Warum winken wir in Video Calls zum Abschied?

An die vielen Video-Konferenzen im Home Office passt sich auch unser nonverbales Verhalten an. Warum wir zum Abschied plötzlich winken und welchen entscheidenden Vorteil der virtuelle Raum bei Konflikten hat.

Veröffentlicht am 16. März 2021, 10:02 MEZ, Aktualisiert am 16. März 2021, 12:55 MEZ
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Warum winken wir in Videokonferenzen unwillkürlich zum Abschied? Psychologen haben eine interessante Erklärung. 

Bild Alain Pham on Unsplash.com

Aktuell geht es wohl vielen Menschen so: Die Erinnerungen an die Zeit vor der Pandemie verschwimmen und für viele, die seit Monaten im Home Office sind, scheint auch die letzte persönliche Business-Besprechung unendlich weit weg. Eines scheint jedoch glasklar: Zum Abschied gewunken hat im Büro damals sicher niemand. Warum tun wir es dann in den vielen virtuellen Konferenzen, wenn sich das Meeting dem Ende zuneigt?

Wie beeinflussen Video Calls das nonverbale Verhalten?

Die nonverbale Kommunikation – wie wir uns mittels sozialer Interaktionen jenseits des gesprochenen Worts anderen gegenüber ausdrücken – ist ein größtenteils unbewusster Prozess, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. „Unmittelbare soziale Interaktionen finden in einer Vielzahl von Verhaltenskanälen statt, die sehr fein synchronisiert aufeinander abgestimmt erfolgen müssen, um die Information zu übermitteln“, sagt Prof. Dr. Jörg Merten, außerplanmäßiger Professor der Universität des Saarlandes und Leiter des Instituts „Gnosis Facialis“ für Mimik und Verhaltensforschung in Saarbrücken.

Als Experte für nonverbale Kommunikation erforscht er seit Jahrzehnten, wie in Gesprächen sozialer Austausch außerhalb des Verbalen stattfindet – zum Beispiel durch besondere Kopf-Körperhaltung, das Blickverhalten, Gestik, Mimik, aber auch durch paraverbales Verhalten wie zustimmendem Brummen. Während wir in Face-to-Face-Meetings diesbezüglich scheinbar aus dem Vollen schöpfen können, werden nonverbale Interaktionen im Video-Meeting durch die technischen Möglichkeiten moderiert.

Das Winken ist eine der ersten Interaktionen, die ein Kleinkind erlernt und als Geste zu Begrüßung oder Abschied schnell verinnerlicht. In. Videokonferenzen transportiert die Geste wohlwollende Emotionen. 

Bild Andrey Popov - stock.adobe.com

„Wie sitzt man am Tisch, wer ist wem zugewandt und werden Kopf-Körperhaltungen gespiegelt? Speziell die Anordnung der Menschen zueinander geht verloren, sie sind nur noch Kacheln auf einem Bildschirm“, sagt Merten. „Dabei können essentielle Basisinformationen über die Qualität der Beziehung verloren gehen. Man muss sich dann Alternativen suchen. Innerhalb von Videosettings wird dies häufig über verbale Äußerungen geschehen - aber man kann natürlich nicht immer alles ansprechen.“

Neben dem vergleichsweise kleinen Bildschirmausschnitt, der in vielen Fällen lediglich das Gesicht aus einer Perspektive zeigt und wenig über den Aufmerksamkeitsfokus des Gegenübers verrät, kann es unter anderem auch die asynchrone Übertragung schwer machen, nonverbale Signale zu lesen: Der Gesichtsausdruck „friert ein“, der Bezug von Mimik und Gesagtem verschwimmt und das paraverbale, zustimmende Murmeln wird gar nicht erst übertragen, weil sich der Gesprächspartner vielleicht von vornherein stumm gestellt bzw. „gemuted“ hat. Eine echte Herausforderung, wenn es darum geht, das Verhalten des anderen zu „lesen“: „Das nonverbale System ist sehr komplex, viel hängt voneinander ab“, sagt Jörg Merten.

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Winken als Universal-Signal

Besonders zu Beginn oder zum Schluss eines Meetings, wenn noch oder wieder viel Bewegung auf den Bildschirmen entsteht, bietet sich deshalb das Winken als einfache alternative Geste an: „Das Winken zur Begrüßung oder zum Abschied ist ein sehr klares Signal, es findet innerhalb eines Kanals statt und nichts muss synchron sein. Und es wird im Alltag verwendet, wenn es um Nähe und Distanz geht. Wenn jemand mich verlässt, erhöht das die Distanz, wenn ich jemanden treffe, wird mit dem Winken ‚Hier bin ich! Hallo!‘ signalisiert.“ Ein vermindertes Präsenzerleben in Videokonferenzen kann also auch durch das Winken kompensiert werden. Die Geste des Winkens transportiert zudem wohlwollende Emotionen ähnlich wie ein Lächeln – und ist auch bei schlechter Übertragungsgeschwindigkeit leicht zu lesen.

“Viele Signale verlieren, wenn sie asynchron übermittelt werden, ihre Eindeutigkeit. Das Winken kann auch ein bisschen wackeln und trotzdem weiß jeder, was gemeint ist.”

von Prof. Dr. Jörg Merten

Dass wir uns nicht bewusst für die Handbewegung entscheiden, sondern wie automatisch winken, kann entwicklungspsychologisch erklärt werden: Das Winken ist eine der ersten Interaktionen, die ein Kleinkind erlernt und als Geste zu Begrüßung oder Abschied schnell verinnerlicht. Warum wir im Video Call oft besonders enthusiastisch winken, darüber kann Psychologe Merten nur spekulieren: „Die übertriebene Bewegung könnte mit der gesteigerten Selbstaufmerksamkeit durch das Kamera-Setting zu tun haben: Menschen, die sich selbst beim Winken beobachten, verstärken eventuell die Bewegung. Auch Ironie ist eine Möglichkeit – denn das Winken hat ja auch etwas Kindliches. Es kann aber auch sein, dass der direkte Kontakt schlichtweg vermisst wird und das starke Winken die Vorfreude auf das Wiedersehen zeigen soll.“

Videokonferenzen lassen die Unmittelbarkeit verschwimmen – das kann auch von Vorteil sein

Auf das Wiedersehen mit den Kollegen werden sich viele freuen, eine Rückkehr zur Präsenzpflicht im Büro ist jedoch sicher schwer vorstellbar. Sorgen, dass unsere sozialen Interaktionen bis dahin verkümmern und wir Signale jenseits des gesprochenen Worts nicht mehr lesen können, sind jedoch unberechtigt: „Das nonverbale System ist so stabil, dass es sich auch nach langen Phasen der Videokonferenzen im Präsenzzustand wieder einspielen wird“, sagt Jörg Merten. „Man wird im Positiven wie im Negativen merken, dass man plötzlich wieder mit Dingen umgehen muss, mit denen man sich im Videosetting nicht abgeben musste.“ Dazu gehört auch, dem unsympathischen Kollegen wieder unmittelbar zu begegnen: „Unsympathisches an anderen Menschen lässt sich in einem Videosetting besser wegregulieren als in einem Face-to-Face-Meeting. Antipathien, die Menschen untereinander haben, werden oft verstärkt, wenn man den Menschen in Aktion sieht - wie er sich hinsetzt oder was er tut. Wenn das ausgeblendet werden kann, kann man auf einer sachlicheren Ebene agieren und sich auf seine Aufgabe konzentrieren.“

Prof. Dr. Jörg Merten ist Experte für die Analyse und Interpretation mimischen Verhaltens in sozialen Interaktionen und Leiter des Instituts „Gnosis Facialis“ für Mimik und Verhaltensforschung in Saarbrücken (www.gnosisfacialis.de).

Bild privat

Auf lange Sicht könnte sich bei anhaltender und weiter zunehmender Remote-Arbeit ein neuer Habitus etablieren, vermutet Merten: „Das Winken, die Entscheidung, was und wie viel die Menschen im Video Call von sich zeigen: Viele haben bereits Strategien entwickelt, wie sie mit der neuen Situation umgehen, indem sie Leute ausblenden oder die Kamera ein- oder ausschalten. Das Zusammenspiel von Mimik, Blickverhalten, Sprache et cetera ist ein differenziertes System, das, wenn es nicht eins zu eins übertragen wird, kaum korrigiert werden kann. Dann macht es mehr Sinn, es wegzulassen und durch eindeutige Signale zu ersetzen: Wenn das Nonverbale fehlt, muss das, was man sprachlich vermitteln will, sehr deutlich und klar sein.“

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