Kaskadenkette im US-Bundesstaat Washington aus. Die Eruption riss 400 Meter des Berggipfels ab. Gewaltige Kräfte schleuderten Milliarden Tonnen Erde hinab in den North Folk Toutle River. Eine 24 Kilometer hohe Rauchsäule schoss mit 480 km/h in den Himmel. Die Hitze und der Druck hinterließen einen riesigen Krater, der auf 1.890 Metern Höhe in den Schatten der Felswände liegt – eine brandneue Fabrik für Schnee und Eis.

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Den Großteil des Jahres über ist diese hufeisenförmigen Senke von der Sonne abgeschirmt. In den kalten Monaten sammelt sich hier mehr Schnee, als im Sommer wieder abtaut, sodass mit der Zeit ein neuer Gletscher entstand. Mittlerweile ist er 200 Meter mächtig, 1,3 Quadratkilometer groß und wächst beständig. Diese neue Landschaft wird von glitzernden Grotten durchzogen: Die Hitze aus dem Vulkan sucht sich ihren Weg nach draußen und treibt vertikale Gänge, kugelförmige Amphitheater und horizontale Höhlen in die Eisschicht.

Von 2004 bis 2008 war der Vulkan wieder aktiv und türmte neues Gesteinsmaterial auf dem Lavadom in der Mitte des Kraters auf. An dem Dom teilt sich der Gletscher in zwei Arme, die nordwärts in Richtung Kraterrand fließen. Jenseits davon liegt der Spirit Lake.

Mehrere Jahre haben Guth und ein Team aus Wissenschaftlern dieses eisige Universum erforscht.

Die Wissenschaftler kartieren die weitläufigen Gletscherhöhlen und erforschen das Leben inmitten dieser eisigen Wände und der Wärme aus dem Vulkan. Sie fanden Pilze, Blumen und Moose im Boden und Mikroorganismen unter dem Eis. Sie fanden Koniferensamen, die vom Wind oder von Vögeln hergetragen wurden. Die Samen verbrachten Monate oder Jahre in dem dynamischen Eis, bis sie in den Höhlen die Wärme fanden, die sie zum Keimen benötigten. Für kurze Zeit wuchsen die Setzlinge mit unfassbarer Geschwindigkeit und versuchten vergebens, die dunklen Höhlen auf der Suche nach Licht zu überwinden.

„Das ist wahnsinnig belebend“, erzählte Guth mir neulich. „Wenn wir in die tiefsten Ausläufer einer Höhle vordringen, ist der Gedanke daran, dass wir dort die allerersten Menschen sind, ziemlich großartig.“

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Und womöglich sind sie dort auch die letzten Menschen. Wie viele Orte des Mount St. Helens National Volcanic Monument ist am gesamten Krater der Zutritt verboten, Ausnahmen gibt es nur für Inhaber von Forschungsgenehmigungen. Diese Regelung dient dem Schutz des empfindlichen Ökosystems – aber auch dem Schutz der Menschen. Die Kraterforscher sind mit Geschirren und Seilen gesichert und führen stets Überwachungsgeräte mit sich, die das Luftgemisch analysieren. Guth wurde einmal fast von einem Gesteinsbrocken erdrückt. Ein anderes Mal konnten sie wegen schlechten Wetters nicht von einem Helikopter abgeholt werden und mussten die Nacht in einer der Höhlen verbringen.

Und wie alles rund um den St. Helens sind diese Höhlen nicht von Dauer, sondern verändern sich fortwährend.

Der Experte für Höhlenrettung Eddy Cartaya, der auch für den U.S. Forest Service arbeitet, leitete diese Expeditionen. Er hat unter anderem schon Eishöhlen auf dem Gipfel des Mount Rainier und des Mount Hood erforscht. Ganz besonders hat es ihm aber die dynamische Welt des St. Helens angetan – eine Welt im „geologischen Hyperdrive“, wie er sagt.

„Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die einem sprichwörtlich unter den Füßen davonlaufen, weil dauernd neues Material aus der Erde kommt“, sagt Cartaya. „Das ist die dynamischste Landschaft, die ich je gesehen habe, und sie ist absolut atemberaubend.“

Das Forscherteam lässt sich die ungeahnte Weite der Crevasse Cave auf sich wirken.

