Ältere Menschen denken nicht langsamer als junge

Das Gehirn bleibt lange schnell, sagt eine neue Studie. Demnach tritt der Rückgang der geistigen Geschwindigkeit deutlich später ein als bisher angenommen.

Von Deborah Roth
Veröffentlicht am 8. März 2022, 08:48 MEZ
Zeichnung verschiedener Körperteile des Menschen: Armknochen, Wirbelsäule und Schädel.

Geht es ab 30 mit den kognitiven Fähigkeiten wirklich bergab?

Foto von Foto von Joyce McCown auf Unsplash

Oft scherzt man darüber, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns bereits bei jungen Menschen mittleren Alters langsam nachlässt. Es heißt dann: Ab 30 geht’s bergab.

Die Forschung von Mischa von Krause und weiteren Wissenschaftlern am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg zeichnet nun jedoch ein anderes Bild: Ihre aktuelle Studie widerlegt frühere Befunde.

Die Ergebnisse der groß angelegten Studie zeigen, dass sich kognitive Fähigkeiten zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr kaum verändern. Entscheidungen werden im höheren Alter bewusster getroffen – und bedürfen deswegen etwas mehr Zeit. Mit geistiger Fitness hat das der Studie zufolge nichts zu tun, nur mit weiser Vorsicht im höheren Alter.

Gleichbleibend geistig fit und aktiv von 20 bis 60

Frühere Befunde bemessen die Reaktionszeit: bei Zwanzigjährigen war sie tatsächlich am kürzesten und verlangsamte sich erst mit zunehmendem Alter. Das könnte erklären, warum ältere Probanden in früheren Studien schlechter abschnitten als jüngere, da es im Rahmen solcher Studien auch darum ging, wie schnell eine bestimmte Antworttaste gedrückt wurde.

Bei der aktuellen Forschung verarbeiteten die Wissenschaftler einen großen Datensatz von 1,2 Millionen Teilnehmern in einem mathematischen Modell. Dazu luden sie Probanden im Alter von zehn bis 80 Jahren ein, Bilder und Wörter auf einem Bildschirm bestimmten Kategorien zuzuordnen. Hier zeigte sich, dass sich ältere Probanden einfach mehr Zeit für nicht entscheidungsrelevante Prozesse nahmen und mehr abwägten als junge Teilnehmer – dies machte sich vor allem im Drücken der Antworttaste bemerkbar. Die längeren Reaktionszeiten waren in jedem Fall auf eine größere Vorsicht bei der Entscheidungsfindung zurückzuführen.

Geistige Verlangsamung erst ab 60

Die geistige Geschwindigkeit steigt den Daten zufolge sogar bis etwa zum 30. Lebensjahr an und bleibt dann über weite Teile des Erwachsenenlebens stabil. Dies gilt gleichermaßen für Frauen und Männer, unabhängig vom Bildungsniveau.

Die Vorsicht bei der Entscheidungsfindung dagegen nimmt nach Angaben der Studie bereits ab dem 20. Lebensjahr zu, die Nicht-Entscheidungszeit sogar schon ab einem Alter von etwa 15 Jahren.

„Für große Teile der menschlichen Lebensspanne und typische Berufskarrieren stellen unsere Ergebnisse also die weit verbreitete Vorstellung einer altersbedingten Verlangsamung der geistigen Geschwindigkeit in Frage“, schreiben die Forscher. „Unsere Analyse deutet darauf hin, dass der Rückgang viel später im Leben einsetzt, als bisher angenommen wurde.“

Eine Verlangsamung der geistigen Geschwindigkeit wurde hier erst ab einem Alter von etwa 60 Jahren beobachtet.

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