Toxic Positivity: Warum zu viel Optimismus schaden kann

Ob auf Instagram, TikTok oder beim Spaziergang im Park – überall erscheinen die Menschen heute gut gelaunt und optimistisch. Warum zu viel Positivität im Leben nicht immer gut ist, und sogar krank machen kann.

Schlechte Gefühle wegschieben und „good vibes" erzwingen ist ihm Trend – doch glücklicher werden wir dadurch nicht.

Foto von Soragrit Wongsa / Unsplash
Veröffentlicht am 1. Apr. 2022, 15:39 MESZ

Ein emotionales Dauergrinsen ist zum Must-Have der vergangenen Jahre geworden. Life-Coaches, Glücks-Magazine und Instagram-Sinnsprüche können allen, die nicht wissen wie Glück geht, vermeintlich ganz einfach beibringen, sich durchs Leben zu lächeln. Alleine auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #positivevibes über 78 Millionen Beiträge. Die Coaching-Branche setzte in den vergangenen Jahren weltweit fast 3 Milliarden US-Dollar um. Die Botschaft ist immer die gleiche: Eine positive Einstellung vertreibt negative Gedanken und mit dem richtigen Mindset kann jeder glücklich sein.

Wem in der Pandemie Homeoffice oder Homeschooling, Partnerschaft oder Einsamkeit um die Ohren flogen, dem wurde geraten: Man muss nur das Beste daraus machen, alles ist ja für irgendetwas gut, die Krise ist eine Chance und irgendwo geht dafür eine neue Tür auf. 

Limonade ist nicht der Schlüssel zum Glück

Wem das Leben Zitronen gibt, der soll also einfach Limonade daraus machen? Ziemlich viel Zuckerwasser, bei all den Ängsten und Sorgen, denen sich jeder Mensch tagtäglich ausgesetzt sieht. In einer Umfrage aus dem Jahr 2022 gaben insgesamt 75 Prozent der Befragten an, Angst vor einem Cyberkrieg zu haben. Bis zu 70 Prozent der Eltern machen sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Dazu kommt der aktuelle Krieg in der Ukraine. Aus diesen Ängsten resultieren naturgemäß Gefühle wie Traurigkeit, Wut und Hilflosigkeit. Wer diese negativen Gefühle wegschiebt und sich zwanghaft gute Laune verordnet, ist kein Optimist – den hat die Toxic Positivity erwischt. 

Eine Studie untersuchte an College-Studenten, wie Toxic Positivity die mentale Gesundheit während der Pandemie beeinflusste. Die Befragten berichteten von Scham, ihre negativen Emotionen zu teilen. Als Grund dafür nannten sie das Abtun ihrer Emotionen durch ihr soziales Umfeld und die Nutzung sozialer Medien. In der Folge fühlten sie sich frustriert und traurig. „Wenn man als Person einen Verlust erlebt und dann nur gesagt bekommt, man solle an etwas Positives denken, ist das nicht hilfreich. In den sozialen Medien und im Umfeld findet da eine unglaubliche Vereinfachung und Übergeneralisierung von optimistischer Lebenshaltung statt. Das ist Toxic Positivity“, erklärt Dr. Britta Renner, Professorin am Psychologischen Institut der Universität Konstanz.

“In den sozialen Medien und im Umfeld findet da eine unglaubliche Vereinfachung und Übergeneralisierung von optimistischer Lebenshaltung statt.”

von Dr. Britta Renner
Dr. Britta Renner

Wann wird Optimismus toxisch?

