Warum gibt es trotz Klimawandel Schnee?

Die deutschen Winter werden aufgrund der Erderwärmung zunehmend milder. Trotzdem gibt es frostige Tage – und sogar Schnee. Wie das Winterwetter entsteht und ob es in Zukunft Hoffnung auf weiße Weihnachten gibt.

Weiße Weihnachten – auch in diesem Jahr wird das in Deutschland vielerorts ein Wunsch bleiben. Die Erderwärmung sorgt für mildere Winter. Warum kommt es an manchen Tagen trotzdem zu Frost und Schnee im Flachland? 

Foto von Rüdiger Manig / Deutscher Wetterdienst / flickr
Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 22. Dez. 2022, 08:38 MEZ

Eisige Minusgrade, zugefrorene Seen und mancherorts sogar mehrere Zentimeter Schnee: Der Winter hatte Deutschland in den letzten Wochen fest im Griff. „Der Dezember war bisher zu kalt“, sagt Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

In der Statistik am Ende des Winters wird sich dieser kalte Monat allerdings wieder relativieren, vermutet Friedrich, denn im Trend werden die deutschen Winter aufgrund des Klimawandels milder. Einzelne Kälteperioden mit Schnee und Eis seien trotzdem immer wieder möglich. Wie kommt es trotz der Erderwärmung zu dem frostigen Winterwetter? Und gibt es in Zukunft doch noch Hoffnung auf weiße Weihnachten? 

Globaler Klimawandel versus regionales Wetter

Friedrich erklärt, dass der globale Klimawandel und das aktuelle regionale Wetter nicht miteinander gleichgesetzt werden dürfen. „Das muss man klar trennen: Unser Wetter variiert viel stärker. Es wird von der ganz langsamen Erwärmung überlagert, die jedes Jahr zunimmt“, so der Meteorologe. Die Erderwärmung schreite seit der Industrialisierung unaufhaltsam voran, die Auswirkungen seien allerdings eher auf lange Sicht und im Vergleich mit den vergangenen Jahrzehnten zu spüren. 

Das regionale Wetter ist hingegen abhängig von den europäischen Großwetterlagen – und die ändern sich teilweise rasant. Meistens kommt das deutsche Wetter vom Atlantik, erklärt Friedrich. Das sorge für eher milde und feuchte Winter mit Regen im Flachland und vereinzeltem Schneefall in den Mittelgebirgen oder den Alpen. Für kalte und schneereiche Winter brauche es dagegen Großwetterlagen mit Luftmassen aus dem Nordosten – aus Nord-Finnland oder Nord-Russland beispielsweise –, die entweder öfter hintereinander auftreten oder länger anhalten – wie in der ersten Dezemberhälfte. 

Wenn sich diese Großwetterlagen mit Luftströmungen aus dem Nordosten einstellen, können sie für einige Tage oder Wochen eisige Minusgrade nach Deutschland bringen. Sogar Schnee im Flachland ist dann möglich. Die Umschwünge in den Großwetterlagen sind dabei eher zufällig, sagt Friedrich. Ganz genau könne man nicht voraussagen, wann und ob sich in einem Winter eine bestimmte Großwetterlage einstelle. Es gibt jedoch alle Jahre wieder Ausreißer in der Statistik, die sich als Frost- oder Eistage bemerkbar machen. 

Seit Jahrzehnten nimmt aber sowohl die Frequenz solcher Großwetterlagen als auch die Anzahl der mit ihnen einhergehenden Frost- und Eistage ab – Tendenz weiter sinkend. „Und das ist eindeutig dem Klimawandel geschuldet, dass diese Wetterlagen – wenn sie sich dann einstellen – nicht mehr so tiefe Temperaturen bringen wie noch vor 30 oder 40 Jahren“, erklärt Friedrich. Der Grund dafür: Die Jahresmitteltemperatur sei global gestiegen. Das mache kalte, schneereiche Winter im Flachland in Zukunft immer unwahrscheinlicher. 

Die Anzahl der Eistage nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten durchschnittlich ab. Einzelne Ausreißer gibt es in der Statistik trotzdem immer wieder. Sie sind Indikatoren für kaltes Winterwetter, das trotz Klimawandel möglich ist.

Foto von Deutscher Wetterdienst

Auch die Anzahl der Frosttage in Deutschland sinkt im Durchschnitt stetig. 

Foto von Deutscher Wetterdienst

Seit Jahrzehnten nimmt aber sowohl die Frequenz der Großwetterlagen aus Nordosten als auch die Anzahl der mit ihnen einhergehenden Frost- und Eistage ab – Tendenz weiter sinkend. „Und das ist eindeutig dem Klimawandel geschuldet, dass diese Wetterlagen – wenn sie sich dann einstellen – nicht mehr so tiefe Temperaturen bringen wie noch vor 30 oder 40 Jahren“, erklärt Friedrich. Der Grund dafür: Die Jahresmitteltemperatur sei global gestiegen. Das mache kalte, schneereiche Winter im Flachland in Zukunft immer unwahrscheinlicher.

Mehr Neuschnee durch die Erderwärmung?

Ein kurioser Zusammenhang könnte künftig allerdings zwischen dem Klimawandel und dem Schneefall in Höhen über 1.500 Metern bestehen. Denn: Je milder die Winter werden, desto nasser werden sie – und desto mehr Schnee ist prinzipiell möglich. Während die durchschnittliche Niederschlagsmenge im Sommer durch die Erderwärmung seit Jahren deutlich sinkt, hat sie sich im Winter etwas erhöht. Das ergeben die Daten der Jahrzehnte umspannenden Klimadiagramme des DWD. 

„Wir werden zusätzlich mehr Luft vom Atlantik bekommen, die mehr Feuchtigkeit speichern kann“, so Friedrich. Das begünstige den Schneefall ebenfalls. „Und dann hängt es von der Temperatur ab.“ In den höheren Alpenregionen sind die Temperaturen häufig noch gering genug, damit aus der Feuchtigkeit und dem Niederschlag Eis und Schnee werden können. So ist in über 1.500 Metern durch die stetige Erwärmung mit mehr Neuschnee als in den letzten Jahrzehnten zu rechnen. Im Flachland wird es dagegen häufiger regnen. 

Weiße Weihnachten: Alle zehn Jahre wieder 

Während weiße Weihnachten in den Alpen oder im Erzgebirge keine Seltenheit sind, kommt es vor allem in West- und Norddeutschland immer seltener zu Schnee an den Feiertagen.

Foto von Deutscher Wetterdienst

Die Chancen auf weiße Weihnachten stehen aufgrund des Klimawandels mit jedem Jahr flächendeckend schlechter. „Schon heute liegt die Wahrscheinlichkeit im Norden und Westen Deutschlands oft unter zehn Prozent, also im Mittel nur alle zehn Jahre an einem Weihnachtstag eine Schneedecke“, erklärt Meteorologe Uwe Kirsche vom DWD. Auch dieses Jahr erwarten die Meteorologen des DWD eher grüne Weihnachten: Die Wetterlage hat sich umgestellt, die Zeichen stehen auf Plusgraden und Tauwetter. 

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