Glück als Unterrichtsfach

Kann man Glück lernen? Wie man das Glücklichsein trainieren kann und warum wir ein Schulfach Glück brauchen, erklärt Tobias Rahm vom Institut für Pädagogische Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig im Interview.

Wednesday, May 6, 2020,
Von Anna-Kathrin Hentsch
Glück als Unterrichtsfach

Glücklichsein kann man trainieren. Gehört die Vermittlung von Glückskompetenzen deshalb in den Schulunterricht?

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Menschen träumen vom großen wie kleinen Glück und jeder hätte gerne ein Stück dieser individuellen Emotion, die oft so zufällig erscheint. Kein Wunder, denn Forschungsergebnisse bezeugen die Vorzüge des Glücks. Glückliche Menschen sind im Durchschnitt kreativer und produktiver. Sie sind gesünder, gehen seltener zum Arzt und haben eine längere Lebenserwartung. „Glücklich zu sein, bringt viele Vorteile mit sich“, bestätigt Dipl. Psych. Tobias Rahm vom Institut für Pädagogische Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig. „Es geht aber nicht darum nur positive Emotionen zu haben und alle negativen Emotionen wegzudrücken, es geht vielmehr um einen Gleichklang. Die Positive Psychologie will ganzheitliches Wohlbefinden fördern“, und definiert das Glück dabei keinesfalls als zufällig sondern erlernbar.

Glück messen: Subjektives Wohlbefinden

Um Glück konkret zu messen, arbeitet die Wissenschaft rund um die Positive Psychologie  unter anderem mit zwei Konzepten. Basierend auf der hedonistischen Annahme, dass der Mensch Freude, Zufriedenheit und Glück maximieren und Leid vermeiden will, definierte der amerikanische Psychologieprofessor Ed Diener in den achtziger Jahren das Subjektive Wohlbefinden als subjektive, affektive und kognitive Einschätzung des eigenen Lebens. „Das kommt dem Alltagsbegriff von Glück am nächsten“, erklärt Tobias Rahm, „und wird nach drei Komponenten definiert: Menschen mit einem hohen subjektiven Wohlbefinden haben häufig positive Emotionen. Dazu werden Freude, aber auch Dankbarkeit, Stolz oder Inspiration gezählt. Es geht nicht um das Dauergrinsen, mit dem die Positive Psychologie manchmal negativ assoziiert wird. Sondern um eine Bandbreite positiver Emotionen. Außerdem haben glückliche Menschen seltener negative Emotionen wie Ärger, Wut und Trauer. Das soll nicht bedeuten, dass negative Emotionen wegtrainiert werden sollen, denn sie sind weiterhin wichtig. Es gibt aber Situationen in denen sie uns nicht weiterhelfen. Wenn wir lange und stark Stress und Wut empfinden, z.B. weil uns gerade die Vorfahrt genommen wurde, dann belastet das unser Stresssystem und damit unseren ganzen Körper und macht auf Dauer krank.“

Zu diesen emotionalen Komponenten kommt die kognitive Komponente des subjektiven Wohlbefindens, die sogenannte Lebenszufriedenheit. „Sie definiert, wie zufrieden ich im Allgemeinen mit meinem Leben bin. Man nimmt an, dass sie eine akkumulierte, zusammengefasste Rückschau auf das Leben ist: Wie viele positive Sachen sind passiert, wie viele der wichtigen Ziele hat man erreicht und wie schneidet man im Vergleich zu wichtigen anderen ab. Ist man rückblickend im Ist-Soll-Vergleich nah an seinen Zielen dran, ist die Lebenszufriedenheit in der Regel relativ hoch“, so Tobias Rahm.

Glück messen: Flourishing

Das zweite, neuere Konzept der Wissenschaftler um das Glück messbar zu machen nennt sich Flourishing (deutsch: Aufblühen). Hinter dem bildlichen Namen verbirgt sich ein mehrdimensionales Konstrukt, um psychologisches und ganzheitliches Wohlbefinden zu beschreiben. Laut dem PERMA-Modell des amerikanischen Psychologen Martin Seligmann tragen fünf, bzw. sechs messbare und gestaltbare Elemente zu einem glücklichen Leben bei. Der Begriff „PERMA“ setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe für die Elemente zusammen:

Positive Emotionen

Engagement – das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit

Relationships (engl.) – Beziehungen zu anderen Menschen

Meaning (engl.)  – Sinnerfüllung/zu etwas beitragen, das größer ist als ich selbst

Accomplishment (engl.) – Zielerreichung

„Um das ganzheitliche Wohlbefinden zu erfassen, trägt zusätzlich zu den fünf anschaulichen PERMA-Elementen, noch die sechste Dimensionen der Gesundheit zum Flourishing bei“, erklärt Tobias Rahm. „Geht man noch wissenschaftlicher heran, ist Flourishing ungefähr das Gegenteil einer Depression. Auf einem Kontinuum der psychischen Gesundheit haben wir links den Pol der Depression, der nach der International Statistical Classification of Diseases (ICD-10) definiert wird. Ärzte vergeben ihre Diagnose nach dieser Klassifikation. Für eine Depression müssen laut ICD-10 von den Hauptkriterien depressive Stimmungen, Interessensverlust und verminderter Antrieb, zwei Kriterien erfüllt sein, und weitere auf der Liste von Nebenkriterien. Je nachdem wird eine leichte, mittlere oder schwere Depression diagnostiziert.“

Zustand des Aufblühens: Wenn alle Kinder flächendeckend Glücks-Kompetenzen trainieren, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit nicht an einer Depression zu erkranken.

Bild Alicia Jones/ unsplash.com

Glücklich sein: Der Gegenpol zur Depression

In den letzten hundert Jahren waren die Psychologen*innen gut darin, psychische Erkrankungen zu klassifizieren und zu therapieren. „Am Anfang der Psychologie stand eigentlich auch die Erforschung des Guten im Menschen. Nach den Weltkriegen und den dadurch traumatisierten Menschen war nun lange Anderes vordergründig. Doch so langsam erholt man sich davon und die Positive Psychologie wird seit der Jahrtausendwende wieder verstärkt betrieben. Felicia A. Huppert and Timothy T. C. So haben das Aufblühen äquivalent zur ICD-10 klinisch definiert: Es gibt Haupt- und Nebenkriterien von denen man eine bestimmte Anzahl erfüllen muss“, so Rahm. Damit ist eine wissenschaftliche Vergleichsgröße entstanden, die es viel besser möglich macht, auch die positive Seite der Psyche zu messen und in die Diskussion um depressive Erkrankungen und ganzheitliches Wohlbefinden einzubringen.

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit gehören depressive Störungen zu den häufigsten und am meisten unterschätzen Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt im Jahr 2020 circa 350 Millionen Menschen, die an der weltweit zweithäufigsten Volkskrankheit leiden.

Glück als Unterrichtsfach

Für Tobias Rahm ein Grund, für Glück als Unterrichtsfach zu plädieren: „Das Lebenszeitrisiko an einer Depression zu erkranken liegt für Männer bei ungefähr zwanzig, für Frauen bei etwa dreißig Prozent. Bei diesen Zahlen muss man sich überlegen, ob man dagegen nicht massiv vorgehen sollte. Es gibt zwar Präventionsprogramme, doch laut einer Studie der WHO aus dem Jahr 2015 kosten Depressionen und Angststörungen durch Behandlung, Klinikaufenthalt, Abwesenheit vom Arbeitsplatz, etc., die EU-Wirtschaft jährlich 170 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund halte ich es für absolut angezeigt, zu sagen wir möchten mehr Menschen in den Zustand des Aufblühens bringen. Wenn wir das ganze gesellschaftlich verankern wollen, müssen wir dafür natürlich in die Bildungssysteme rein und es Kindern frühzeitig beibringen.“

Kleine Übungen mit großer Wirkung: Investiert man etwas Zeit in sein Glück, sind die positiven Auswirkungen noch Monate später messbar.

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Übung zum glücklich werden

Denn trainiert man konkrete Kompetenzen, erhöht man die Wahrscheinlichkeit, sich mehr in Richtung Aufblühen und weniger in Richtung Depression zu entwickeln. „Glück kann man lernen“, sagt Rahm. „Ein einfaches Beispiel und eine meiner Lieblingsübungen aus der Positiven Psychologie nennt sich `Drei gute Dinge´: Man schreibt eine Woche lang jeden Abend drei Dinge auf, die heute gut waren und was man selbst dazu beigetragen habe, dass einem diese guten Dinge passiert sind. Mehrere Studien haben belegt, dass sich positive Effekte auch ein halbes Jahr später noch zeigen. Wer nur sieben Mal fünf Minuten in die positive Wahrnehmung und in sein Glück investiert, kann hoffen, dass sich das nachhaltig auf das eigene Leben auswirkt.“

Glück lehren

Man kann das glücklich sein also lernen, aber kann man es auch lehren? Tobias Rahm bejaht: „Man kann den Menschen Skills und Kompetenzen zur Problembewältigung und zum Glück beibringen. Zum Beispiel die Fähigkeit wieder zu erlernen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Dinge zu bemerken die einen zum Lächeln bringen, nach positiven Sachen zu suchen. Davon gibt es eine Menge“. Damit wirkt man aktiv dem verzerrenden Negativitätseffekt entgegen, durch den negative Informationen überproportional wahrgenommen werden. „Negative Dinge schaffen es schneller in unsere bewusste Verarbeitung. Das kommt noch aus Zeiten des Säbelzahntigers, als es wichtig war sofort auf Bedrohungen zu reagieren, während das hübsche Blümchen am Wegesrand immer nur in stressfreien Situationen wahrgenommen wurde. Heute haben wir weniger Säbelzahntiger aber mehr soziale Stressoren. Werteverletzungen oder die Bedrohung unserer Ziele sind heute die Säbelzahntiger-Signale auf die wir reagieren müssen und die unser Stresssystem aktivieren. Unter Stress sind unsere Handlungstendenzen massiv eingeschränkt, das evolutionäre Programm legt uns vorrangig Angriff oder Flucht als Verhaltensoptionen nahe. Sind wir dagegen in positiven Emotionen unterwegs, erweitern sich unsere Denk- und Handlungstendenzen. Barbara Fredrickson macht in ihrer Broaden-and-build-Theorie anschaulich, wie es durch häufige positive Emotionen dazu kommt, dass wir aufblühen, weil wir mehr Verhaltensoptionen haben. Je öfter wir diesen erweiterten Tendenzen nachgehen, desto eher bauen wir Ressourcen auf und sind dadurch z.B. motiviert großes zu leisten. Das führt zu einem besseren Überleben, einer höheren Wahrscheinlichkeit einen Partner zu finden und zu persönlichem Wachstum. Einfach durch das Ziel, mehr positive Emotionen zu erleben, kann sich eine selbstverstärkende Aufwärtsspirale in Gang setzen lassen.“

Glück auf dem Stundenplan

Während die konsequente Umsetzung hierzulande auf sich warten lässt, ist die australische Privatschule Geelong Grammar School mit ihrem Ansatz der `Positive Education´ seit 2007 so erfolgreich, dass aus der Schule heraus das Institute of Positive Education gegründet wurde, das deutlich über 10.000 australische Lehrer weitergebildet. Der veröffentlichte Lehrplan sieht einen zwei-stündigen, wöchentlichen Unterricht von der ersten bis zur zwölften Klasse vor. Der Schwerpunkt des Fachs liegt auf den sechs Elementen des PERMA-Konzepts, denen unterschiedliche Unterrichtseinheiten zugeordnet sind.

Galerie: Vintage-Fotos des „glücklichsten Ortes der Welt"

In Deutschland bieten private Institute wie das Fritz-Schubert-Institut (FSI) Weiterbildungen für Lehrkräfte zum Schulfach Glück an. Für den Gründer des Instituts, Fritz Schubert, besteht ebenfalls eine Notwendigkeit einer Anpassung des Bildungssystems: „Unser traditionelles Schulmodell vermittelt zwar viel Wissen, aber kaum Orientierung. Unsere Welt und die Bildungslandschaft der Kinder und Jugendlichen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immens verändert. Wir haben es mit völlig anderen Gesellschaftsstrukturen zu tun, die Digitalisierung erhöht die Komplexität unseres Lebens. Hinzu kommt die ständige Reizüberflutung, die  viele Kinder und Jugendliche überfordern. Wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand sind an ihre ökologischen Grenzen gestoßen. Wir müssen deshalb auch lernen zu verzichten, wenn wir diese Welt für unsere Enkel noch lebenswert sein soll. Wenn sich die Rahmenbedingung der Gesellschaft so drastisch verändern, muss sich auch die Schule verändern. Stattdessen überhäufen wir unsere Kinder mit Fakten, die zu gut informierter Orientierungslosigkeit führen. Kinder und Jugendliche stehen aber vor zunehmend großen Herausforderungen in allen  Lebensbereichen, die in besonderem Maße personale Kompetenzen erfordern. Dazu gehören zum Beispiel Eigenverantwortung, Entscheidungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Konfliktfähigkeit, Disziplin, sowie die Fähigkeit zum Verzicht oder Bedürfnisaufschub. Es ist notwendig, dass Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler bei dem Erwerb dieser persönlichen Kompetenzen unterstützen. Im Rahmen des Pilotprojekt Glück bildet die SETHASA gGmbH als Kooperationspartner des FSI auch angehende Lehrkräfte für diese Aufgabe aus. Jährlich können über 300 interessierte Lehrkräfte und 100 Lehramtsstudierende ihr Professionsverständnis schärfen, Haltungen, gewinnen und Methoden kennenlernen, um die Persönlichkeit der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu stärken.“.

Auch Fritz Schubert plädiert für ein frühzeitige Verankerung: „Je früher wir anfangen, die Persönlichkeit durch Vermittlung von positiven Haltungen und Einstellungen zu stärken, desto größer ist die Chance körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen. Das wurde in vielen wissenschaftlichen Studien bewiesen. Die dazu notwendigen inneren Stärken erwirbt man nicht durch Belehrung, sondern durch Übung. Genau das erleben die Kinder und Jugendlichen im Schulfach Glück“.

Bitte lächeln - und zwar strukturiert und von oben verordnet. Dafür braucht es Kooperationen zwischen Wissenschaft, Ausbildungsseminaren, Kultusministerien, Gewerkschaften der Lehrer und den Schülern.

Bild Jonathan Daniels

Wann kommt Glück als Unterrichtsfach?

Die am FSI ausgebildeten Lehrer zahlen bisher ihre Weiterbildung selbst und unterrichten üblicherweise an den Schulen, an denen sie beschäftigt sind. Dazu gehören mittlerweile über 200 Schulen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Darüber hinaus arbeitet die Sethasa mit Schulen zusammen, die Lehramtsstudierende für ein Schuljahr bei dieser für den wöchentlichen Glücksunterricht „buchen“. Mit den teilnehmenden Schulen werden Gespräche über mögliche Synergien, Integration und den Idealfall, das „Schulfach Glück“  zu einem festen Bestandteil des Schullebens zu machen, geführt. „Ziel ist es, über die Zusammenarbeit mit den Lehrstühlen der Universitäten auch Impulse auf die Lehrerausbildung zu geben“, so Ellen Scheiter, Geschäftsführerin der SETHASA. 

Während die Wissenschaft, Institute und Lehrer die Einführung eines Schulfachs Glück für eine gute Idee halten, „finden einige Politiker, mit denen ich gesprochen habe, das sollte nebenbei, nicht explizit laufen“, erklärt Tobias Rahm von der Universität Braunschweig. „Doch da muss ich widersprechen, denn wir können etwas explizit vermitteln, das die Wahrscheinlichkeit aufzublühen signifikant erhöht. Die Vermittlung von Glückskompetenzen strahlt auf viele Bereiche des Lebens aus und hat das Potenzial gesellschaftsverändernde Ereignisse und Menschen mit sich zu bringen. Wir haben hier eine Möglichkeit, es allen Menschen besser gehen zu lassen. Hinzu kommen sogar noch ökonomische Vorteile. Solch ein essenzielles Konstrukt, dass auf so viele Bereiche ausstrahlt und das man tatsächlich lehren, trainieren und lernen kann, gehört unbedingt in Schule – und zwar strukturiert und von oben verordnet. Dafür brauchen wir Kooperationen zwischen Wissenschaft und Ausbildungsseminaren, den Kultusministerien und den Gewerkschaften der Lehrer und den Schülern. Wie man das Schulfach dann nennt – Glückskompetenzen, Lebenskompetenzen oder einfach Psychologie & Leben – ist letztendlich egal.“

 

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