Die Positive Psychologie gibt es natürlich nicht erst seit Instagram. Sie setzt sich seit den 1980er Jahren damit auseinander, wie viel positive Verzerrung hilfreich ist und ab wann sie dysfunktional wirkt. Toxic Positivity ist ein populärwissenschaftlicher Begriff, der in den letzten Jahren vermehrt im US-amerikanischen Raum eingesetzt wurde. Der New Yorker Psychologe Dr. Konstantin Lukin definiert das Phänomen 2019 als Erster: Er beschreibt die Vorteile einer optimistischen Einstellung, „solange negative Gefühle nicht ignoriert oder unterdrückt werden.“ Toxic Positivity beginne dort, wo man alles ablehne, was negative Gefühle auslöse. Unverarbeitete (negative) Emotionen würden dann nur größer.

Optimisten blicken mit einem leicht positiv verzerrten Blick auf sich, ihre Umwelt und die Zukunft. Hier macht das Maß den Unterschied zur Toxic Positivity, erklärt Prof. Dr. Renner: „Eine leichte positive Verzerrung ist funktionell, weil sie uns motiviert, Situationen konstruktiv anzugehen und sie zu bewältigen.“ Lerne man etwas Neues, müsse man über das, was man aktuell kann, hinausgehen. Ohne die leicht positive Erwartung, es zu schaffen, würde man sich nicht entwickeln. Metaanalysen haben Optimisten unter anderem mehr Leistung, eine höhere Lebenserwartung und Genesungschance und ein besseres soziales Netz bescheinigt.

Optimisten geht es also bestens? Nicht andauernd. Denn selbst der optimistischste Optimist hat nicht permanent positive Emotionen. Doch im Gegensatz zur toxischen Positivität kann er sehr effizient seine Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten einschätzen und geht deshalb mit negativen Emotionen angemessen um. „Die extreme positive Verzerrung der Toxic Positivity macht einen angepassten Umgang unmöglich. Doch negative Gefühle gehören zu einer funktionierenden Bewältigung“, erklärt Prof. Dr. Renner.

Wie Angst die Evolution des Menschen prägte
Angst und Furcht mögen nicht angenehm sein, aber beides sind wichtige Emotionen, die die menschliche Evolution prägten. Unser Gehirn reagiert auf Bedrohungen und bereitet unseren Körper auf das vor, was da kommen könnte – so wie wir es vor Hunderttausenden von Jahren gelernt haben. Aber wie sieht die Wissenschaft hinter dieser angeborenen Reaktion aus und wie gehen wir in der modernen Welt damit um?

Emotionen zu unterdrücken, verhindert nicht nur die angemessene Verarbeitung, es kostet auch viel Energie und kann krank machen. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud benannte bereits Ende des 19. Jahrhunderts den Zusammenhang zwischen der Unterdrückung negativer Gefühle und Krankheiten. Eine empirische Evaluation seiner Theorie lieferte 2012 eine Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Forscher untersuchten den Zusammenhang von emotionaler Verdrängung und körperlichen Erkrankungen. Sie fanden einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Repression und einem erhöhten Blutdruck, der wiederum schwerwiegende Folgeerkrankungen verursachen kann.

Daneben haben negative Emotionen einen hohen funktionalen Wert. Egal ob der Mensch sich von einem Säbelzahntiger oder einer Prüfungssituation bedroht fühlt: Im Angesicht potentieller Gefahren oder Verluste fokussieren negative Gefühle die Aufmerksamkeit auf die Quelle und motivieren, die Situation oder das Verhalten zu ändern.

Warum Grinsen allein nicht glücklich macht

Warum haben so viele Individuen also das Bedürfnis, negative Gefühle auszublenden und sie durch ein Dauerlächeln zu ersetzen? Für Dr. Renner steckt eine soziale Normverschiebung dahinter: „Die Lebensumstände in den Industrienationen sind weitgehend frei von massiven Gefahrenquellen. Die Schicksalsbestimmung durch Gott ist weggefallen. Man kann nicht mehr vornehmlich äußere Umstände für sein Leben verantwortlich machen. So lastet die Verantwortung für ein gelungenes Leben in erster Linie auf dem Individuum“. Wie glücklich man ist, hat man selbst in der Hand. Das bedeutet aber auch, dass ein Unglücklicher selbst Schuld ist. Um das Schuldgefühl zu vermeiden, reicht ein Lächeln, den Rest regeln die täglichen Affirmationen. „Unabhängig von Person und Situation sollen negative Gefühle weggelächelt und damit ein zufriedenes Leben erreicht werden. Doch der Mensch ist komplexer.“

