Mantahai der Kreidezeit: Ein beispielloser Körperbau

So etwas wie das 95 Millionen Jahre alte Fossil hatten Paläontologen noch nie zuvor gesehen. Nun spekulieren sie, ob auch andere Haie der Urzeit eine ungewöhnliche Körperform hatten.

Veröffentlicht am 22. März 2021, 14:34 MEZ
Aquilolamna milarcae

Eine neu beschriebene Tierart, die in 95 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten im mexikanischen Vallecillo entdeckt wurde, ähnelt einem Hai mit ausladenden Flossen, mit denen er wie ein Mantarochen durch das Wasser glitt.

Bild Illustration by Oscar Sanisidro

Ein Hai, der wie ein Mantarochen durch das Meer gleitet – das klingt nach Stoff für einen Low-Budget-Sci-Fi-Film. Doch Paläontologen haben genau eine solche Kreatur in kreidezeitlichen Gesteinsschichten in Mexiko entdeckt. Dieser seltsame Hai kombiniert einen stromlinienförmigen Körper mit ausladenden, flügelähnlichen Flossen. Das uralte Tier ist mit nichts vergleichbar, was bisher im Fossilbericht gefunden wurde.

Der Paläontologe Romain Vullo vom Landesmuseum Karlsruhe erklärt, wie es zu dem Fund kam: Im Jahr 2012 habe ein unbekannter Steinbrucharbeiter in 95 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in der Nähe des mexikanischen Vallecillo einen seltsamen Knochensatz gefunden. Auf das Fossil wurde der örtliche Paläontologe Margarito González González aufmerksam, der es einsammelte und präparierte, indem er das Skelett aus dem umgebenden Gestein herausarbeitete. Fotos des Hais machten auf paläontologischen Konferenzen die Runde, und das Exemplar wurde schließlich in einer Studie beschrieben, die in „Science“ veröffentlicht wurde.

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Das etwa 1,80 Meter lange Fossil mit dem Namen Aquilolamna milarcae repräsentiert eine völlig neue Art von filtrierenden Haien. „Als ich das Fossil zum ersten Mal sah, war mein erster Gedanke, dass diese einzigartige Morphologie völlig neu und unbekannt unter den Haien ist“, sagt Vullo, der Hauptautor der Studie. Meistens werden fossile Haie anhand von Zähnen und einem gelegentlichen Stück der Wirbelsäule identifiziert. Ein komplettes Skelett zu finden, und noch dazu ein so seltsames, bietet eine seltene Gelegenheit, die Anatomie dieses uralten Meeresbewohners zu studieren.

Dieses Fossil eines Meerestieres aus der Kreidezeit ist eines der ältesten Beispiele für ein Tier, das sich wie moderne Mantarochen im „Unterwasserflug“ fortbewegte.

Bild Image by Wolfgang Stinnesbeck

Obwohl keine Zähne von Aquilolamna gefunden wurden, vermuten Vullo und Kollegen, dass er zur gleichen Haifamilie gehört, zu der auch der Weiße Hai, der Makohai und der Riesenhai gehören. Der breite Kopf und die langen, flügelartigen Flossen deuten allerdings darauf hin, dass es sich nicht um einen Jäger handelte. Aquilolamna war wahrscheinlich eher ein Filtrierer, der sein Maul öffnete, um Plankton und andere kleine Organismen aus dem Wasser zu sieben.

Eine prähistorische Kuriosität

Aquilolamna scheint sowohl Merkmale von Haien als auch von Mantarochen in sich zu vereinen, wobei sich letztere erst Millionen von Jahren später entwickeln sollten. Der Körper von Aquilolamna ist lang und röhrenförmig, ähnlich wie bei vielen Haien, die heute die Ozeane bevölkern. Aber die verlängerten Brustflossen erinnern an Mantas und Teufelsrochen und bilden breite Unterwasserflügel.

Damit wäre Aquilolamna eines der ältesten bekannten Tiere, das sich unter Wasser „fliegend“ fortbewegte, indem es langsam mit den Flossen schlug, ähnlich wie lebende Mantarochen. „Aquilolamna könnte relativ langsam mit leichten Bewegungen der Schwanzflosse geschwommen sein und die langen Brustflossen dienten hauptsächlich als effektiver Stabilisator“, sagt Vullo.

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Diese Art von Körperbau ist für Haie völlig unerwartet, sagt Kenshu Shimada, ein Paläobiologie-Professor an der DePaul University in Chicago. Ältere Haie aus der Zeit vor den Dinosauriern hatten eine Vielzahl von verschiedenen Körperformen. Aber man nahm an, dass sie bis zur Kreidezeit bereits viel moderner aussehenden Formen ausgebildet hatten.

