Leisure Sickness: Warum wir ausgerechnet am Wochenende krank werden

Die ganze Woche geschuftet und gleich am ersten freien Tag krank: Warum ist das so? Und was kann man dagegen tun?

Auf Hormonentzug: Es ist nicht die freie Zeit, die uns krank macht.

Foto von AdobeStock
Von Jens Voss
Veröffentlicht am 10. Dez. 2021, 09:05 MEZ

Freitags grüßt das Murmeltier. Ganz leise schleicht es sich an. Vielleicht ein leichtes Kratzen im Hals oder ein kaum spürbarer Druck an der Stirn. Doch dann schlägt es mit voller Wucht zu: Husten, Fieber, Kopfschmerz, Übelkeit. Schon ist sie wieder vorbei, die Freude auf die freien Tage. Wieso werden wir immer dann krank, wenn der ganze Arbeitsstress eigentlich vorbei ist?

Tatsächlich: Jeden fünften Menschen in Deutschland erwischt es am Wochenende oder im Urlaub. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Internationalen Hochschule Bad Honnef-Bonn. Das Phänomen hat einen Namen: Leisure Sickness. Und offenbar befällt die Freizeitkrankheit nicht nur Führungskräfte. Sie zieht sich durch alle Berufsgruppen.·

Hält uns Stress gesund?

Es ist aber nicht die freie Zeit, die uns krank macht. Es ist die Anstrengung davor. Wenn wir unter Stress stehen, etwa weil wir eine Prüfung oder Präsentation vorbereiten oder ständig zwischen Job und Familie umschalten müssen, arbeitet unser Körper im Boost-Modus. Er schüttet unentwegt Stresshormone aus, die wie körpereigenes Doping wirken.

Was tun Vitamine eigentlich?

„Solange diese Hormone zirkulieren, befinden wir uns auf einem Höhenflug“, erklärt der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Thomas Weiss. „Auch das Immunsystem läuft auf Hochtouren.“ Der starke Hormoncocktail aus Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin hilft uns dabei, anstrengende Phasen energiegeladen zu überstehen.

Hormon-Junkies auf Entzug

Danach aber legt unser Körper den Schalter um. „Die angekurbelte Hormonproduktion wird zurückgefahren“, sagt Weiss. Der Höhenflug endet mit einer Crash-Landung – denn wir sind auf Hormonentzug. Viele kennen das: Nach einer Prüfung oder einer anderen schwierigen Aufgabe fällt man oft schnell in ein Loch, wird müde und antriebslos. Auch das Immunsystem hängt jetzt durch, betont Weiss. Typische Konsequenz: Erkältungskrankheiten und andere Infekte.

Am besten also, wir halten unser Stresslevel permanent hoch? „Auf Dauer endet das in einer Katastrophe“, warnt der Mediziner. Dauerstress befördert nicht nur psychische Erkrankungen. Er sorgt unter anderem auch dafür, dass der Blutdruck steigt. Im schlimmsten Fall kann das schwere Herzerkrankungen auslösen.

Urlaub im Alltag

Welchen Ausweg gibt es aus der Stressfalle? Weiss empfiehlt, den Alltag durch winzige Pausen bewusster zu gestalten. Zum Beispiel, indem man nach einem anstrengenden Telefonat die Hand noch kurz am Hörer hält und das Gespräch sacken lässt, anstatt sich sofort in die nächste Aufgabe zu stürzen. Solche kurzen Momente des Innehaltens solle man regelmäßig in die tägliche Arbeitswelt einbauen. Viele Menschen nähmen ihre Daueranspannung gar nicht mehr richtig wahr.

Und dann gibt es noch die „beiden Allzweckwaffen“: Ruhe und Bewegung. Auch im Urlaub sollte man darauf nicht verzichten. Das Studienteam der Internationalen Hochschule Bad Honnef-Bonn sieht das genauso. Die Tipps gegen Leisure Sickness im Urlaub: Ansprüche runterschrauben, nicht zu viel vornehmen, öfter das Smartphone ausschalten, einfach mal zur Ruhe zu kommen – und vor allem nicht völlig ausgepowert in den Urlaub gehen.

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