Ein Ranger hält ein großes Foto hoch, das den östlichen und westlichen Arm des Kratergletschers zeigt, der um den Lavadom herumfließt. Der Ranger erklärt den Zyklus von Zerstörung und Erholung, der sich seit dem letzten Ausbruch des St. Helens im Jahr 1980 abgespielt hat.

Nichts bleibt, wie es ist

Im Frühling des Jahres 2005, als die Eruption gerade ein Vierteljahrhundert her war, fuhr ich ins Johnston Ridge-Observatorium am St. Helens, das den großen Krater überblickt. Im Jahr zuvor hatte es kleinere Beben und Ausbrüche gegeben, als der Vulkan begann, wieder Masse aufzubauen. Ein Wissenschaftler vom Geologischen Dienst der USA zeigte mir einen Stein, den er kürzlich aus dem Krater geholt hat. Nur Wochen zuvor war er noch flüssig gewesen – Teil eines Stroms aus geschmolzenem Magma, der sich seinen Weg kilometerweit aus dem Erdinneren hinaufbahnte.

Binnen weniger Monate war der kleine neue Dom, der sich im Inneren des Kraters bildete, auf über 100 Meter angewachsen. Als sich der Gletscher um ihn herum ausbreitete und vertiefte, schuf er Raum für größere Höhlen.

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„Wir stellen uns Berge oft als dauerhafte, unbewegliche Objekte vor“, sagt der Ökologe Eric Wagner. Aber der Großteil dessen, was vom St. Helens übrig ist, ist jünger als die Pyramiden des Alten Ägypten. Der Vulkan bricht etwa alle 140 Jahre aus. Das destruktive Chaos zerstört viel Leben im Umkreis – und schafft gleichzeitig die Basis für neues Leben.

Einer der Forscher erzählte Wagner, dass im ersten Jahr nach dem Ausbruch von 1980 ökologische Anarchie geherrscht hat: Pflanzen und Tiere versuchten, mit den mageren Ressourcen aus dem gewaltigen Trümmer- und Aschefeld zu überleben. Aber im Laufe der Zeit sorgten die dünne Ascheschichten dafür, dass sich der Boden mit Nährstoffen anreicherte und Wasser besser halten konnte. Vor langer Zeit wuchsen die artenreichen Nadelwälder des Pazifischen Nordwestens ebenfalls auf solchen Aschefeldern, den Überresten eines gewaltigen Ausbruchs des St. Helens.

Der Kratergletscher des St. Helens ist der jüngste Gletscher in den unteren 48 US-Bundesstaaten – und er wächst beständig. Die hohen Wände des nach Norden ausgerichteten Kraters schützen ihn den Großteil des Jahres über vor Sonnenstrahlen.

Vom Coldwater Peak aus hat man einen ausgezeichneten Blick auf den Krater des St. Helens und jenen Bereich, der beim Ausbruch 1980 zerstört wurde.

Der Wissenschaftler Neil Marchington seilt sich zum Eingang der Godzilla-Höhle ab, die 2013 entdeckt wurde. Dort unten wartet der Wildnisführer Jared Smith auf ihn.

Schmelzwasser von der Decke der Crevasse Cave tropft auf den Boden, wo es wieder gefriert und dabei vom Wind in ungewöhnliche Formen gedrückt wird. Der Gegensatz zwischen dem kalten Eis und der warmen Luft erzeugt ein Druckgefälle, das den Wind durch die Gletscherhöhlen treibt.

Der Chefvermesser Scott Linn notiert bei der ersten Vermessung der Crevasse Cave Details in sein Heft. Seither ist das Team auf digitale Kartierung umgestiegen.

Eddy Cartaya und andere Teammitglieder wie der Fotograf Guth verlassen eine Gletscherhöhle, in der sie zuvor übernachtet haben. Tags zuvor hingen die Wolken so niedrig, dass es dem bestellten Hubschrauber nicht möglich war, das Team einzusammeln. Zum Glück hatten sie Schlafsäcke, Miniöfen und andere Überlebensausrüstung dabei.

40 Jahre nach dem letzten Ausbruch sind alle Arten, die zuvor dort gelebt haben, wieder zurückgekehrt – aber nicht an dieselben Orte oder in derselben Zahl

Der mächtige Kessel aus Eis und Feuer hat sich nicht „erholt“. Aus ihm ist etwas Neues geworden – und wird es immer noch.

„Es ist eine faszinierende, komplizierte, wunderschöne und frustrierende Landschaft. Und wir haben großes Glück, dass wir sie zu sehen bekommen“, sagt Wagner.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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