Aquilolamna könnte ein Beweis dafür sein, dass eine breite Vielfalt von solch seltsamen Haien viel länger existierte als gedacht. „Die vorgeschlagene Körperform und die filtrierende Lebensweise in der neuen Studie sind ziemlich überzeugend“, sagt Shimada.

Aber ist es ein Hai – oder nicht? 

Aber nicht alle Experten sind davon überzeugt, dass diese neue Kreatur tatsächlich ein rochenartiger Hai war. „Es gibt eine Menge ungewöhnlicher Merkmale, die von diesen Autoren beschrieben wurden, und ich habe einige Vorbehalte gegenüber einigen ihrer Interpretationen. Daher wäre ich gespannt auf weitere Untersuchungen dieses neuen, bemerkenswerten Fossils“, sagt Allison Bronson, eine Paläontologin an der Humboldt State University in Kalifornien.

In der Studie werden zwar Hautabdrücke von Aquilolamna erwähnt, aber nicht detailliert genug gezeigt. Deshalb können Experten von außen nicht bestimmen, ob es sich bei dem Gewebe wirklich um versteinerte Haut handelt oder um ein anderes Material, das der Haut nur ähnelt, beispielsweise eine Bakterienschicht. Und obwohl sich dieser Fisch wahrscheinlich durch das Sieben von Plankton oder anderen kleinen Häppchen aus der Wassersäule ernährte, könnte er winzige, spitze Zähne gehabt haben – ähnlich wie heute filtrierende Haie, beispielsweise der Riesenhai und der Riesenmaulhai. Solche Zähne könnten verwendet werden, um die evolutionären Beziehungen dieser Haie zu bestimmen – nur dass bei dem neuen Fossil eben keinerlei Zähne gefunden wurden.

Die Vorstellung, dass dieses Tier sowohl ein Hai als auch ein Filtrierer war, wird wahrscheinlich durch zukünftige Funde und zusätzliche Analysen bestätigt werden müssen. Wenn diese Interpretation richtig ist, hat Aquilolamna die Meere nach Plankton abgesucht, lange bevor seine modernen Verwandten diese Vorgehensweise entwickelten. Vielleicht repräsentiert dieser Hai eine besondere Art der Filtration, die sich vor dem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit entwickelte, das etwa 75 Prozent aller marinen Arten auslöschte. Andere Filtrierer – darunter die Vorfahren der Riesenmaul-, Wal- und Riesenhaie – entwickelten sich erst, nachdem sich die Weltmeere wieder erholt hatten.

Wenn Aquilolamna tatsächlich ein Verwandter der Riesenhaie war, gab es wahrscheinlich noch mehr ungewöhnliche Haie oder Meeresbewohner, die Paläontologen noch nicht entdeckt haben. „Der Fossilbericht von Haien und Rochen ist gut", was die abgedeckten Zeiträume angeht, sagt Vullo. Aber „die Körperform vieler ausgestorbener Arten bleibt rätselhaft“. Vielleicht gehörten auch einige Zähne, die Paläontologen bereits gefunden haben, zu Tieren mit einer ungewöhnlichen Körperform.

Woher kommt unsere Angst vor Haien?
Einen Hai zu sehen, kann ziemlich beängstigend sein. Nicht ohne Grund: Haie gehören zu den mächtigsten Raubtieren des Ozeans. Und ja – sie greifen gelegentlich Menschen an, die in ihren Lebensraum eindringen. Rachsüchtige Menschenfresser sind sie jedoch nicht, auch wenn sie in Medien oft so dargestellt werden. Im Gegenteil: Schätzungsweise 100 Millionen Haie werden jedes Jahr von Menschen getötet, was eine Reihe von Arten an den Rand der Ausrottung brachte.

Selbst der berühmte Riesenhai Otodus megalodon wurde nur anhand von Zähnen und Wirbeln beschrieben – megalodon bedeutet auf Griechisch „großer Zahn“ –, was zu unterschiedlichen Interpretationen darüber führte, wie das Tier ausgesehen haben könnte. Außergewöhnliche Fossilien wie die von Aquilolamna deuten darauf hin, dass viele fossile Haie weitaus seltsamer gewesen sein könnten, als die Wissenschaftler es je erwartet hätten.

„Wenn wir die Möglichkeit haben, an Orten wie Vellecillo vollständige Skelette zu entdecken, können wir noch ein paar Überraschungen erleben“, glaubt Vullo.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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