Für ein glückliches Leben braucht es mehr als nur positive Gefühle. Die antike Philosophie, Weltreligionen, Positive Psychologie und der Glücksreport beschäftigen sich mit dem guten Leben und wie man es erreicht. Von einem Dauergrinsen steht allerdings nirgendwo etwas. Dr. Renner bezeichnet die implizite Annahme der Toxic Positivity, ständige „Happiness“ sorge für Lebenszufriedenheit, als Trugschluss. Neben positiver Emotionen gehe es uns um ein sinnvolles Leben mit Bedeutung. Ein höheres Ziel oder ein Vermächtnis ließen Zufriedenheit entstehen, und das gehe nicht nur mit guten Gefühlen einher. Gehe man beispielsweise in einer Tätigkeit auf und erlebe den Flow, ist das mit Anspannung verbunden, die aber sehr erfüllend sein könne. 

Was tun, wenn alle immer nur lächeln?

Die Autorin Anna Maas setzt sich in ihrem Buch „Die Happiness-Lüge“ mit schädlichem Optimismus auseinander. Während der Pandemie bekam sie auf Social Media oft das Gefühl, etwas falsch zu machen. Während sich online und offline alle selbstoptimierten, war sie „so ziemlich mit allem überfordert“. Ihre Wahrnehmung stieß auf eine toxisch positive, gut sichtbare Gesellschaftsgruppe. „Durch Ehrlichkeit und Realismus merkte ich schnell, dass es anderen auch so geht. Inzwischen wird das Phänomen medial präsenter. Das ist gut, denn es gibt keine guten oder schlechten Gefühle – alle haben einen Sinn.“ 

Die Unangenehmen können auf gesellschaftlicher Ebene meist etwas bewegen, meint sie: „Nur wer laut wird und negative Gefühle ausspricht, kann etwas ändern. Es braucht Proteste, Wut, Empörung und Frust, damit wir weiterkommen. Auch wenn das nicht immer Spaß macht.“ Das solle nicht heißen, dass positives Denken per se falsch wäre. Es sei notwendig und gesund, nicht in Negativspiralen abzurutschen und zwischendurch Kraft zu tanken. Dankbarkeits-Meditationen, positive Affirmationen – erlaubt sei, was gefällt. Es gehe eben nur darum, dass die unangenehmen Gefühle dabei nicht verdrängt oder als „falsch“ empfunden werden. 

Winston Churchill sagte einmal, Probleme löse man nicht, indem man sie auf Eis lege. Man löst sie aber auch nicht, wenn man sie nur weglächelt. Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen – und das gelingt vielleicht besser bei einem frischen Glas Zitronenlimonade. 

Wei­ter­le­sen

Mehr zum Thema

Wissenschaft
Schluss mit lustig? Warum Lächeln manchmal ungesund ist
Wissenschaft
Winterdepression oder normaler Winterblues? Das ist der große Unterschied
Wissenschaft
Hypochondrie: Woher kommt die krankhafte Angst vor Krankheiten?
Wissenschaft
Rettung der Ruhe: Wie Lärm unsere Lebensqualität bedroht
Wissenschaft
Frühjahrsmüdigkeit: Das steckt dahinter

Nat Geo Entdecken

  • Tiere
  • Umwelt
  • Geschichte und Kultur
  • Wissenschaft
  • Reise und Abenteuer
  • Fotografie
  • Video

Über uns

Abonnement

  • Magazin-Abo
  • TV-Abo
  • Bücher
  • Newsletter
  • Disney+

Folgen Sie uns

Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2021 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved